Stuttgart am 3. Oktober – der Cannstatter Wasen lockt mit Lichtern, Bier und Volksfeststimmung, doch nur wenige Meter weiter bebt die Schleyerhalle im Takt von Doublebass und Riffs. Während draußen Fahrgeschäfte kreischen und Maßkrüge klingen, erlebten Metalheads drinnen einen „Metal Super Friday“, wie er im Buche steht. Zwei Bands von Weltrang standen auf dem Programm: Megadeth als würdiger Opener und Disturbed als dominierende Headliner. Das nebenan in der Porsche-Arena auch noch Architects spielten, rundete diesen Ausnahme-Abend ab. Stuttgart war an diesem Feiertag schlichtweg die Hauptstadt des Metal.
Megadeth zündeten den Thrash-Motor
Kurz nach 19:30 Uhr betraten Megadeth die Bühne und von der ersten Sekunde an war klar: Diese Band braucht keine Pyro, um zu dominieren. Dave Mustaine, charismatisch und fokussiert, eröffnete mit „Wake Up Dead“, und eine Welle aus Nostalgie und Adrenalin rollte durch die Halle. Ohne unnötigen Bombast, aber mit maximaler Durchschlagskraft spielte sich die Band durch ein Set, das kompromisslos auf die Wurzeln des Thrash Metal setzte.
Bei „Hangar 18“ glänzten Mustaine und Teemu Mäntysaari im perfekten Zusammenspiel – zwei Gitarristen, die den Metal atmen. Der Wechsel zwischen präzisen Soli und tightem Riffgewitter zeigte, wie eingespielt die aktuelle Formation ist. „Sweating Bullets“ brachte den typischen Megadeth-Wahnsinn, während das aktuelle „We’ll Be Back“ die moderne Härte der Band unterstrich.

Passend zum Datum erschien an diesem Tag auch Megadeth’s neue Single „Tipping Point“, der erste Vorbote ihres letzten Studioalbums. Nach aktuellem Stand soll die Platte den Abschluss einer über vier Jahrzehnte andauernden Karriere markieren, bevor die Band 2026 nochmal auf eine ausgedehnte Farewell-Tour gehen wird. Auch wenn Mustaine diesen Umstand an diesem Abend nicht ansprach, lag ein gewisser Hauch von Abschiedsstimmung in der Luft – ein leises Bewusstsein dafür, dass hier vielleicht eines der letzten großen Kapitel von Megadeth live zu erleben war.
Natürlich durften Klassiker wie „Tornado of Souls“, „Peace Sells“ und „Symphony of Destruction“ nicht fehlen – Hymnen, die jede Faser der Schleyerhalle in Schwingung versetzten. Beim Finale „Holy Wars… The Punishment Due“ erreichte die Energie ihren Höhepunkt: kompromisslos, technisch makellos und so druckvoll, dass die Luft vibrierte. Mustaines Frage in die Runde, wer heute Megadeth zum ersten Mal live gesehen hat, ließ erstaunlich viele Hände nach oben gehen und ihm ein leises “wow thats a lot” abbringen.
Megadeth lieferten ein Set, das eindrucksvoll zeigte, warum sie nach über vier Jahrzehnten noch immer zu den Speerspitzen des Thrash Metal zählen.
Disturbed: Energie, Hits und Gänsehaut-Momente
Als die Bühne für Disturbed umgebaut wurde, lag förmlich Strom in der Luft. Und dann kam David Draiman. Ein Mann, der allein mit seiner Präsenz den gesamten Raum beherrscht. Sein typisches „Ooh-wah-ah-ah-ah“ hallte wie ein Startschuss durch die Halle. Mit „Stupify“ und „Down With the Sickness“ schossen Disturbed direkt zwei Fanlieblinge ab, die das Publikum in Bewegung brachten. Die Fans schrien jede Zeile mit, als gäbe es kein Morgen und Stuttgart befand sich im Ausnahmezustand.
Die erste Hälfte des Sets war ein wuchtiger Rückblick auf das Debütalbum The Sickness: „Fear“, „Violence Fetish“, „Numb“ – alles Songs, die rohen Hunger und Wut transportieren. Dazwischen glänzte das Cover von „Shout 2000“, das die Band in eine metallische Hymne verwandelte.
Ein emotionaler Gänsehaut-Moment entstand, als Draiman bei „Meaning of Life“ ein kurzes Zitat aus Ozzy Osbournes „Crazy Train“ einbaute. Das war eine liebevolle Verneigung vor einem der großen Metal-Pioniere.
Ein Abend zwischen Pathos und Pyro – Metal in Reinform
In der zweiten Hälfte ihres Sets fuhren Disturbed dann alles auf, was eine moderne Metal-Show braucht. „Ten Thousand Fists“ ließ die Menge geschlossen die Arme recken – tausend Fäuste im Takt des Metal Super Friday. Mit „Bad Man“zeigte die Band, dass sie auch 2025 noch aktuelle und kraftvolle Themen musikalisch aufgreift.
„Land of Confusion“, das Genesis-Cover, brachte das Publikum zum kollektiven Mitsingen, bevor „Indestructible“ die Halle endgültig in einen Hexenkessel verwandelte. Doch selbst zwischen all dem Donner und Feuer gab es stille Gänsehautmomente: Als Draiman bei „The Sound of Silence“ nur von minimaler Beleuchtung begleitet wurde, war es, als hielte Stuttgart den Atem an.

Einer der bewegendsten Augenblicke des Abends: Bei „The Light“ holte Draiman einen Fan auf die Bühne. Ein Zeichen echter Nähe zwischen Band und Publikum. Mit „Inside the Fire“ endete das Set schließlich in einem Inferno aus Pyro, Schweiß und Begeisterung.
Fazit – Zwei Generationen Metal, ein gemeinsames Vermächtnis
Der Metal Super Friday in Stuttgart 2025 war kein gewöhnlicher Konzertabend, er war eine Feier der Extreme, der Emotion und der Einheit. Megadeth lieferten einen kompromisslosen Abriss mit historischem Gewicht, Disturbed eine emotionale Machtdemonstration zwischen Pathos und Pyrotechnik.
Während draußen der Wasen glitzerte, kochte drinnen die Schleyerhalle – zwei Welten, ein gemeinsamer Beat. Es war ein Abend, der zeigte, wie lebendig und verbindend Metal auch im Jahr 2025 noch ist. Ein Pflichttermin für alle, die Musik nicht nur hören, sondern fühlen wollen. Stuttgart, der Wasen und ein Abend für die Geschichtsbücher
Für mich persönlich war es ein Konzertabend, der gleich doppelt eindrücklich war. Megadeth habe ich noch nie so konzentriert und unprätentiös erlebt. Fast schon ein Gegenentwurf zur Rockshow, und trotzdem mitreißend. Disturbed dagegen sprühten vor Energie, ohne in Show-Gigantismus zu verfallen. Diese Balance machte das Konzert so einzigartig.
Dass parallel Architects in der Porsche-Arena spielten, war fast schon eine ironische Randnotiz. Stuttgart hatte an diesem „Metal Super Friday“ die Qual der Wahl. Und doch war die Schleyerhalle der Ort, an dem Metalgeschichte geschrieben wurde.
Disturbed
Megadeth
Marc Blessing
Marc ist, Webmaster, Chefredakteur und Fotograf des Paranoyd Magazins. Als Spezialist für News, Hausfotograf für das LKA Longhorn und IMAGO-Contributor verbindet er tiefgreifende Rock-Expertise mit technischem Know-how. Marc liefert authentische Konzertberichte, Profi-Content sowie pointierte Kolumnen und bildet von Beginn an das journalistische und technische Fundament von Paranoyd.
























































