Pop-Punk kann vieles sein: laut, emotional, manchmal auch einfach nur Spaß. Mit ihrer neuen Single „Paranoid“ zeigen All To Get Her, dass das Genre auch eine deutlich dunklere Seite haben kann. Die Band aus Uznach in der Schweiz ist seit 2011 unterwegs und liefert normalerweise genau das, was man von gutem Pop-Punk erwartet: treibende Gitarren, eingängige Refrains und Songs, die man nach einmal hören, schon mitsingen kann. Wer Bands wie Blink-182 feiert, dürfte sich hier schnell zuhause fühlen.
Mit „Paranoid“, der am 13. März 2026 erscheint, schlagen All To Get Her allerdings einen etwas anderen Ton an.
Wenn Sichtbarkeit zum Problem wird
Der Song beschäftigt sich mit einem Gefühl, das heute viele kennen: ständig bewertet zu werden. Egal was man sagt, macht oder postet, irgendwo sitzt immer jemand, der meint, seinen Kommentar dazu abgeben zu müssen.
Sänger Andy beschreibt das ziemlich treffend:
„Mich beschäftigt, wie leichtfertig heute mit Hass umgegangen wird. Worte, die in Sekunden geschrieben sind, können lange nachwirken und echten Schaden anrichten.“
Genau dieses Gefühl zieht sich durch den gesamten Song. Sichtbarkeit bedeutet hier nicht Support, sondern Angriff. Menschen werden schnell zur Projektionsfläche für Frust, Häme und Kritik. Gerade in der heutigen Online-Welt reicht oft ein einziger Post, ein Kommentar oder eine Meinung, um eine Welle an Reaktionen auszulösen. Nicht immer konstruktiv, oft eher das Gegenteil.
„Paranoid“ greift genau diese Stimmung auf. Dieses unangenehme Gefühl, dass egal was man tut, irgendwo jemand zuschaut, bewertet oder urteilt. Man steht plötzlich unter einer Art Dauerbeobachtung, als müsste man sich ständig erklären oder rechtfertigen. Das kann schnell Druck erzeugen und genau diese Spannung spürt man auch im Song.
Dabei geht es nicht nur um Social Media. Der Song trifft generell dieses Gefühl, dass Menschen manchmal viel zu schnell urteilen. Dass man für das, was man mag, sagt oder tut, plötzlich zur Zielscheibe wird. Statt Verständnis gibt es Kommentare, statt Support Kritik. Und manchmal reicht schon ein kleiner Funke, damit sich negative Stimmung verbreitet.
All To Get Her schaffen es, dieses Thema nicht belehrend zu verpacken, sondern emotional. Man merkt dem Song an, dass hier echte Gedanken und Erfahrungen drinstecken. Dadurch wirkt „Paranoid“ nicht wie eine moralische Ansage, sondern eher wie ein ehrlicher Blick auf eine Realität, die viele kennen.
Und genau deshalb funktioniert der Song so gut: Weil man dieses Gefühl versteht, vielleicht sogar selbst schon erlebt hat.
Düster, intensiv und trotzdem eingängig
Musikalisch ist „Paranoid“ definitiv eine etwas düstere Nummer als das, was man von All To Get Her vielleicht gewohnt ist. Schon in den ersten Sekunden merkt man, dass hier eine andere Stimmung aufgebaut wird. Der Song startet mit einer gewissen Spannung, die sich Stück für Stück steigert. Die Gitarren wirken etwas rauer, der Sound insgesamt dichter und intensiver. Die Strophen halten diese unterschwellige Spannung bewusst zurück, fast so, als würde sich etwas anstauen.
Genau dadurch wirkt der Übergang zum Refrain umso stärker. Wenn er einsetzt, öffnet sich der Song plötzlich und entlädt die vorher aufgebaute Energie. Der Refrain kommt klar, direkt und mit ordentlich Druck, typisch Pop-Punk, aber mit einer emotionalen Wucht, die gut zum Thema des Songs passt. Er bleibt sofort im Ohr, ohne dabei seine Intensität zu verlieren.
Ein weiterer spannender Punkt ist die Zusammenarbeit mit der australischen Band Down And Out, die am Songwriting beteiligt waren. Diese Kooperation bringt noch einmal eine zusätzliche Dynamik in den Track. Man merkt, dass hier verschiedene Einflüsse zusammenkommen, die dem Song eine etwas breitere musikalische Perspektive geben.
Für den finalen Sound war außerdem Stevie Knight verantwortlich, der den Song gemixt hat. Knight hat bereits mit Bands wie Stand Atlantic und Yours Truly gearbeitet, die ebenfalls im modernen Pop-Punk und Alternative-Rock zu Hause sind. Dadurch bekommt „Paranoid“ einen sehr klaren, druckvollen und gleichzeitig modernen Sound. Die Instrumente haben genug Raum, der Gesang bleibt präsent und der gesamte Track wirkt kraftvoll, ohne überladen zu sein.
Am Ende entsteht so ein Song, der zwar eine dunklere Stimmung transportiert, aber trotzdem genau das liefert, was Pop-Punk ausmacht: Energie, Emotion und einen Refrain, der sich sofort festsetzt. Genau diese Mischung sorgt dafür, dass „Paranoid“ nicht nur thematisch hängen bleibt, sondern auch musikalisch ordentlich Eindruck hinterlässt.

Adriane Vogelgesang
Adriane ist Redakteurin und Fotografin für das Paranoyd Magazin. Sie berichtet leidenschaftlich über Rock, Punk & Metal und ist von Anfang an beim Paranoyd Magazin dabei. Adriane liefert authentische Konzertberichte, Fotos sowie fundierte Reviews und ist bekannt für ihre kritische und unabhängige Berichterstattung, die immer nah am Geschehen in der Szene bleibt.



