Mit „Feuer & Papier“ zünden ZSK erneut die Lunte an und das mit voller Wucht. Die Berliner Punkrock-Veteranen schlagen keine leisen Töne an, sondern schreien ihre Haltung in eine Welt, die immer lauter nach klaren Stimmen verlangt.
Im Gespräch mit ZSK-Frontmann Joshi wird schnell klar: Hier geht es nicht um Parolen, sondern um Überzeugungen, die aus jeder Pore dieser Band sprechen. ZSK machen keine Musik, um zu gefallen, sie machen Musik, um wachzurütteln. Joshi redet, wie er singt, direkt, ohne Filter, mit viel Feuer. Wir sprechen über eine Welt, die an ihren Extremen zu zerbrechen droht, über Angst und Antrieb, über Hoffnung und Haltung.
Euer achtes Studioalbum wurde am 26.09.25 veröffentlicht. Kaum zu glauben, wie schnell die Zeit vergeht. Ihr seid seit Jahrzehnten für eure klare politische Haltung bekannt. Wie hat sich euer Blick auf Aktivismus und Politik in der Musik über die Jahre verändert?
Joshi: Ehrlich gesagt gar nicht so sehr. Unsere Haltung ist im Kern dieselbe geblieben. Wir setzen uns nach wie vor vehement für Demokratie, Menschenrechte und gegen Rassismus ein. Es gibt ja Bands, über die dann gesagt wird, sie seien „altersmilde“ geworden und das sehe ich bei uns überhaupt nicht. Wenn irgendwo Nazis auftauchen, greifen wir ein, ganz egal, ob auf oder abseits der Bühne. Und ich schreie heute genauso laut, wenn mir in dieser Gesellschaft etwas nicht passt. Müde oder desillusioniert sind wir ganz sicher nicht.
Musikalisch habt ihr euch im Laufe der Jahre aber deutlich entwickelt, oder?
Joshi: Ja, das stimmt. Vom ersten Album bis heute hat sich da einiges verändert und das ist auch gut so. Ich fände es todlangweilig, wenn all unsere Platten gleich klingen würden. Es gibt Bands, bei denen jeder Song ähnlich klingt, und das kann super sein und super klingen, etwa bei Bad Religion. Aber für uns wäre das nichts. Unser neues Album ist musikalisch sehr abwechslungsreich. Natürlich verbindet meine Stimme die Songs, aber stilistisch probieren wir gern Neues aus.
Denkst du, dass Punkrock heute noch ein wirksames Mittel ist, um gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen?
Joshi: Musik allein verändert die Welt nicht, das wäre naiv zu glauben. Kein Song der Welt wird Trump zu einem besseren Menschen machen oder Putin davon abhalten, Bomben zu werfen. Aber Musik kann ein Soundtrack für Protestbewegungen sein. Das war sie immer schon, ob bei The Clash, Public Enemy oder Ton Steine Scherben. Musik kann Menschen verbinden, motivieren und ihnen Mut geben. Wenn unsere Songs irgendwo auf Demos laufen, ist das für uns das größte Kompliment. „Antifascista“ zum Beispiel wird inzwischen in fünf Sprachen gecovert und das zeigt, dass Musik etwas in Bewegung setzen kann, wenn auch im Kleinen.
Du hast eben erzählt, dass euch viele junge Menschen auch schreiben und eure Musik sie inspiriert, selbst aktiv zu werden. Wie fühlt sich das für dich an?
Joshi: Das ist wirklich das Schönste überhaupt. Wir bekommen unglaublich viele Nachrichten von jungen Leuten, teils richtige Briefe, teils Mails, in denen sie schreiben, dass unsere Musik ihnen durch schwere Zeiten geholfen oder sie motiviert hat, selbst etwas auf die Beine zu stellen. Manche haben sogar eine AG gegen Rechts gegründet. Wenn ich so etwas lese, denke ich mir jedes Mal: Wie cool ist das bitte? Dann weiß ich, warum ich das mache und dass ich das auch noch viele Jahre weitermachen will.
Eure Fans sind ja sehr unterschiedlich, also von Teenagern bis zu Menschen, die euch schon seit den Anfangstagen begleiten. Wie erlebst du diese Mischung auf euren Konzerten?
Joshi: Das ist wirklich ein riesiges Glück für uns. Bei uns wachsen immer wieder junge Fans nach. In den ersten zehn Reihen stehen oft 15-Jährige, und das freut mich total. Ich bin ja selbst schon ewig in der Szene unterwegs und sehe, dass die Zuschauer älter werden, aber es kommen neue nach. Natürlich stehen die Jüngeren eher vorn, die Älteren hinten, aber alle teilen dieselben Werte und feiern gemeinsam unsere Musik. Das ist das Schöne daran.
Ihr spielt inzwischen auch spezielle Kinderkonzerte. Das ist ja eher ungewöhnlich für eine Punkband. Wie kam es dazu?
Joshi: Ja, das ist echt ein besonderes Projekt. Wir wollten einfach mal was Neues probieren. Und es ist faszinierend, wie Kinder reagieren, völlig anders als Erwachsene. Wir rackern uns auf der Bühne ab, geben Vollgas, und dann stehen da 500 Kinder und schauen uns einfach nur mit riesigen Augen an. Am Anfang dachten wir: Oh Gott, die finden das langweilig! Aber das Gegenteil war der Fall. Sie waren einfach überwältigt. Nach den Shows sagen sie ihren Eltern, dass es das Größte überhaupt war. Das ist wirklich herzerwärmend und ja, es ist wichtig, schon bei den Kleinsten ein Bewusstsein zu schaffen, aber vor allem sollen sie erstmal einfach gute Musik erleben.
In Zeiten, in denen viele Bands sich politisch äußern, manche aus Überzeugung, andere vielleicht eher aus Pflichtgefühl, wie siehst du das? Sollte Musik immer auch politisch sein?
Joshi: Ich finde, jede Band sollte genau das tun, worauf sie Lust hat. Ich werde niemandem vorschreiben, was er zu sagen oder zu lassen hat, denn das wäre völlig vermessen. Ich freue mich aber über jede Band, die Haltung zeigt. Das muss gar nicht permanent passieren. Wenn eine Band wie Kraftklub auf dem CSD auftritt, ist das ein starkes Zeichen. Gerade jetzt, wo CSDs in Deutschland wieder Angst vor rechten Angriffen haben müssen. So ein Auftritt sagt: „Wir stehen hinter euch.“ Das ist gelebte Solidarität. Aber ich verurteile niemanden, der sich nicht äußert. Am Ende sind wir alle Punkrocker und Punkrock bedeutet, frei zu sein.

„Ich will meinen Kindern später sagen können, dass ich alles getan habe“
Wenn du heute auf die Welt blickst, macht dir das, als Musiker, als Mensch, als Vater manchmal Angst?
Joshi: Natürlich. Wenn man sieht, was politisch passiert, wie rechte Kräfte wieder erstarken und Menschen gegeneinander aufgehetzt werden, dann kann einem schon mulmig werden. Aber genau deshalb ist es wichtig, weiter laut zu bleiben, mit Musik, mit Haltung, mit Gemeinschaft.
Du sprichst sehr offen über diese Sorge, was genau macht dir am meisten Angst?
Joshi: Wir müssen ehrlich sagen: Die AfD ist die größte Gefahr für die Demokratie seit 1945. Viele verdrängen das oder wollen es nicht wahrhaben. Aber wenn man sich anschaut, was passieren würde, käme diese Partei wirklich an die Macht, das wäre fatal. Die Radikalen in dieser Partei schreiben uns jeden Tag: „Wenn die AfD regiert, hängt ihr, landet im Gefängnis, werdet erschossen oder abgeschoben.“ Diese Menschen meinen das ernst. Und wenn es wirklich so weit käme, dann würden ich und viele andere irgendwann im Knast sitzen. Das ist eine beängstigende Vorstellung.
Hast du selbst Angst vor solchen Drohungen?
Joshi: Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, für Demokratie und Menschenrechte einzustehen. Wenn meine Kinder mich in zehn Jahren fragen: „Papa, wo warst du, als das alles passiert ist?“, dann will ich sagen können: Ich habe alles getan, was in meiner Macht stand. Ich habe die „Kein Bock auf Nazis“-Kampagne gestartet, ich habe jeden Abend auf der Bühne gesagt, wie wichtig es ist, stabil zu bleiben und nicht aufzugeben.
Das ist mein Beitrag, und ich stehe dazu. Natürlich beschäftigt mich das und zwar tagsüber und nachts. Aber ich will, dass meine Kinder verstehen, warum Haltung so wichtig ist. Und das tun sie. Die wissen ganz genau, was Rassismus ist und warum man Menschen nicht in „wert“ und „unwert“ einteilt. Ehrlich gesagt verstehen sie oft mehr als viele erwachsene, die auf Facebook ihren Hass abladen.
ZSK-Frontmann Joshi über Social Media, Eskalation und die Botschaft des neuen Albums
Apropos Facebook und Social Media scheint ja diese Spaltung noch zu verstärken. Wie siehst du das? Fluch oder Segen?
Joshi: Meistens Fluch. Natürlich ist es schön, dass man weltweit mit Menschen in Kontakt treten kann. Wir gehen nach Japan, posten was, und die Leute können uns direkt hören und uns schreiben. Das ist fantastisch. Aber die Kehrseite ist riesig. Die Algorithmen befeuern den Hass, sie schüren Spaltung. Es gibt tolle, liebevolle Nachrichten, aber eben auch wahnsinnig viel Hass. Und das ist gefährlich, weil es die Extreme immer weiter anheizt. Das liegt leider in der Natur der Sache. Die Plattformen leben davon, dass Menschen möglichst lange aktiv auf der Plattform bleiben und das funktioniert nun mal besser mit Streit als mit Ruhe.
Je hitziger eine Diskussion ist, desto länger bleiben die Leute dran, desto mehr Anzeigen können verkauft werden. So verdient man Geld mit Social Media, das ist das Geschäftsmodell. Alles ist extrem schnell geworden, und alles, was besonders krass ist, klickt am besten, ob Meinungen oder Bilder. Wenn ich von meinem Schrank springe, interessiert das keinen. Aber wenn ich mich anzünde und über den Potsdamer Platz renne, geht das viral. Diese Logik zieht sich überall durch, und sie ist wahnsinnig gefährlich.
Ja, es scheint, als würde alles immer extremer werden und das teilweise mit tödlichen Folgen.
Joshi: Absolut. Es muss immer ein Superlativ sein, immer noch eine Schippe drauf. Das gilt auch im Kleinen: Da weint eine TikTokerin im Video über ihr „schlimmstes Airbnb“ – wahrscheinlich gespielt – und Millionen Menschen springen emotional darauf an. Ich denke mir: Die verarscht euch doch nur für Klicks! Aber genau das funktioniert, weil Empörung und Mitleid Klickzahlen bringen. Das färbt auf die reale Welt ab. Man beleidigt sich nicht nur online, man streitet auch offline anders. Konflikte eskalieren heute viel schneller.
Das klingt, als würdest du das Konzept eures neuen Albums beschreiben „Feuer & Papier“.
Joshi: Ganz genau! (lacht) Du bist die Erste, die das direkt versteht. Der Albumtitel Feuer und Papier steht genau dafür. Überall auf der Welt brennt es. Im Großen durch Kriege, Krisen, Hunger und im Kleinen in unserem täglichen Umgang miteinander. Und trotzdem gibt es immer Leute, die noch Papier ins Feuer werfen, statt zu löschen. Das war meine Idee für das Cover und den Titel. Ich freue mich, dass du das sofort erkannt hast.
Das ist ein schönes Schlusswort. Trotzdem darfst du natürlich noch eine direkte Botschaft an eure Fans, unsere Leser und die Welt richten.
Joshi: Es sind krasse Zeiten, und genau deswegen ist es wichtig, stabil zu bleiben. Habt Spaß, feiert, genießt die Musik, aber steht am nächsten Tag trotzdem wieder auf, um die Welt ein kleines Stück besser zu machen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Mehr zur Band ZSK findet ihr in den Socials.
Mia Lada-Klein
Mia ist Redakteurin beim Paranoyd Magazin. Als absolute Spezialistin für Interviews und Reviews verbindet sie ihr Literaturstudium mit ihrer Leidenschaft für das geschriebene Wort. Mia blickt auf eine langjährige Zusammenarbeit mit diversen Magazinen zurück und ist ein wahrer Interview-Profi, der fundiertes Fachwissen mit authentischen Einblicken in die Musikszene vereint.

