München, 26.09.2026. Es gab Konzerte, bei denen man sich irgendwann dachte: Ja, war schön. Und dann gab es Evanescence. Bei einer Band, deren Musik einen teilweise seit dem Teenageralter begleitet hatte – in meinem Fall war es zumindest so –, war es nämlich ein bisschen schwierig, völlig objektiv zu bleiben. Vor allem dann, wenn man „Bring Me to Life“ schon gehört hatte, bevor man überhaupt wusste, was man mit seinem eigenen Leben anfangen wollte.
Am 26. September machten Evanescence mit ihrer Sanctuary Tour Halt in der Münchner Olympiahalle und spielten ihren letzten Stopp in Deutschland. Mit dabei waren Nova Twins und Poppy als Support und eine Show, die sich ziemlich schnell als die aufwendigste Evanescence-Produktion herausstellte, die ich bisher gesehen hatte.
Aber fangen wir vorne an.
München muss erst einmal warm werden
Nova Twins eröffneten den Abend und lieferten genau das ab, was man von ihnen erwartete: ordentlich Energie, Partystimmung und diesen wunderbar dreckigen Mix aus Rock, Alternative und elektronischen Elementen. Das Problem war nur: München brauchte offenbar ein bisschen.

Das Publikum war zunächst eher… zurückhaltend. Nicht schlecht gelaunt. Nicht gelangweilt. Einfach sehr München.
Poppy hatte es anschließend ebenfalls nicht ganz leicht, die Halle davon zu überzeugen, dass sie heute Abend eigentlich gekommen war, um sich ein bisschen zu benehmen, als hätte sie Spaß. Kurz vor ihrem letzten Song versuchte sie, eine Wall of Death zu starten.
Ich bewunderte den Optimismus. Das Münchner Publikum allerdings offenbar weniger.
Vor allem die Menschen vorne an der Barrikade schienen sich kollektiv gedacht zu haben: Ich habe entweder seit Stunden hier gestanden oder sehr viel Geld für diesen Platz bezahlt. Ich werde jetzt ganz sicher nicht freiwillig irgendwohin laufen.
Die Wall of Death blieb natürlich aus. Fairerweise musste man sagen: Das klassische Evanescence-Publikum war jetzt auch nicht unbedingt die Zielgruppe, die man spontan mit „AUFEINANDER LOS!“ beschreien wollte.
Dann wurde es dunkel. Und plötzlich war alles anders.
Sanctuary
Die ersten Töne von „Sanctuary“ erklangen. Und dann lief Amy Lee die Rampe hinunter.
Ich glaube, das war der Moment, in dem die komplette Halle einmal kollektiv vergaß, dass sie gerade noch auf ein Konzert gewartet hatte. Ich jedenfalls schon. Auch, dass ich eigentlich Fotos machen wollte. Da stand ich also da, mit großen Augen und zittrigen Händen, die sich an die Kamera klammerten und da war sie.
Da war diese Stimme.
Diese Stimme, die man seit über 20 Jahren kannte. Die Stimme hinter Liedern, die für viele von uns irgendwo zwischen Jugend, Herzschmerz, schwarzen Klamotten, viel zu dramatischen Tagebucheinträgen und der festen Überzeugung lagen, dass niemand auf der Welt jemals so leiden musste wie man selbst.
Und jetzt stand Amy Lee da auf dieser Rampe und sang.
Gänsehaut.
Nicht so ein kleines „oh, schön“-Gänsehautchen. Eher die Sorte, bei der man kurz dachte: Okay. Dafür bin ich hier.
Mit „Tell Me When You’ve Had Enough“, „Afterlife“ und „Rapture“ ging es anschließend weiter durch das neue Material, bevor bei „Going Under“ die ersten wirklich großen Nostalgie-Antennen ausschlugen und ich verzweifelt versuchte, mich daran zu erinnern, wie man fotografiert.
Von den Nostalgie Momenten gab es an diesem Abend einige. Sehr viele sogar. Evanescence hatten offenbar beschlossen, einfach alles mitzunehmen.
Was mir an dieser Show besonders auffiel: Die Bühne war nicht einfach nur Kulisse. Sie bewegte sich. Sie fuhr hoch. Sie fuhr runter. Sie leuchtete. Sie spuckte Feuer.
Und irgendwann gab es so viele verschiedene Ebenen, dass ich als Fotografin kurz überlegen musste, ob ich eigentlich gerade ein Konzert oder einen kleinen Industriebau dokumentierte und ich liebte alles daran!
Bei „Lithium“ und „Like You“ spielte Amy am Piano. „Like You“, der zur Feier des zwanzigsten Jubiläums ihres Albums „The Open Door“ nun endlich mit auf die Setlist genommen wurde, ließ glaube ich keinen Fan kalt. Ich jedenfalls stand an dieser Stelle wieder mit einem Taschentuch im Publikum.
Bei „Self Destruct“ kam Bewegung in die Bühne, „Calm Down“ brachte die erste richtige Pyro-Attacke und bei „Beautiful Lie“ wurde dann endgültig klar: Sie hatten sich für diese Tour nicht gedacht: Ach, wir stellen da mal ein paar Lampen hin. Nein. Das hier war eine Produktion.

Und zwar meiner Meinung nach die aufwendigste Bühnenproduktion, die Evanescence bisher auf die Beine gestellt hatten. Was dabei schön war: Es wirkte nicht wie Effekthascherei. Die Pyro unterstützte die Songs, die Hebebühnen gaben der Show Dynamik und die ruhigeren Momente am Piano bekamen genau den Raum, den sie brauchten.
Und dann kam dieser Moment, bei dem vermutlich jeder Mensch in der Halle wusste, was passierte.
Natürlich spielten sie „Bring Me to Life“.
Was soll ich sagen? Es gab Dinge, die waren einfach Gesetz. Wenn Evanescence in München spielten, wurde „Bring Me to Life“ gespielt.
Und natürlich funktionierte es.
Nach „Wasted on You“, „Forever Without You“ und „Imaginary“ ging die Halle spätestens bei den ersten Tönen von „Bring Me to Life“ komplett mit.
Und dann regnete es. Nicht Wasser. Tauben.
Rote und schwarze Konfetti-Tauben schwebten durch die Olympiahalle. Das Motiv, das sich durch das neue Album Sanctuary zog. Übrigens im Ursprung von einem Foto, das Amy selbst geschossen hatte.
Und ausgerechnet bei „Bring Me to Life“ bekam dieses neue Symbol seinen großen Moment.
Dazu Pyro und Konfetti. Weil offenbar irgendwann jemand im Produktionsmeeting gesagt hatte: Wir könnten es auch einfach machen. Und niemand hatte widersprochen. Und das Publikum, inklusive oder vor allem mir, das wusste ich sicher, liebte alles daran!
Poppy kam wieder
Bei „End of You“ kam Poppy noch einmal auf die Bühne. Live fehlte mir allerdings ein bisschen der Druck, den Courtney LaPlante in ihrer Version mitbrachte. Gerade ihr Part hatte im Original eine Wucht, die hier nicht ganz erreicht wurde.
Trotzdem war es ein schöner Moment und vor allem einer, der das Konzert davon abhielt, einfach nur eine Reise durch die Vergangenheit zu werden. Denn genau das war die eigentliche Stärke dieser Show: Evanescence spielten nicht einfach ihre alten Hits runter. Sie zeigten, dass Sanctuary inzwischen genauso zu ihnen gehörte.
Und dann wurde es wieder sehr Evanescence
„Better Without You“. „About Us“. „Who Will You Follow“. Pyro. Kabuki. Noch mehr Pyro. Man konnte meinen, Evanescence hätten sich irgendwann während der Produktionsplanung hingesetzt und gesagt: „Was wäre, wenn wir einfach überall Feuer machen?“ Und ehrlich gesagt war ich froh, dass niemand diese Idee gestoppt hatte.
Dann wurde es wieder stiller. Amy setzte sich ans Piano. „My Immortal“. Es gab Songs, bei denen man sich fragte, ob man sie nach über 20 Jahren überhaupt noch hören konnte, ohne dass sie sich irgendwann abnutzten. „My Immortal“ gehörte für mich nicht dazu.

Die Halle sang mit, Konfetti fiel von oben und für einen Moment war die riesige Olympiahalle plötzlich erstaunlich klein. Das war einer dieser Momente, bei denen man merkte, warum manche Songs nicht einfach nur Songs blieben. Sie hingen irgendwo fest. In Erinnerungen. In Menschen. In irgendwelchen Versionen von uns selbst, die längst nicht mehr existierten.
Und dann war da noch „Wide Open Heart“. Das Finale. Und plötzlich war eine Show vorbei, die sich gleichzeitig viel zu kurz und wie ein kompletter kleiner Lebensabschnitt angefühlt hatte.
20 Jahre später
Ich glaube, das Faszinierende an Evanescence war gar nicht unbedingt, dass die Band nach über 20 Jahren immer noch „funktionierte“. Das wäre fast zu einfach.
Viel interessanter war, dass sich die Bedeutung veränderte.
Die Menschen, die an diesem Abend in der Olympiahalle standen, waren nicht mehr dieselben, die irgendwann Anfang der 2000er „Fallen“ gekauft hatten.
Wir sind älter geworden. Unsere Leben sind komplizierter geworden. Wir haben Beziehungen gehabt, verloren, gefunden, wieder verloren. Wir haben Jobs gehabt, Kinder bekommen, uns selbst neu erfunden und wahrscheinlich alle mindestens einmal gedacht, dass wir unser Leben jetzt wirklich im Griff hatten.
Und dann stand da Amy Lee. Und sang dieselben Songs. Nur dass wir sie inzwischen anders hören. Evanescence waren in München keine reine Nostalgie-Show. Sie nahmen ihre Vergangenheit mit, aber sie blieben nicht darin stehen.
„Sanctuary“ bekam seinen Platz neben „Bring Me to Life“. Neue Songs standen neben den Klassikern. Piano stand neben Pyro. Intime Momente standen neben einer Bühnenproduktion, bei der gefühlt alles gleichzeitig nach oben, unten und in Flammen aufging.
Und vielleicht war genau das der Grund, warum dieser Abend so gut funktionierte. Weil Evanescence nicht versuchten, wieder die Band von 2003 zu sein. Sie waren Evanescence im Jahr 2026. Nur eben mit denselben verdammt guten Songs, derselben unverwechselbaren Stimme und inzwischen deutlich mehr Feuer.
Und München hatte seine Barrikadenplätze behalten. Man musste schließlich Prioritäten setzen.
Setlist – Evanescence, München 2026
Evanescence
Nova Twins
Anne Göthe
Anne ist Konzert- & Festivalfotografin sowie Autorin für das Paranoyd Magazin. Sie berichtet über die Rock-, Metal- & Gothic-Szene und fängt das Geschehen mit Leidenschaft und einem besonderen Gespür für Atmosphäre ein. In ihren Bildern und Berichten verbindet Anne authentische Einblicke mit der emotionalen Tiefe der schwarzen Szene.
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Bandbiografie →
Nova Rock 2027: Erste große Bandwelle mit großen Namen








































