Der 29. April 2026 markierte einen besonderen Termin im Veranstaltungskalender des Tübinger Sudhauses. An diesem sonnigen Frühlingsabend versammelte sich eine erwartungsvolle Fangemeinde, um zwei Institutionen des deutschen Psychedelic- und Stoner-Rocks live zu erleben: Colour Haze und My Sleeping Karma.
Die Atmosphäre vor dem Gebäude war entspannt, die letzten Sonnenstrahlen luden zum Verweilen im Freien ein, bevor sich das Sudhaus langsam füllte. Das Sudhaus präsentierte sich als hervorragender Gastgeber. In einer Zeit, in der das kulinarische Angebot in Konzertlocations oft reduziert wird, stach dieser schöne Laden durch eine reichhaltige Auswahl an Speisen und Getränken hervor – ein Angebot, das vom Publikum dankbar angenommen wurde. Das dominierende Getränk des Abends war wenig überraschend Bier, das in geselliger Runde an der Bar konsumiert wurde, bevor die ersten Töne erklangen. Das Publikum spiegelte die zeitlose Relevanz des Genres wider: Von jungen Neuentdeckern bis hin zu erfahrenen Szenegängern in Metal-Shirts war eine bunte Mischung aus „normalen Leuten“ und passionierten Musikfans vertreten.
Hypnotische Instrumental-Landschaften mit Colour Haze
Pünktlich um 19:55 Uhr erlosch das Licht und die ersten Töne des Intros von Colour Haze erfüllten die Halle. Die deutsche Stoner-Rock-Formation startete direkt mit einem ausladenden, epischen Song in den Abend. Kennzeichnend für den Auftritt war der Fokus auf das Instrumentale; Gesang kam nur sporadisch zum Einsatz, was den Fokus vollends auf die komplexen Arrangements lenkte.
Obwohl die Halle zu diesem Zeitpunkt bereits sehr gut gefüllt war, blieb das Gefühl von unangenehmer Enge aus. Dies gab dem Publikum den nötigen Raum für eine sehr individuelle Rezeption der Musik: Während einige Besucher rhythmisch tanzten, versanken andere mit geschlossenen Augen in den Klangteppichen, um die Intensität des Augenblicks still zu genießen. Auf der Bühne agierten die Musiker eher statisch. Die Interaktion mit dem Publikum beschränkte sich auf das Nötigste, was die hypnotische Wirkung der Musik jedoch eher unterstrich als störte. Nach einer rund einstündigen Spielzeit forderten die Zuschauer lautstark eine Zugabe, welche die Band mit einem etwa fünfminütigen Song gewährte, bevor sie die Bühne für den Hauptact räumte.

My Sleeping Karma: Eine emotionale Einheit aus Licht und Klang
Nach einer kurzen Umbaupause betraten My Sleeping Karma um 21:30 Uhr die Bühne. Bevor der erste Ton gespielt wurde, setzten die Musiker ein starkes Zeichen des Zusammenhalts: Sie schworen sich mit einer gemeinsamen Umarmung auf den Auftritt ein – eine Geste, die die tiefe Verbundenheit innerhalb der Band unterstrich.
Der Auftritt der Psychedelic-Rock-Band kam gänzlich ohne Gesang aus. Ein Mikrofon stand zwar auf der Bühne, wurde jedoch lediglich ein einziges Mal genutzt, um die Band kurz vorzustellen. Die visuelle Präsenz der Musiker war dennoch enorm; geprägt durch starke Posen und eine oft tief gebeugte Haltung, die eine völlige Hingabe an das Instrument signalisierte. Unterstützt wurde diese dichte Atmosphäre durch ein stimmungsvolles, dämmriges Lichtkonzept, bei dem Leuchtstoffröhren als Backlight fungierten und die Bühne in ein surreales Licht tauchten.
Die Resonanz im Publikum war enthusiastisch. Nach den Songs brandete nicht nur Beifall auf, vereinzelt waren auch begeisterte „Hervorragend“-Rufe zu hören. Besonders bemerkenswert war die Nachwirkung der Musik: Selbst in den kurzen Pausen zwischen den Stücken wippten viele Zuschauer, gefangen in ihren Emotionen, einfach weiter. Die Bandmitglieder unterstrichen ihre Spielfreude durch regelmäßiges Abklatschen nach den Songs. Kurz vor 23:00 Uhr endete das Set schließlich mit einer Zugabe.
Nach dem Konzert leerte sich die Halle zügig, wobei ein kleiner Teil der Besucher den Abend zu den Klängen von Technotronics „Pump Up the Jam“ tanzend ausklingen ließ. Für Fans von Metal und Punk mag ein solcher Abend ungewöhnlich wirken, da Stoner- und Psychedelic-Rock weniger von direkter Kommunikation als von einer starken nonverbalen Ebene leben. Die Musik wirkte wie ein kollektives Kunstwerk oder eine intensive Proberaumsession, an der das Publikum teilhaben durfte. Ein besonderer Abend, der ein sichtlich zufriedenes Publikum in die Tübinger Nacht entließ.
My Sleeping Karma
Colour Haze
Sören Wittmann
Sören ist Konzertfotograf beim Paranoyd Magazin. Er fängt die Leidenschaft von Live-Musik ein – von Irish/Folk Punk bis Metal und Musicals. Als Festival-Experte liegt sein Fokus auf den unentdeckten Perlen der Szene und kleineren, atmosphärischen Events abseits des Mainstreams.































