Karnivool: So intensiv war ihr Stuttgart-Debüt im Wizemann

Karnivool im Scheinwerferlicht beim Konzert © Marc Blessing

Draußen war am 01.05.2026 ein ungewöhnlich warmer Frühlingstag am Start, aber im Wizemann war davon nichts zu spüren. Mir war die Sonne auch egal – ich wollte die stickige Club-Luft und den Sound von Karnivool. Dass die Jungs aus Perth tatsächlich zum ersten Mal in Stuttgart spielten, war längst überfällig. Und ich sag’s euch: Das Warten hatte sich gelohnt. Ich habe zumindest keine Termine in der Vergangenheit gefunden, was diese Premiere im Kessel umso historischer machte.

Den Abend eröffneten Intervals aus Toronto. Die Kanadier rund um Gitarren-Mastermind Aaron Marshall sind seit 2011 eine feste Größe in der Djent-Szene, auch wenn ihr rein instrumentaler Progressive Metal für meine Ohren etwas speziell ist. Mir persönlich fehlt bei instrumentalen Bands oft der Sänger als emotionales Bindeglied, das die Story der Songs greifbar macht. Dennoch war es beeindruckend zu sehen, mit welcher Präzision die Jungs ihre komplexen Riffs ins Publikum gefeuert haben.

Karnivool – Kein Bock auf Schnelllebigkeit: „In Verses live

Schon beim Schreiben der ersten Zeilen ist mir aufgefallen: Das aktuelle Album „In Verses“ von Karnivool ist kein Stoff für zwischendurch. Das Teil hat Zeit gebraucht und verlangt sie sich auch live. Karnivool haben im Wizemann nicht versucht, das Publikum mit billigen Effekten zu beeindrucken. Sie haben stattdessen Klangwände hochgezogen und die Dynamik so geschickt kontrolliert, dass man sich zwischenzeitlich fast wie in einer anderen Welt gefühlt hat. Das war weniger eine klassische „Show“, sondern eher eine intensive Tour durch verdammt gut gebauten Progressive Rock.

Die visuelle Inszenierung war dabei ein Kapitel für sich. Das Licht war zum Teil extrem schwierig und eigenwillig – oft düster, mit harten Schatten und minimalistischen Akzenten. Aber genau das war der Punkt: Es war eben verdammt passend zur Band und ihrer Musik. Diese schwere, atmosphärische Optik hat die Stimmung der Songs perfekt unterstrichen und die Intensität auf der Bühne noch einmal gesteigert.

Emotionen statt Pose

Ian Kenny hat die ganze Sache stimmlich zusammengehalten. Er hat diese Gabe, emotional voll da zu sein, aber trotzdem eine gewisse Distanz zu wahren, was den Songs noch mehr Tiefe gibt. Man hört die Einflüsse von Tool oder Meshuggah raus, klar, aber die Australier haben nach fast 30 Jahren ihren eigenen Stil längst festzementiert. Die Gitarren von Drew Goddard und Mark Hosking haben sich durch den Raum gesägt, während Jon Stockman am Bass den Mageninhalt neu sortiert hat. Und Steve Judd am Schlagzeug? Der Typ ist eine menschliche Metronom-Maschine.

Am Ende blieb ein beeindrucktes Publikum zurück. Karnivool haben 2026 unterstrichen, dass sie die Chefrolle im Genre immer noch sicher haben. Stuttgart hat seine Premiere bekommen und ich bin mir sicher: Diese massive Atmosphäre wird noch lange nachwirken.

Karnivool

Intervals

Marc Blessing paranoyd

Marc Blessing

Marc ist Webmaster, Chefredakteur und Fotograf des Paranoyd Magazins. Als Spezialist für Rock und Metal News sowie Hausfotograf des LKA Longhorns verbindet er Szenekenntnis mit technischem Know-how. Er liefert authentische Konzertberichte, professionellen Content und prägt seit Beginn Qualität, Glaubwürdigkeit und digitale Stärke des Paranoyd Magazins.

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