Das Londoner Trio Urne legt nach: Auf das Debüt „Serpent & Spirit „und den Nachfolger „A Feast on Sorrow“ folgte am 30. Januar 2026 mit Setting Fire To The Sky der nächste Streich. Neun Tracks, bei denen gedrückt, geschoben und im Zweifel auch einfach überrollt wird, ganz ohne Sicherheitsabstand.
Im Interview plaudern Gitarrist Angus Neyra und Sänger sowie Bassist Joe Nally über Entwicklung, Veränderung und die allgegenwärtigen Streamingzahlen. Und sie machen ziemlich klar, dass kommerzieller Erfolg zwar ganz nett ist, aber eben nicht das, was sie wirklich antreibt.
URNE: Vom Songwriting zur Gesamtvision
„Setting Fire to the Sky“ markiert eine neue Phase für URNE. Wie zeigt sich dieser Wandel konkret für euch als Band?
Angus: Jedes Album war für uns ein Schritt nach vorne. Bei Serpent and Spirit haben wir noch viel ausprobiert und unseren Sound überhaupt erst gefunden. A Feast On Sorrow war schon deutlich fokussierter und hat uns als Musiker und Songwriter weitergebracht. Mit Setting Fire To The Sky fühlen wir uns jetzt viel sicherer in unseren Entscheidungen, lassen den Songs mehr Raum und sind mutiger geworden. Es fühlt sich so an, als hätte dieses Album viele Türen geöffnet, was unsere Zukunft angeht und das ist ein ziemlich spannender Ort.
Der Opener „Be Not Dismayed“ wirkt wie ein klares Statement. War euch von Anfang an klar, dass er das Album eröffnen muss?
Angus: Ich glaube, als die ersten ein, zwei Minuten standen, haben wir gemerkt, dass der Song das Potenzial hat, ein Opener zu sein. Wir haben das nicht gezielt gesucht, aber viele klassische Metal-Alben, die wir mögen, beginnen genau mit so einer Dynamik und diesem Aufbau. Deshalb hat es sich ganz natürlich richtig angefühlt.
Joe: Angus und ich haben meistens ein gutes Gespür dafür, welcher Song ein Album eröffnen oder abschließen sollte. Als sich der Song entwickelt hat, war ziemlich schnell klar, dass er der Opener wird.
Mit „Harken The Waves“ habt ihr einen über neun Minuten langen Song veröffentlicht. Was muss ein Track mitbringen, um so eine Länge zu rechtfertigen?
Angus: Wer unsere Diskografie kennt, weiß, dass wir keine Angst vor längeren, progressiven Songs haben. „Harken The Waves“ hatte einfach die Größe und das Potenzial, diese Rolle auf dem Album zu übernehmen. Ein Song muss sich seine Länge aber verdienen. Er darf nicht wie ein Flickenteppich wirken, nur um länger zu sein. Jeder Part braucht eine Funktion und muss den Song voranbringen. Ich finde, „Harken“ rechtfertigt jede Idee und jedes Riff. Inspiriert von Filmsoundtracks sehe ich den Song wie ein großes Finale, während der folgende Track „Breathe“ eher ein Epilog ist.
Was sollen Hörerinnen und Hörer fühlen, wenn sie „Setting Fire to the Sky“ zum ersten Mal komplett durchhören?
Angus: Ich hoffe, dass sie das Gefühl haben, an einen anderen Ort transportiert worden zu sein. Selbst in den härteren Momenten steckt für mich eine Entwicklung, ein Fortschritt. Idealerweise ist es eine Reise, nach der man sich verändert fühlt und etwas mitnimmt.
Joe: Für mich geht es auch um diese Reise. Und ich würde sagen: Gebt dem Album Zeit. Für mich ist es unser bisher bestes und mit jedem Hören wächst es weiter.
Macht es 2026 überhaupt noch Sinn, ein komplettes Album zu veröffentlichen, oder ist das eher ein romantisches Konzept geworden? Viele Bands setzen ja inzwischen auf einzelne Singles.
Angus: Für manche Bands mag das funktionieren, aber für mich ist das Album nach wie vor ein wichtiger Rahmen, um ein Gesamtwerk zu zeigen. Es ist ein Unterschied, ob du eine einzelne Serienfolge siehst oder eine ganze Staffel. Der Kontext verändert alles. Außerdem schafft das physische Format noch eine zusätzliche Ebene: in einen Plattenladen gehen, ein Album bewusst hören, Texte lesen, Artwork wahrnehmen. Das vertieft die Verbindung zur Musik enorm.

URNE zwischen Kunst und Algorithmus
Streaming sorgt für Sichtbarkeit, bezahlt aber kaum. Ist das für eine Band wie URNE eher Fluch oder notwendiges Übel?
Angus: Beides. Streaming ist heute unvermeidbar und wichtig, damit Leute neue Musik entdecken, gerade auf unserem Level. Gleichzeitig spiegelt es den tatsächlichen Wert der Arbeit überhaupt nicht wider. Für uns ist es eher ein Einstiegspunkt, der Leute dazu bringt, Konzerte zu besuchen oder Platten zu kaufen. Es ist nicht ideal, aber Teil der Realität.
KI kann inzwischen Songs schreiben, Stimmen imitieren und Cover generieren. Bedrohung oder einfach ein weiteres Tool?
Angus: Für mich ist das eine klare Bedrohung für kreative Branchen. Diese Systeme greifen auf bestehendes Material zurück, analysieren es und verwerten es neu, um daraus Profit zu schlagen. Für mich liegt der Wert von Kunst in der menschlichen Kreativität. Wenn der kreative Anteil bei KI nur noch ein Prompt ist, stellt sich die Frage, wo da überhaupt noch der Wert liegt, außer im Geld. Deshalb sehe ich KI in diesem Kontext als problematisch.
Was kann von Menschen gemachte Musik, das KI eurer Meinung nach niemals erreichen wird?
Angus: Ich habe Videos gesehen, in denen Musiker KI- und echte Musik vergleichen und aktuell hört man noch klar den Unterschied. Es fehlt an Gefühl, Dynamik und Textur. Aber das ist natürlich ein sich ständig entwickelndes Feld, wer weiß, wie das in ein paar Jahren aussieht.
Joe: Menschliche Leidenschaft und Hingabe. Gerade bei Vocals hört man das extrem. KI klingt da einfach noch furchtbar. Aber mal sehen, wie lange noch.
Metal ist stark mit Authentizität verbunden. Leidet diese darunter, wenn Bands professioneller und strategischer arbeiten müssen? Und wie viel geht verloren, wenn Social Media Pflicht wird?
Angus: Ich glaube, Authentizität lässt sich im Metal leichter bewahren als in der Popwelt, wo viel mehr externe Einflüsse reinspielen. Wir mussten bisher nie Kompromisse eingehen. Unser Label und unser Management unterstützen unsere Vision komplett. Social Media ist wichtig, wenn man Menschen erreichen will, aber es sollte nicht die Musik überlagern.
Müssen Bands heute genauso Content Creator wie Musiker sein, um sichtbar zu bleiben?
Angus: Für aufstrebende Bands ist Social Media ein wichtiges Werkzeug, um ihre Musik zu verbreiten. Aber da liegt auch die Herausforderung: authentisch zu bleiben. Wir wollen keine Content Creator sein, sondern Musiker. Trotzdem kann man auch mit Content Spaß haben, solange es nicht die Musik ersetzt.
Habt ihr jemals bewusst Entscheidungen gegen Marktlogiken getroffen und sie vielleicht bereut?
Angus: Nicht bewusst. Unsere Musik ist vielleicht nicht immer massentauglich, aber wir schreiben einfach das, was wir selbst hören wollen. Wir denken nicht in Marktlogiken und haben es bisher nie bereut. Ein gutes Beispiel ist „Harken The Waves“ als erste Single. Ein über neun Minuten langer Song ist definitiv keine typische Wahl.
Wenn der kommerzielle Erfolg morgen weg wäre, stellt euch das kurz vor! Würdet ihr trotzdem weitermachen?
Angus: Ja, definitiv. Im Kern sind wir einfach Freunde, die zusammen Musik machen. Das würde sich nicht ändern. Natürlich hilft Erfolg dabei, das Ganze am Leben zu halten, aber der eigentliche Grund für die Band ist unsere gemeinsame Leidenschaft.
Joe: Genau. Wir lieben es, Zeit miteinander zu verbringen, egal ob auf Tour, im Studio oder im Proberaum. So eine Band wollte ich immer haben, und es ist großartig, Teil davon zu sein.
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Mia Lada-Klein
Mia ist Redakteurin beim Paranoyd Magazin. Als absolute Spezialistin für Interviews und Reviews verbindet sie ihr Literaturstudium mit ihrer Leidenschaft für das geschriebene Wort. Mia blickt auf eine langjährige Zusammenarbeit mit diversen Magazinen zurück und ist ein wahrer Interview-Profi, der fundiertes Fachwissen mit authentischen Einblicken in die Musikszene vereint.





