Progressive Rock/Metal gilt in weiten Teilen der Szene als eher unzugänglich und sperrig. Auch wenn es meist nicht so klar ausgedrückt wird, hört man häufiger Aussagen wie „also die Band … ist nicht so meins“ und mal ganz unter uns – der autonormale Konsument von handgemachter Musik aus dem Mainstreambereich wird wohl auch nie ein Ohr für derart experimentelle Klänge haben.
Aber dennoch hat sich das Euroblast, seit seiner ersten Ausgabe im Jahr 2008, mittlerweile zu einer festen Größe der weltweiten Progressive-Szene etabliert und ist aus der Kölner Essigfabrik mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Jedes Jahr zum Herbstanfang pilgert die Euroblast-Community aus aller Herren Länder nach Köln, um 3 Tage lang nicht nur Größen der Musik, sondern auch ein alternatives Volksfest zu feiern. Zwischen Konzerten, Street-Food, kalten Getränken, Tattoos, Gitarren und unzähligen Steh- und Sitzmöglichkeiten lässt es sich extrem gut flanieren.
Tag 1 – 03.10.2024 vom Euroblast
Nachdem wir den Auftakt des Festivals durch Verkehrsschwierigkeiten auf der A4 verpassten, markierte der Auftritt der Kölner Progressive-Death-Metal-Band Ayahuasca unseren Festivalbeginn für 2024. Die Essigfabrik hatte sich gut (ca. 80%) gefüllt und die Band kam zu südamerikanischen Klängen auf die Bühne. Apropos „Ayahuasca“ – Der Name der Band ist nach einem halluzinogenen Getränk benannt, das den Ureinwohnern im Amazonasgebiet zur Bewusstseinserweiterung dient. In Deutschland würde man das Ganze Droge nennen.
Ob die gleichnamige Band eine ähnliche Bewusstseinserweiterung liefern kann?
Jedenfalls schien die 7-köpfige multikulturelle Band bei der Community ziemlich gut anzukommen. Schon beim ersten Song wurde jedem Metalfan klar, wo die Wurzeln der Band liegen. Die südamerikanischen Percussions lassen keine andere Schlussfolgerung zu, als dass frühere Klänge von Sepultura und Soulfly hier ihre Prägung deutlich hinterlassen haben. Ebenso ist ein Mix aus verschiedenen Metalstilen herauszuhören. Der klassische Deathmetal der 90er Jahre vereint mit progressiven Elementen ala Opeth.
Die Combo hatte sichtlich Spaß auf der Bühne und schien ebenso zufrieden mit Ihrem Auftritt. Auch wenn die Bewusstseinserweiterung beim Zuhörer ausblieb, lieferten die Jungs hier ordentlich ab und zogen die Zuschauer mit ihrem bunten Mix aus den unterschiedlichen Stilen in ihren Bann. Der Auftritt von Ayahuasca markierte jedenfalls einen großartigen Einstand. 6/10
Ayahuasca
Während der 50-minütigen Umbaupause zum nächsten Act wurde es Zeit, das restliche Gelände ein wenig zu erkunden. Die Veranstalter hatten sich sichtlich Mühe gegeben, alle möglichen aufkommenden Gelüste zu befriedigen. Sogar wenn man plötzlich auf die Idee kam, sich ein Tattoo stechen lassen zu wollen, konnte man dies auf dem Außengelände tun.
Vorbei am riesigen Merchandise-Stand ging es hinter die Halle. Dort fand man neben einer sehr vielseitigen Streetfood-Area diverse Sitzmöglichkeiten, eine Getränketheke und Stände zum Shoppen von Kunst- und Kulturgütern. Und damit die Technikfreaks unter Musikern auch zum Zug kamen, gab es zusätzlich noch Stände zur Gitarrenreparatur und einen Stand zum Test einiger Instrumente, die sichtlich innovativ wirkten.
Nachdem Leib und Seele frisch genährt waren, ging es zurück an die Mainstage, um die Lokalmatadore Floya zu empfangen. Ich muss zugeben, dass ich von der Band Floya noch nie gehört hatte und war daher auch nicht sonderlich gespannt auf den Auftritt. „Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht“ so lautet eine alte Weisheit, und im Kern trifft sie hier irgendwie zu. Die Erwartungshaltung war gleich Null. Doch das, was dann kam, sollte einen bombastischen Eindruck hinterlassen.
Floya, das sind im Grunde das Kölner Duo Marv Wilder & Phil Bayer. LIVE werden die beiden von einem Drummer unterstützt, über den jedoch keinerlei Informationen vorliegen.
Die Musik des Duos erinnerte von Beginn der Show direkt an eine Mischung aus Muse & Coldplay – nur viel komplexer. Will heißen, dass die Musik eine absolut traumatische Erfahrung darstellt, die den Boden mit den Sternen verbindet. 100 % Leidenschaft, grandioses Songwriting und ein wahnsinniges Gitarrenspiel, gebündelt mit einer unglaublich gefühlvollen Stimme. Eine Darbietung, die ihres Gleichen sucht und die Grenzen zwischen Realität und Unendlichkeit verfließen lässt. Dieses Projekt hat nicht nur das Potenzial, sich jahrelang in der alternativen Szene zu etablieren, sondern könnte das ganz große Ding der nächsten Jahre werden. Wenn die Protagonisten so träumen wie das Publikum beim Konzert, stehen die Chancen nicht schlecht! 10/10
Floya
Den Abschluss des ersten Festivaltages markierte der Auftritt der Wiesbadener Metalband Unprocessed. Bei Ihrem ersten Auftritt auf dem Euroblast 2018 wurde das Festival noch von Ihnen eröffnet. Bei der diesjährigen Ausgabe fiel der Band der erste Headliner-Slot am Donnerstag zu. Mit rund 250.000 monatlichen Hörern bei Spotify und 90.000 Followern bei Instagram weisen die vier Musiker ordentliche Kennzahlen ab und sind somit auch eine Hausnummer auf dem deutschen Musikmarkt. Wenn auch Ihre Musik nicht eindeutig einer genauen Stilrichtung zugeordnet werden kann.
Die Band verknüpft eine Vielzahl von Einflüssen, sogar aus dem R&B-Sektor und teils elektronischer Musik. Die Halle war jetzt bis auf den letzten Platz gefüllt und die Band feuerte gut ab. Die Crowd war da und gab das musikalische Feuerwerk in Form von Circle-pits zurück. Alles in allem eine sehr gelungene anderthalbstündige Show, die einen würdigen Abschluss des ersten Festivaltages darstellte. 7/10
Unprocessed
Euroblast 2024 Tag 2 – Eine musikalische Weltreise
Die Haare gerichtet, das Hirn zurechtgerückt, ging es in Tag 2 des wundervollen 19. Euroblast Festivals. Bei herbstlichen Temperaturen ging es eine kleine Runde über das sich noch im Winterschlaf befindende Festivalgelände. Ja, auch bei einem Indoor Festival gibt’s sowas! Als ich zwischen Festival-Merch, dem Kemper-Stand und dem Stand einer veganen Bäckerei vorbei lief, muss ich grinsen… Ja dieses Euroblast hat wirklich was! Was es genau hat, sollte sich im Laufe des Tages noch herausstellen. Aber dazu später mehr.
In den Tag starteten wir mit einer beschwingten Prise brutalem Metal auf Bottroper Art. Daher kommt das Quartett nämlich, das den Keller der Essigfabrik schier zum Einsturz brachte. We Are Perspectives haben offensichtlich eine Fanbase dabei und werden mächtig abgefeiert. Kein Wunder: Die Truppe lieferte knallharte Blastbeats und Breakdowns. Was will man mehr?!
Danach ging es für mich zur Mainstage. Dort ist die Technik für Anima Tempo angerichtet. Bei der sympathischen Truppe aus Mexiko City hört man sofort, warum sie auf einem Prog-Festival spielen. Vertrackte Gitarrenlinien treffen auf Slapbass. Das Ganze in einem Harmonieraum, den wir Europäer als exotisch beschreiben würden und mit einem spannenden Wechsel der cleanen Vocals und Shoutings.
Die Jungs machten richtig Spaß! Durch ihre energiegeladene Show und ihr musikalisches Können rissen sie das Publikum der noch nicht ganz gefüllten Essigfabrik, mit. Hatte ich gesagt, die Technik war angerichtet? Naja… Nicht so ganz. Mitten im Set brach die Band ihren Song ab, da sich ihr Laptop aufgehangen hatte. Das USB-Verbindungsgeräusch, das kurz darauf über die Anlage zu hören war, wurde von den Fans mit „USB! USB! USB!“-Sprechchören humorvoll gefeiert. Die Band überbrückte die kurze Pause gekonnt mit Drum- und Basssoli.
Anima Tempo
Während der Umbaupause schlenderte ich mit einem Kaffee zurück in den Untergrund, um Kolari zu hören. Die zerlegten mit ihrem etwas anderen Hardcore ordentlich die Bude. Hier und da mal ein schiefer Takt… PostHardcore? Oder sogar Euroblast-genehmigter Progressive Hardcore?! Ist eigentlich egal… Die Band passte wunderbar hier rein!
Als nächster Act betraten Kardashev aus den USA die Mainstage. Was klingt, wie ein osteuropäisches Gericht, entpuppt sich als eine Mischung aus Atmosphäre, Blastbeats, Growls, Screams, wunderschönen Cleanvocals und harmonischen Klangteppichen aus Black Metal-Gitarren und Synthies. Das ruhige, fast schon introvertierte Auftreten der Band unterstreicht die Stimmung zusätzlich und machte den Auftritt wunderbar authentisch! Und übrigens… Mit Osteuropäisch lag ich gar nicht so daneben… Kardashev war ein sowjetischer Astrophysiker, nach dem sich die Band benannt hat. Und tatsächlich hat der Sound der Band etwas, das einen in höhere Sphären hebt. Einen großen Anteil daran hat der Sänger Mark Garrett, der vom ersten Moment an eine wahnsinnige, charismatische Ausstrahlung hat.
Kardashev
Als nächster Künstler zeigte Jakub Zytecki mit seiner Band sein Können. Wenn als Bandname nur der Name des Frontmanns abgedruckt ist, ist schon klar… Der kann was! Ähnlich wie bei diversen Kollegen steht auch bei ihm sein Können an der Gitarre im Vordergrund. Mit Jazz-Elementen, nicht immer leicht zugänglichen Harmonien und komplexer Rhythmik begeistert er das Publikum des Euroblast, das genau für solche musikalischen Besonderheiten nach Köln gereist ist.
Jakub Zytecki
Ten56. eröffneten den Reigen der französischen Gäste. Die Band um Frontmann Aaron Matts gab schon bei Betreten der Bühne dermaßen Gas… Wow! Was für eine Energie! Da musste ich meine Kamera hier und da mal schnell zur Seite nehmen, da ein Bassist angeflogen kommt. Moment mal… Aaron Matts? Ja, richtig… Der hat doch mal bei…?! Genau, der hat doch mal bei Betraying the Martyrs gesungen! Ten56. ist sein neues Projekt. Ich persönlich hatte von der Band vorher bereits gelesen, aber noch nichts gehört. Aber ich muss sagen, allein die Intensität hatte mich mitgerissen.
Rein musikalisch habe ich mich allerdings gefragt, ob die Band im Lineup eines Festivals für progressive Musik richtig ist. Reichen da die Industrial-Einflüsse? Lässt man diese Fragen beiseite: Ein Mega-Auftritt einer starken Band, die sich traut, an vielen Stellen mit „normalen“ Core-Schemata zu brechen und ihren eigenen Weg zu gehen! Macht Spaß!
Ten56
Vor einigen Monaten durfte ich die folgende Band schon einmal auf Tour besuchen: Novelists. Damals noch recht frisch mit ihrer neuen Frontfrau Camille Contreras, die sich damals noch in ihre Rolle einfinden musste. Heute präsentierte sich die Band als tolle und sehr sympathische Einheit auf der Bühne. Der Funke sprang direkt über, die Fans waren sofort mitgerissen. Energiegeladen und voller Spielfreude haute die Band Song um Song raus, ohne dabei nachzulassen! Die von den französischen Durand-Brüdern gegründete Band überzeugte und bot 50 Minuten besondere, aber sehr eingängige und mitreißende Musik, verpackt in eine energiegeladene Show.
Novelists
Und dann endlich… Die lang erwarteten Headliner des Tages! Australien hat in den letzten Jahren in diesem Genre zwar nicht sonderlich viele Bands hervorgebracht. Aber die Handvoll, die Kracht! Eine Band aus diesem Kreis ist Northlane! Ihre Fanbase wächst und wächst. Zurecht! Mit coolen Lichtelementen auf der Bühne, einem Gitarristen mit Star Trek-mäßigem leuchtendem Gesichtsschmuck und ohne die szenetypischen Egoriser am Bühnenrand lieferte die Band eine tolle Show über 90 Minuten ab.
Neben dem neuen Song „Miasma“ gab die Band auch Klassiker wie „Clockwork“ und „Nova“ als Letzte Songs zum Besten. Ich muss aber ehrlich sagen: Mit einer „Vorband“ wie Ten56 und Novelists hat man es auch als Northlane schwer, die Energie oben zu halten. Aber trotzdem: Musikalisch wie auch von der Bühnenpräsenz: Eine tolle Show und des Headliner-Slots absolut würdig!
Nach Northlane geht es mich aufgrund fortschreitender Erkältung leider zurück zur Unterkunft, in der ich leider den Festivalsamstag mit Grippe im Bett verbringen muss! Für mich persönlich und musikalisch äußerst schade, da ich mich sehr auf Avalanche Effect, Mnemic, Chaosbay und Calligulas Horse gefreut hatte!
Trotzdem: Das Euroblast war ein super Festival, bei dem wir Pressemenschen sehr offenherzig empfangen wurden! Alles ist super familiär und heimelich! Wir kommen auf jeden Fall wieder! Egal ob mit oder ohne Kamera! Danke Euroblast für einen sehr schönen Festivaltag bei euch!
Benjamin Uhle & Tilo Sief
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