Im Gespräch mit Jarek Szubrycht bei den „Mystic Talks“ des Mystic Festival in Gdańsk enthüllte Gitarrist Andreas Kisser eine Überraschung: SEPULTURA haben vier neue Songs mit ihrem aktuellen Touring-Drummer Greyson Nekrutman eingespielt. Entstanden ist das Material nach dem Auftritt auf der 70000 Tons Of Metal-Kreuzfahrt im Januar 2025 während eines Aufenthalts in Miami. Die Band nutzte ein verfügbares Studio, bündelte lose Ideen und nahm ohne Label-Druck und ohne Abgabefrist auf. Die Stücke tragen noch keine Titel, das Material wird in Ruhe gemischt. Ziel ist es, 2026 eine EP zu veröffentlichen, um diesen kreativen Moment festzuhalten.
„Art ist Risiko“: Warum sich SEPULTURA bewusst aus der Routine lösen
Kisser betont, dass es den Brasilianern nie darum ging, in starren Genregrenzen zu verweilen. Ob „Nation“ oder „A-Lex“ – immer wieder suchte die Band neue Perspektiven. Nach 40 Jahren Bandgeschichte fühlte sich der klassische Zyklus „Album–Tour–Album“ jedoch zunehmend vorhersehbar an. Der Entschluss zur Farewell-Tour sei daher kein Bruch aus Krisen, sondern eine selbstbestimmte, friedliche Entscheidung, um der Kunst treu zu bleiben und Komfortzonen zu vermeiden. Kisser fasst die Haltung prägnant zusammen: „SEPULTURA ist SEPULTURA-Metal.“ Der Name stehe für künstlerische Freiheit, nicht für Schubladen.
Zweieinhalb Jahre Abschied: Von Belo Horizonte bis Chicago – und weiter
Die große Farewell-Reise startete am 1. März 2024 in der Arena Hall in Belo Horizonte – zugleich der Live-Einstand von Greyson Nekrutman, der zuvor bei Suicidal Tendencies trommelte. Zuvor hatte die Band am 27. Februar 2024 das Ausscheiden von Eloy Casagrande bekanntgegeben; er wechselte im Anschluss zu Slipknot. Seitdem würdigt die Tour unter dem Banner „Celebrating Life Through Death“ alle Schaffensphasen der Formation. Der Nordamerika-Abschnitt begann am 17. September 2024 im Concord Music Hall in Chicago; mit an Bord waren Obituary, Agnostic Front und Claustrofobia.
Dokument der letzten Runde: 40 Songs aus 40 Städten
Parallel kuratiert die Band ein Live-Album, das die Farewell-Tour in ihrer ganzen Breite festhalten soll: 40 Songs aus 40 unterschiedlichen Städten. Das Projekt wurde Ende 2023 angekündigt und soll eine massive Werkschau der energiegeladensten Bühnenmomente werden – ein klingendes Reisetagebuch durch vier Jahrzehnte Bandgeschichte und eine Verneigung vor den Fans auf allen Kontinenten.
Blick nach vorn: Ein „SEPUL-Fest“ als Schlussakkord
Für das finale Konzert peilen SEPULTURA Oktober 2026 in São Paulo an. Geplant ist ein großes „SEPUL-Fest“, eine Feier mit Bands und Musikerinnen/Musikern, die die Historie der Gruppe geprägt haben. Kisser wünscht sich alle ehemaligen Mitglieder auf einer Bühne – ausdrücklich auch Max und Igor Cavalera. Ebenso eingeladen werden Jairo Guedz, Eloy Casagrande, Jean Patton und Roy Mayorga. Vergangenheitsdiskussionen seien zweitrangig; im Vordergrund stünden die Musik, die Fans und die Familien, die eine solche Konstellation teils nie gesehen haben.
Abschied als Aufbruch
So paradox es klingt: Während SEPULTURA ihre Farewell-Tour fahren, wirkt die Band gleichzeitig kreativ ungebremst. Die Session mit Greyson Nekrutman zeigt, wie lebendig das Kollektiv weiterhin ist, und die geplante EP verspricht, die Gegenwart dieses Moments einzufrieren. Statt ein letztes Mal die Routine zu bedienen, setzt die Gruppe auf Bewusstheit, Gelassenheit und Risiko – Werte, die SEPULTURA seit jeher groß gemacht haben. Ob am Ende alles genauso kommt wie geplant, bleibt offen. Aber genau darin liegt der Reiz: Freiheit statt Fahrplan, Kunst statt Automatismus – und ein Abschied, der nicht wie ein Schlussstrich, sondern wie ein würdiger, selbstbestimmter Epilog wirkt.
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Marc Blessing
Marc ist, Webmaster, Chefredakteur und Fotograf des Paranoyd Magazins. Als Spezialist für News, Hausfotograf für das LKA Longhorn und IMAGO-Contributor verbindet er tiefgreifende Rock-Expertise mit technischem Know-how. Marc liefert authentische Konzertberichte, Profi-Content sowie pointierte Kolumnen und bildet von Beginn an das journalistische und technische Fundament von Paranoyd.

