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Cancel Culture: Ein Schlagwort mit begrenzter Haltbarkeit

Cancel Culture: Ein Schlagwort mit begrenzter Haltbarkeit

Der Begriff Cancel Culture stammt aus dem englischen Sprachraum und bezeichnet den Versuch, Personen oder Organisationen aus dem öffentlichen Diskurs auszuschließen, weil ihnen unliebsame Aussagen oder Handlungen vorgeworfen werden. Im Deutschen wird er oft als „Absage-“, „Lösch-“ oder „Zensurkultur“ übersetzt.

Auf den ersten Blick wirkt das wie eine ernsthafte Kritik an Machtmissbrauch und Diskriminierung, aber auf den zweiten Blick ist es vor allem ein praktisches Totschlagwort, mit dem sich jede unbequeme Kritik zuverlässig als „Zensur!!!“ umetikettieren lässt.Tatsächlich ist Cancel Culture kein klar definierter Mechanismus, der automatisch zum sozialen Tod von Menschen führt. Nein, vielmehr wird der Begriff oft dann bemüht, wenn jemand öffentliche Kritik oder Konsequenzen erfährt.

Xavier Naidoo: Gecancelt? Muss man darüber streiten?

Ein Beispiel: Der Sänger Xavier Naidoo hat durch seine wiederholten antisemitischen, verschwörungsideologischen und reißerischen Aussagen und Songtexte langjährige Kritik hervorgerufen. Manche beklagen dann „Cancel Culture“, wenn ein Sender oder Veranstalter Abstand nimmt. Doch ist das wirklich Canceln oder ganz einfach eine Konsequenz aus dem Verhalten einer Person?

Wenn jemand wiederholt durch problematische Aussagen auffällt, dann ist es kein spontanes Canceln, sondern eine gesellschaftliche Reaktion auf Inhalt und Wirkung dieser Aussagen. Kritik ist kein Stopp-Schild fürs Denken, sondern Teil eines pluralen Diskurses und das zu vergessen, ist der eigentliche Blödsinn.

Gil Ofarim im Dschungelcamp ist der lebende Gegenbeweis

Ein weiterer interessanter Fall ist Gil Ofarim. Nach einem öffentlich kontrovers diskutierten Vorfall („Davidstern-Affäre“) und einer anschließenden Gerichtsverhandlung war er für viele aus dem öffentlichen Blickfeld verschwunden. Jetzt ist er also wieder da. Im Dschungelcamp. Natürlich. Und als wäre das nicht schon genug, hat er das Ganze auch noch gewonnen. Man reibt sich kurz die Augen, prüft nochmal, und stellt fest: Das ist Realität. Trotz aller Kontroversen, Skandälchen, Schlagzeilen und kollektiven Stirnrunzel-Momente marschiert er unbeirrt durchs australische Grün, isst Dinge, die nicht gegessen werden sollten und wird dafür am Ende mit einer Krone belohnt. Deutschland hat gesprochen. Oder zumindest angerufen.

Trotz Boykott-Appellen und Kritik im Netz kam Ofarim also nicht nur einfach zurück, sondern bekam sogar eine prominente TV-Plattform. Wenn das Cancel Culture sein soll, dann ist sie ein erstaunlich zahnloses Gespenst. Sie taucht kurz auf, rauscht einmal durch die Timelines und verschwindet dann wieder im Dunkel. Zurück bleiben keine Leerräume und keine Konsequenzen, sondern gut gefüllte Hallen, laufende Verträge und stabile Einnahmen. Denn auch Xavier Naidoo fügt sich mühelos in dieses Muster ein. Ein kurzes Abtauchen, ein kontrolliertes Schweigen, möglichst wenig Öffentlichkeit. Dann die Rückkehr. Die Bühnen sind wieder da, das Publikum auch, die Konzerte ausverkauft. Gesungen wird, als wäre nichts gewesen. Kritik wird nicht beantwortet, sondern übertönt. Applaus ersetzt Erinnerung.

Cancel Culture wirkt hier nicht wie eine gesellschaftliche Reaktion, sondern wie ein kalkulierter Zwischenakt. Man verschwindet lange genug, bis niemand mehr genau hinsieht. Empörung hat ein Ablaufdatum. Verantwortung auch. Danach geht es weiter wie zuvor, nur mit einer neuen Erzählung und einem sauberen Neustart.

Gecancelt wird in diesem System niemand. Es wird gewartet, geschwiegen und ausgesessen. Und am Ende zeigt sich, wie verlässlich dieses Prinzip funktioniert. Wer Geduld hat und eine Bühne, kommt zurück. Fast so, als hätte es nie etwas gegeben, worüber man hätte reden müssen.

Vergessen als gesellschaftliche Komfortzone

Ein TV Sender entscheidet also im Fall Gil Ofarim, dass der Unterhaltungswert schwerer wiegt als jede Form von Empörung. Einschaltquoten schlagen Einordnung, Aufmerksamkeit schlägt Verantwortung. Das ist kein moralisches Versagen, sondern ein nüchterner wirtschaftlicher Prozess. Kritik erzeugt Aufregung, Aufregung erzeugt Reichweite und Reichweite lässt sich vermarkten. Ein kritisierter Mensch ist in dieser Logik kein Risiko, sondern ein Produkt mit eingebautem Skandalbonus.

Was sagt das über die Fernsehlandschaft? Wahrscheinlich, dass sie genau das zeigt, was funktioniert. Kontroverse verkauft sich besser als Haltung. Differenzierung ist leise, Empörung ist laut und Lautstärke bringt Geld. Das Fernsehen bildet keine Wirklichkeit ab, es verstärkt das, was klickt, triggert und hängen bleibt. Der Skandal um Gil Ofarim ist kein Unfall, er ist Teil des Formats. Und Menschen haben ihm zum Dschungelkönig gewählt.

Und Xavier? Da wird es unangenehm, denn hier endet die bequeme Schuldzuweisung an Medienhäuser ebenso. Wer heute Konzerthallen füllt, tut das nicht allein. Tickets werden nicht von Algorithmen gekauft, sondern von Menschen. Wer sagt, man habe ja alles vergessen, sagt in Wahrheit, man habe nie genau hingesehen oder es habe einen nicht genug interessiert. Erinnerung ist unbequem, Vergessen deutlich einfacher.

Vielleicht liegt das eigentliche Problem also nicht bei angeblich cancelnden Mobs oder gierigen Sendern, sondern bei uns selbst. Bei einer Gesellschaft, die Empörung konsumiert wie Unterhaltung und Verdrängung mit Vergebung verwechselt. Man muss niemanden rehabilitieren, wenn man sich einfach entscheidet, nicht mehr nachzudenken. Und so drehen sich Bühne, Bildschirm und Kasse weiter, während wir uns einreden, das alles habe mit uns nichts zu tun.

Kritik wird zu oft mit Canceln verwechselt

Ein Grundproblem der aktuellen Debatte ist auch: Jede Form von Kritik oder Konsequenz wird sofort als „Cancel Culture“ gebrandmarkt.

Aber Kritik ist kein Verbot. Sie ist Reaktion, nicht Exekution. Wenn Menschen sagen „Ich finde X problematisch“, dann äußern sie eine Meinung. Wenn Unternehmen darauf reagieren, dann tun sie das aus eigenem Kalkül oder gesellschaftlichem Druck und nicht, weil eine unsichtbare Ideologie ihnen eine Zwangsjacke angelegt hat.

Selbst laut Definitionsversuchen und wissenschaftlichen Analysen ist Cancel Culture kein klarer Automatismus, sondern ein weitgehend schwammiger Begriff. Und viele Debatten darüber verwechseln Kritik mit Verbannung.

Warum das wichtig ist und was wir daraus lernen sollten

Cancel Culture als allumgreifende Erklärung ist deshalb Blödsinn, weil sie kritische Auseinandersetzung diffamiert und so auch wichtigen gesellschaftlichen Diskurs entwertet. Kritik gehört zu einer offenen Gesellschaft. Menschen, Medien und Unternehmen müssen aber ebenfalls hinterfragt werden und das ist kein Angriff auf Freiheit, sondern Teil der Freiheit selbst.

Wenn jemand wie Ofarim wieder auf Sendung ist, sogar gewinnt und nicht „socially dead“ ist, dann zeigt das aber auch: Die Mechanik des sogenannten Cancelns ist weit weniger wirkungsvoll, als viele behaupten. Und wenn um jede abgesagte Einladung und jede Kritik sofort ein „Ich werde gecancelt!“ geraunt wird, dann ist das nicht Empörung, sondern einfach Übertreibung.

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Mia Lada-Klein

Mia ist Redakteurin beim Paranoyd Magazin. Als absolute Spezialistin für Interviews und Reviews verbindet sie ihr Literaturstudium mit ihrer Leidenschaft für das geschriebene Wort. Mia blickt auf eine langjährige Zusammenarbeit mit diversen Magazinen zurück und ist ein wahrer Interview-Profi, der fundiertes Fachwissen mit authentischen Einblicken in die Musikszene vereint.

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