Stuttgart, 28. Dezember 2025 – Wenn draußen der Frost die Autoscheiben mit Eisblumen überzieht und der Cannstatter Wasen im Winterschlaf liegt, gibt es in der baden-württembergischen Landeshauptstadt nur einen Ort, an dem es garantiert heiß hergeht: das LKA Longhorn. Zum Abschluss ihrer „35 Years Tour“ luden Fiddler’s Green zur großen Jubiläumssause. Das Ergebnis? Ein fast ausverkauftes Haus, fliegende Bierbecher und die Erkenntnis, dass Speedfolk jung hält.
Ein Winterabend im Zeichen des Kleeblatts
Man müsste diesen Bericht mit dem Kontrast beginnen: Draußen die kühle Melancholie eines späten Dezemberabends, drinnen die geballte Lebensfreude Unterfrankens. Fiddler’s Green sind seit 1990 ein Garant für feucht-fröhliche Nächte. Was einst in der Erlanger Szene als Experiment begann – irische Traditionals mit der Wucht von Punk, Rock und Ska zu kreuzen – ist heute eine Institution. Dass 1.200 Fans das LKA bis fast auf den letzten Platz füllten, unterstreicht den Status der Band als Speerspitze der europäischen Folk-Rock-Szene.
WÜSTENBERG: Ein „Newcomer“ mit alter Seele
Bevor die Jubilare die Bühne enterten, gehörte das Rampenlicht einem Mann, der im Genre wahrlich kein unbeschriebenes Blatt ist. Franz Wüstenberg, langjähriges Gesicht von The O’Reillys and the Paddyhats, stellte sein neues Projekt vor. Unter dem schlichten Namen WÜSTENBERG präsentierte er eine Truppe, die sich bewusst vom reinen „Irish-Paddy-Punk“ emanzipiert.
Mit sieben Musiker:innen auf der Bühne war das Set druckvoll und vielseitig.Während Nummern wie „The King’s Gambit“ durch Mitklatsch-Passagen bestachen, sorgte ein clever arrangiertes Cover des Bon-Jovi-Klassikers „Livin’ On A Prayer“ für den ersten kollektiven Gänsehautmoment.

Auch wenn Wüstenberg im Mittelteil durch ausführliche Ansagen etwas an Tempo verlor, holten die rockigen Ausbrüche von „Revenge Is For The Weak“ das Publikum pünktlich zum Finale wieder ab. Ein starker Support, der bewies, dass die deutsche Folk-Rock-Landschaft auch 2025 noch wächst und gedeiht.
Der Sturm bricht los: 35 Jahre Speedfolk-Tradition
Nach einer kurzen Umbaupause, in der die Vorfreude im Saal fast greifbar war, erloschen die Lichter. Das Intro „Irish Air“ (vom 2007er-Meilenstein Drive Me Mad) hallte durch das Longhorn. Als Albi, Pat, Tobi, Stefan, Rainer und Frank schließlich die Bühne stürmten, gab es kein Halten mehr.
Der Einstieg war taktisch klug gewählt. Wo das Publikum bei den ersten Takten noch die Glieder lockerte, brach das Eis endgültig beim umjubelten „Down“. Wie auf Kommando sprangen die Fans aus der Hocke in die Luft, und das LKA verwandelte sich augenblicklich in einen gigantischen Circle Pit. Es folgte eine Setlist, die wie eine gut kuratierte Werkschau wirkte. Von „Mrs. McGrath“, bei dem Stefan Klug an der Bodhrán den kriegerischen Takt vorgab, bis hin zu „Old Dun Cow“, bei dem der Name „McIntyre“ so laut durch die Halle gebrüllt wurde, dass man ihn wohl noch auf der B10 hätte hören können.
Die Show: Zwischen Akrobatik und Pub-Gemütlichkeit
Was Fiddler’s Green von vielen anderen Bands unterscheidet, ist ihre Gabe, das Publikum physisch in die Show einzubeziehen. Geiger Tobi, der Wirbelwind der Truppe, lieferte die Showeinlage des Abends: Während des tanzbaren Jigs „The Bog“ wurde mitten im Saal eine Leiter aufgestellt. Ohne Zögern erkletterte er die Sprossen und spielte sein Solo in schwindelerregender Höhe, während um ihn herum der Mob tobte. Es sind diese Momente der Fannähe, die eine 35-jährige Karriere zementieren.

Doch die Band kann auch anders. Für einen speziellen Akustik-Block verwandelte sich die Bühne in ein heimeliges Pub. Hinter einem Tresen demonstrierten die Musiker bei „John Kanaka“ ihre hypnotische Percussion-Choreografie. Klopfende Hände auf dem Tresen, fliegende Bierbecher und mehrstimmiger Gesang schufen eine Atmosphäre, als säße man direkt in einer Seitengasse in Temple Bar. Nostalgiker kamen auf ihre Kosten, als Albi für den Song „Creel“ die Bouzouki hervorholte – eine Verbeugung vor dem Debütalbum aus dem Jahr 1992.
Das furiose Finale: Schweiß und Kleeblätter
In der letzten Stunde des Konzerts zündeten Fiddler’s Green ein Hit-Feuerwerk. Bei der „Wall of Folk“ zu „Rocky Road To Dublin“ krachten die Fan-Lager nicht stumpf aufeinander, sondern „gleiteten elegant aneinander vorbei“ – eine sportliche Höchstleistung der Stuttgarter.
Die Zugaben waren schließlich ein einziger Triumphzug. „The Galway Girl“ sorgte für Textsicherheit in jeder Ecke des Saals, und das treibende „Folk’s Not Dead“ setzte ein klares Statement für die Langlebigkeit des Genres. Den Schlusspunkt setzte, wie seit drei Jahrzehnten Tradition, „Blarney Roses“. Fazit: Die Grüne Maschine läuft wie geschmiert
Nach über zwei Stunden purer Energie entließen Fiddler’s Green ein erschöpftes, aber überglückliches Publikum in die Stuttgarter Nacht. Dieser Abend im LKA Longhorn war mehr als nur ein Konzert; es war eine Feier der Beständigkeit. 35 Jahre im Musikgeschäft sind eine Ewigkeit, doch Fiddler’s Green wirken heute frischer und hungriger denn je.
Wer die Band in dieser Form erlebt hat, weiß: Speedfolk ist keine Modeerscheinung, sondern eine Lebenseinstellung. Während wir uns auf die Akustik-Tour 2026 freuen, bleibt nur zu sagen: Sláinte, Fiddlers! Auf die nächsten 35 Jahre.
Wüstenberg
Marc Blessing
Marc ist, Webmaster, Chefredakteur und Fotograf des Paranoyd Magazins. Als Spezialist für News, Hausfotograf für das LKA Longhorn und IMAGO-Contributor verbindet er tiefgreifende Rock-Expertise mit technischem Know-how. Marc liefert authentische Konzertberichte, Profi-Content sowie pointierte Kolumnen und bildet von Beginn an das journalistische und technische Fundament von Paranoyd.
















































