Am 6. März haben Vreid ihr Album „Skies Turn Black“ veröffentlicht und beweisen damit einmal mehr, dass Extreme Metal erstaunlich langlebiger ist als so mancher Zeitgeist. Seit fast 30 Jahren lärmt sich die Band aus Norwegen mit bemerkenswerter Ausdauer durch die Musiklandschaft und hat nebenbei sogar noch den Soundtrack für den Film „Kraken“ abgeliefert. Man kann also nicht behaupten, sie hätten nichts zu tun gehabt.
Im Interview blickt Jarle Kvåle mit einer Mischung aus Gelassenheit und leiser Ironie auf die vergangenen Jahrzehnte zurück, spricht über das neue Album und streift ganz nebenbei die große Frage, die sich jede Generation irgendwann stellt: War früher wirklich alles besser oder war es einfach nur anders kompliziert? Und was genau ist heute eigentlich leichter geworden, außer Musik zu veröffentlichen und gleichzeitig darin unterzugehen?
Vreid: Die Suche nach dem perfekten Riff
Skies Turn Black erscheint fünf Jahre nach eurem letzten Album. Was hat sich für dich musikalisch in dieser Zeit verändert?
Jarle: Ich weiß gar nicht, ob sich fundamental so viel verändert hat. Es ist eher eine kontinuierliche Entwicklung. Ich glaube, wir haben über die Jahre einen Arbeitsmodus gefunden, in dem ich mich musikalisch wohlfühle. In dieser Phase ging es vor allem darum, Dinge zu hinterfragen und gleichzeitig zu erneuern. Also: Wie kann man etwas frisch halten, ohne die eigene Handschrift zu verlieren? Wie probiert man Dinge aus, die man vorher noch nicht gemacht hat und schaut gleichzeitig auch zurück auf das, was man schon aufgebaut hat? Am Ende ist es eigentlich bei jedem Album eine Reise. Der größte Unterschied diesmal ist wahrscheinlich einfach die Zeitspanne: Es waren fünf Jahre statt zwei oder drei.
Nach fast 30 Jahren als Band: Was treibt dich heute noch an, neue Musik zu schreiben?
Jarle: Im Kern ist es eigentlich immer noch dieser kindliche Drang nach dem perfekten Riff. Dieses Suchen nach etwas, das sich richtig anfühlt. Ich setze mich meist mit einer Gitarre oder einem Bass hin und probiere einfach Dinge aus. Dann höre ich: Wie klingt das? Wie funktioniert das im Zusammenspiel? Wie entwickelt sich daraus ein Song? Das ist im Grunde der Kern. Diese Suche hört nie wirklich auf. Vielleicht findet man den perfekten Riff nie, aber genau das hält einen ja auch am Laufen.
Wie kam es eigentlich dazu, dass ihr den offiziellen Soundtrack für den Film Kraken gemacht habt?
Jarle: Ich kenne den Produzenten des Films schon lange. Er hat früher sogar unseren Musiklehrer an der Musikschule gehabt, als wir vor über 30 Jahren angefangen haben. Unsere Wege haben sich danach getrennt, er ist einer der bekanntesten Produzenten Norwegens geworden. Und dann kam er irgendwann auf die Idee, uns für den Film anzufragen.
Wir haben uns unterhalten und es ergab sich alles recht schnell. Er kennt unseren Sound sehr gut und er wollte etwas, das diese regionale Klangsignatur trägt. Also etwas, das mit der Gegend verbunden ist. Das war wirklich eine spannende Aufgabe, weil es eben nicht völlig frei war wie sonst. Normalerweise schreibe ich Musik ohne Grenzen. Hier gab es klare Vorgaben, Strukturen, Einschränkungen. Das war ungewohnt, aber eben auch sehr interessant.
Also eher eine kreative Freundschaftsarbeit?
Jarle: Ja, absolut. Genau so kann man das nennen.

Früher Hype, heute Dauer-Scrollen
Ich werde jetzt mal ganz direkt. Wenn du auf die Welt schaust: Hast du Angst vor dem, was passiert? Ich habe kürzlich ein Interview mit Gene Simmons gelesen, der meinte, niemand wolle politische Aussagen von Musikern hören, weil sie in großen Häusern leben und weit weg vom Alltag seien. Hat er damit recht?
Jarle: Ich glaube, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Wenn man eine Plattform hat, kann man sie nutzen oder eben nicht. Das ist nichts, was man verallgemeinern kann. Ich denke aber, er meinte eher Prominente allgemein und nicht nur Musiker. Nur weil jemand bekannt ist, heißt das nicht automatisch, dass er komplett von der Realität entfernt ist, aber es gibt natürlich solche Fälle.
Ich persönlich finde es schwierig, wenn eine Band zur reinen politischen Plattform wird. Gleichzeitig kommt man aus dem Punk oder bestimmten Musikrichtungen, in denen genau das historisch eine wichtige Rolle gespielt hat. Deshalb gibt es darauf keine einfache, klare Antwort. Für mich geht es eher um Freiheit: Jeder sollte selbst entscheiden können, ob er seine Stimme dafür nutzt oder nicht.
Kann Musik vielleicht in einer polarisierten Welt noch Menschen verbinden?
Jarle: Absolut, ja. Ich glaube, die Welt wird immer polarisiert sein, in Wellenbewegungen. Aber Musik hat eine besondere Kraft. Du gehst auf ein Konzert und plötzlich haben alle etwas gemeinsam. Menschen kommen mit völlig unterschiedlichen Meinungen, Hintergründen und Lebensrealitäten zusammen. Und trotzdem entsteht für diesen Moment etwas Verbindendes. Danach gehen alle wieder in ihr eigenes Leben zurück, aber für diese Zeit gibt es etwas Gemeinsames. In diesem Sinne kann Musik sehr viel leisten. Vielleicht nicht alles lösen, aber sie kann ein Raum sein, in dem man kurz etwas anderes spürt als die alltägliche Reibung.
Du bist jetzt seit über 30 Jahren im Musikbusiness. Was ist aus deiner Sicht die größte Veränderung in der Branche seit deinen Anfänge und ist es heute durch Streaming, Spotify und Social Media einfacher oder schwieriger für Bands, langfristig zu bestehen?
Jarle: Gute Frage. Ich weiß gar nicht, ob es pauschal einfacher oder schwieriger ist. In gewisser Weise ist es einfacher geworden, Musik aufzunehmen und selbst zu produzieren. Du kannst heute mit relativ wenig Equipment sehr viel erreichen. Aber gleichzeitig ist es ein riesiger Dschungel geworden. Die eigentliche Herausforderung ist nicht mehr die Produktion, sondern Aufmerksamkeit zu bekommen. Wie schafft man es, dass jemand überhaupt mitbekommt, was du machst? Früher war das anders. Wenn du einen Plattenvertrag hattest, hattest du automatisch eine gewisse Sichtbarkeit.
Natürlich musste das Album trotzdem gut sein, aber allein die Veröffentlichung über ein Label hat schon Interesse erzeugt. Heute ist das komplett anders. Es ist ein permanentes Rauschen. Alles passiert gleichzeitig und überall. Deshalb ist es wichtig, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die sich um genau diese Dinge kümmern können. Trotzdem glaube ich, dass der Künstler sich vor allem auf das konzentrieren sollte, was er eigentlich macht: Musik. Der Rest funktioniert besser, wenn andere darin gut sind. Ohne irgendeine Form von Social Media oder Außenkommunikation ist es heute allerdings sehr schwer.
Vermisst du manchmal etwas aus der Zeit vor Social Media? Also diese Phase vor dem ständigen Druck, Content zu produzieren?
Jarle: Ja, absolut. Damals hatte das Ganze mehr Magie. Ein Album war etwas, auf das man gewartet hat. Man hat gelesen, dass eine Band ein neues Album macht, hat darauf hingefiebert, ist in den Plattenladen gegangen und hat es sich geholt. Das war ein Ereignis. Dann hat man es mit nach Hause genommen und immer wieder gehört, weil man es sich bewusst gekauft hat.
Man wollte es wirklich entdecken. Selbst wenn man beim ersten Hören enttäuscht war, hat man ihm trotzdem eine zweite oder dritte Chance gegeben. Heute ist das völlig anders. Viele Menschen hören ein oder zwei Songs und springen dann weiter. Selbst bei Streamingdiensten ist die Aufmerksamkeit oft sehr fragmentiert. Ich glaube, die Aufmerksamkeitsspanne ist insgesamt deutlich geringer geworden. Das ist einfach die Struktur der heutigen Zeit.
Ich kenne das total. Ich liebe es auch, ein Album physisch in der Hand zu halten und mich wirklich hinzusetzen und zuzuhören. Das ist schon etwas anderes. Aber Streaming hat natürlich alles verändert.
Jarle: Ja, das stimmt. Der einzige wirkliche Vorteil von Streaming ist aus meiner Sicht die einfache Möglichkeit, neue Musik zu entdecken. Du kannst jederzeit auf etwas stoßen, das du vielleicht auch vor 20 Jahren schon mal gehört hast oder auf etwas, völlig neu ist. Aber selbst ich sehe das bei meinen Kindern: Vinyl wirkt für sie erst einmal völlig fremd. Gleichzeitig entwickeln sie dadurch aber eine ganz andere Wertschätzung. Man setzt sich hin, schaut das Artwork an, hört bewusst zu und blendet den Rest aus. Ich glaube, genau das wird wieder wichtiger werden. Viele Menschen werden irgendwann wieder bewusst Räume suchen, in denen sie sich von dieser ständigen Reizüberflutung zurückziehen können.
Ja, es ist einfach zu viel. Manchmal braucht unser Gehirn wirklich eine Pause. Wenn man scrollt, kommen so viele Bilder und Eindrücke hintereinander. Das wird schnell überwältigend. Ich glaube, das Gehirn ist für diese Dauerflut an Reizen eigentlich nicht gemacht. Aber Streaming hat Musik weltweit zugänglich gemacht. Ist es aber auch fairer für Künstler geworden?
Jarle: Nein, das sehe ich nicht so. Ich glaube, vielleicht für manche Künstler wie Taylor Swift funktioniert das gut, die werden gut bezahlt. Aber es gibt so viele gute Bands, die mit Streaming kaum Geld verdienen.
Ja, das stimmt. Mit Streaming gibt es eigentlich kein echtes Geld, außer man ist wirklich sehr groß. Man muss schon auf einem extrem hohen Level sein, um davon leben zu können. Für die meisten ist es schwer, überhaupt die Produktionskosten eines Albums wieder reinzubekommen.
Jarle: Deshalb nehmen heute viele einfach zu Hause auf, am Laptop. Das verstehe ich auch, weil oft kein Budget da ist. Wir hatten das Glück, dieses Album richtig zu produzieren. Wir waren in einem klassischen Studio mit sehr guter Akustik, besonders für Drums und den Livesound. Für mich ist das immer noch die echte Erfahrung. Allein am Laptop geht vieles, aber es fehlt etwas Entscheidendes: die Intensität, die Energie, das gemeinsame Spielen im Raum. Dieses Gefühl geht verloren, wenn jeder isoliert arbeitet.
Vreid zwischen KI-Zukunft und echter Bühne
Hast du eigentlich Angst vor KI? Wir hatten Gene Simmons und Billy Corgan von den Smashing Pumpkins in einem Interview eine düstere Prognose für die Zukunft gezeichnet. Er meinte, dass er glaubt, Bands könnten ersetzt werden, es gäbe dann weniger Live-Musik und mehr Avatare auf der Bühne und Live-Musik könnte irgendwann sterben. Denkst du, das kann passieren?
Jarle: Ich glaube nicht, dass Live-Musik so schnell verschwindet, wenn überhaupt. Im Moment ist die Live-Szene sogar ziemlich stark, weil Menschen echte Erlebnisse wollen. Sie wollen echte Menschen auf der Bühne sehen. Ich kann mich natürlich irren, aber ich habe davor keine Angst. Technologie entwickelt sich immer weiter. Sie wirkt oft schneller, als wir sie überhaupt begreifen können. Das war früher beim Computer auch schon so, nur heute passiert es noch schneller. Man muss sich daran anpassen und schauen, was davon wirklich sinnvoll ist. Und ich glaube auch, dass Angst nicht hilft. Man kann sich vor der Zukunft fürchten, aber das verändert nichts.
Ich hoffe auch, dass die Leute ihr soziales Leben nicht nur auf Social Media verbringen wollen, sondern sich wieder auf Konzerten treffen. Zurück zu den Wurzeln, zurück zur Verbindung.
Jarle: Ich glaube auch, dass das passieren wird. Alles verläuft in Wellen. Dinge erreichen einen Höhepunkt und danach gibt es immer eine Gegenbewegung. Wir haben dieses Bedürfnis nach Verbindung, entweder zur Natur oder zu anderen Menschen. Man kann das eine Zeit lang verdrängen, aber es verschwindet nicht. Es ist ein grundlegender Impuls. Deshalb glaube ich, dass Live-Musik und echte Begegnung immer wieder zurückkommen werden.
Meine letzte Frage betrifft eure Tour. Ihr geht auf Tour, richtig? Und isst du dann besonders gesund und trinkst weniger Alkohol? Oder wie bereitest du dich auf die Tour vor? Geht ihr einfach auf die Bühne oder trainiert ihr euch irgendwie vorher und macht euch fit?
Jarle: Man bereitet sich schon vor. Auch wenn wir diesmal keine extrem langen Sets spielen, ist es trotzdem ein größeres Paket mit mehreren Bands. Da musst du einfach sicherstellen, dass du bereit bist. Es ist wichtig, weil man die bestmögliche Show liefern will. Die Leute bezahlen viel Geld, um dich live zu sehen. Deshalb ist es im Grunde auch eine Verantwortung, die beste Performance abzuliefern, die man geben kann.
Natürlich gibt es auf Tour immer Höhen und Tiefen. Man spielt jeden Abend, ist ständig unterwegs, immer an anderen Orten. Da kann im Kopf oder im Privatleben viel passieren, wodurch man manchmal lieber woanders wäre. Aber sobald das Intro läuft und die Musik beginnt, passiert etwas. Es klickt. Und genau dann musst du so gut vorbereitet sein, dass du den Leuten die Show geben kannst, die sie verdienen.
Danke für deine Zeit und deine Einblicke, Jarle.
Mehr zur Band VREID findet ihr in den Socials:
Mia Lada-Klein
Mia ist Redakteurin beim Paranoyd Magazin. Als absolute Spezialistin für Interviews und Reviews verbindet sie ihr Literaturstudium mit ihrer Leidenschaft für das geschriebene Wort. Mia blickt auf eine langjährige Zusammenarbeit mit diversen Magazinen zurück und ist ein wahrer Interview-Profi, der fundiertes Fachwissen mit authentischen Einblicken in die Musikszene vereint.




