Fünf Jahre sind in der schnelllebigen Musikwelt eine halbe Ewigkeit, doch für eine Band wie THE PRETTY RECKLESS ist Zeit lediglich eine Variable im kreativen Prozess. Am 26.06.2026 markiert die Veröffentlichung des fünften Studioalbums „Dear God“ über Fearless Records das Ende einer langen Durststrecke.
Frontfrau Taylor Momsen, die Stimme, die den Rock n‘ Roll der Neuzeit mit einer Mischung aus Verletzlichkeit und unbändiger Kraft prägt, gewährt nun Einblicke in eine Entstehungsphase, die weit über das bloße Songwriting hinausging. Es ist die Geschichte einer Künstlerin, die gelernt hat, dass Stillstand manchmal die lauteste Form der Inspiration ist.
Kreative Autarkie und die Entschleunigung im Studio
Über zwei Jahre hinweg verbarrikadierten sich Momsen und Gitarrist Ben Phillips im Studio. Wer die Diskografie der Band verfolgt, weiß, dass hier nichts dem Zufall überlassen wird. Während die Industrie oft auf Heerscharen von Co-Songwritern und externen Produzenten setzt, bleibt der Kern von THE PRETTY RECKLESS hermetisch abgeriegelt. Diese totale kreative Kontrolle ist Segen und Fluch zugleich: Das Album ist erst fertig, wenn es die Seele der Schöpfer widerspiegelt, nicht wenn ein Release-Plan es vorschreibt. Momsen betonte im Interview bei „Trunk Nation With Eddie Trunk“, dass Inspiration kein Wasserhahn ist, den man nach Belieben aufdrehen kann. Das Leben selbst musste erst passieren, reflektiert und in Noten gegossen werden, bevor „Dear God“ Form annehmen konnte.
Nach den turbulenten und teils düsteren Jahren rund um den Vorgänger „Death By Rock And Roll“ wirkt die Musikerin heute gefestigter. Der Druck, ständig abliefern zu müssen, ist einer bewussten Wahrnehmung des Augenblicks gewichen. Interessanterweise zieht Momsen ihre Kraft nicht aus klassischen Urlauben oder Strandspaziergängen. Ihr Rückzugsort ist weitaus kleinteiliger und taktiler.
Masche für Masche zum inneren Fokus
Es ist ein Bild, das man zunächst kaum mit der Lederjacken-Ästhetik einer Rock-Ikone zusammenbringt: Taylor Momsen mit Häkelnadeln im Tourbus. Was als Zeitvertreib während der Tour begann, hat sich zu einer regelrechten Obsession entwickelt. Doch hinter dem Häkeln steckt mehr als nur ein Hobby – es ist Momsens Form der Meditation. In einer Welt, die ständig nach Aufmerksamkeit schreit, bietet das rhythmische Arbeiten mit Garn eine mentale Auszeit, die Stille im Kopf erzeugt.
Diese neugewonnene Ruhe überträgt sich direkt auf die Musik. Die unzähligen Decken, die in dieser Zeit entstanden sind, stehen symbolisch für die Geduld, die auch in die neuen Songs geflossen ist. Mit der Single „When I Wake Up“ deutet die Band bereits an, wohin die Reise geht. Der Sound ist kantiger, trägt deutliche Punk-Einflüsse in sich, ohne die gewohnte Schwere der markanten Riffs zu verlieren. Dass die Band nach wie vor den Nerv der Zeit trifft, bewies bereits der Track „For I Am Death“, der prompt die Spitze der Billboard Mainstream Rock Airplay Charts erklomm.
2026 wird das Jahr, in dem THE PRETTY RECKLESS diese neue Energie endlich wieder auf die Bühne bringen. Die „Dear God“-Tour wird die Band durch Nordamerika und Europa führen. Nach prestigeträchtigen Momenten wie dem Auftritt bei der MusiCares Gala für Mariah Carey oder der Performance mit Soundgarden bei der Rock And Roll Hall Of Fame, brennt die Formation darauf, ihre eigenen Geschichten live zu erzählen. „Dear God“ verspricht nicht nur ein Album zu werden, sondern ein Zeugnis einer Band, die sich treu bleibt, indem sie sich Zeit lässt.
Quelle: Trunk Nation With Eddie Trunk
Marc Blessing
Marc ist Webmaster, Chefredakteur und Fotograf des Paranoyd Magazins. Als Spezialist für News, Hausfotograf des LKA Longhorns und IMAGO-Contributor verbindet er tiefgreifende Rock-Expertise mit technischem Know-how. Marc liefert authentische Konzertberichte, professionellen Content sowie pointierte Kolumnen und bildet von Beginn an das journalistische und technische Fundament vom Paranoyd-Magazin.





