Keine Angst vor der Zukunft: Emanuele Randon über KI, Haltung und das neue Talco-Album „Freek“

Talco - Freek

Talco, Saranno (ITA), 27.09.2026: Beim Ruvido Live’n’Loud Fest in der Nähe von Mailand hatten wir die Gelegenheit, uns kurz vor ihrem Auftritt mit Emanuele von Talco zusammenzusetzen. Obwohl die Anreise aus Venedig deutlich länger dauerte als ihre 20-minütige Show, war die Stimmung fantastisch. Kein Wunder, denn die Band steht kurz vor der Veröffentlichung ihres mit Spannung erwarteten neuen Albums „Freek“!

In diesem kurzen Interview spricht Emanuele über die tiefe, persönliche Bedeutung hinter dem neuen Konzeptalbum, die Befreiung durch das eigene Studio und warum die Band trotz des Einzugs von KI keine Angst um die Zukunft echter, handgemachter Musik hat. Außerdem gibt er uns einen exklusiven Ausblick auf die anstehende Tour, geplante Akustik-Shows und die Festival-Saison 2027.

Hallo Emanuele, schön, dass du kurz Zeit hast für ein kleines Interview hier beim Ruvido Live’n’Loud Fest! Schön dich zu sehen, Wie geht es dir?


Hallo, Sören. Alles bestens! Wir freuen uns sehr, hier zu sein. Es ist zwar unser letztes Konzert und der Auftritt geht nur 20 Minuten, aber es hat einen besonderen Grund, weshalb wir wirklich glücklich sind, hier zu sein. Christiano war ein sehr guter Freund und Tourmanager und es ist selbstverständlich, dass wir ihm heute hier gedenken. Dieses Zusammenkommen vieler Wegbegleiter ist fantastisch und wir sind froh, ein Teil dieser besonderen Veranstaltung zu sein.

Wie war die Anreise? Diese hat ja länger gedauert als der Auftritt selbst, oder?


Absolut! Von Venedig aus haben wir drei Stunden hierher gebraucht. Heute wird eine besondere Show. Plug & Play, 20 Minuten, wir haben trotzdem Lust auf diese kurze Show und freuen uns, spielen zu können. Bei der Vielzahl der Bands und Musiker wird das heute etwas einfacher und ursprünglicher. Einfach Musik und eine gute Zeit haben.

Wie war euer Sommer? Ich denke, wir reden gleich kurz über das kommende Talco Album. Habt ihr schon einige Songs vom neuen Album live gespielt?


Ja, wir haben „DALLA MIA PARTE DELLA STRADA“ vorgestellt, das ist die erste Single. Einfach, um den Leuten einen ersten Vorgeschmack zu geben. Und ja, der Song kam sehr gut an. Wir werden ihn wahrscheinlich weiterhin spielen. Der Sommer war insgesamt wirklich gut. Nach etwa anderthalb Jahren auf Tour dachten wir eigentlich, dieser Sommer würde etwas ruhiger werden. Am Ende haben sich aber doch viele tolle Konzerte ergeben. Einige der besten waren auf Festivals, zum Beispiel in den Niederlanden, natürlich das Punk Rock Holiday in Slowenien, hier in Italien das Punkadeka und heute dieser schöne Abschluss hier.

„Freek“: Talco zwischen Freiheit und Leistungsdruck

Wir sitzen heute zusammen, um ein wenig über das kommende Album zu reden. Wie heißt es? Freak, richtig?

Der Name des Albums ist ‚Freek‘. Man schreibt das allerdings nicht wie das englische Wort für eine schräge Person – also F-R-E-A-K –, sondern ganz bewusst mit zwei ‚e‘ und einem ‚k‘ am Ende, also quasi wie ‚free‘ und ‚ek‘.

Was hat dieses Wortspiel, diese Kombination für eine Bedeutung für euch?

Der Begriff setzt sich im Grunde aus zwei Wörtern zusammen: ‚free‘ – also frei – und ‚freak‘. Genau diese Kombination beschreibt unseren Charakter und unser ganzes Wesen als Musiker und Künstler. Diese Figur, dieser ‚Freek‘, verkörpert für uns genau die Freiheit, unsere Musik und unser Leben in vollen Zügen auszuleben und gemeinsam zu zelebrieren.

Die Tour ist vorbei, jetzt beginnt ein neues Talco Kapitel mit „Freek“. Wie sehen die Pläne für die nahe Zukunft aus: erst einmal eine Pause oder direkt rein in die Promotion?

Wir spielen jetzt etwa drei Monate lang vorerst keine Konzerte. Die Pause ist notwendig, um dann das kommende Album entsprechend zu promoten und zu präsentieren. Wir haben aber viel geprobt und schon jetzt eine neue Setlist vorbereitet, die dann wahrscheinlich fast zwei Stunden dauern wird.

Wie lief der Entstehungsprozess des Albums? Wer ist für die Songs und das Songwriting verantwortlich?

Natürlich Dema, unser Sänger. Er hatte die gesamte Idee für das Album im Kopf. Für ihn geht es nicht nur darum, ein paar Songs zusammenzuwürfeln, sondern eine richtige Geschichte zu erzählen.

Wovon handelt die Geschichte auf dem Album? Übrigens sieht das Cover ja ziemlich abgefahren aus.

Ja, das Motiv stammt tatsächlich direkt aus der Feder unseres Zeichners. Dieses Mal ist die zugrunde liegende Geschichte jedoch sehr stark von Demas persönlichen Erfahrungen und seiner eigenen Biografie geprägt. Das Ganze nimmt seinen Anfang bei einem Schwimmwettkampf, einer Szene, die als zentraler Wendepunkt fungiert. In dem Moment, in dem er in das Wasser eintaucht, setzt bei ihm ein tiefgreifender Reflexionsprozess ein. Um ihn herum herrscht eine enorme Geräuschkulisse, alle rufen und fordern: ‚Du musst gewinnen!‘ – es ist die personifizierte Darstellung dieses allgegenwärtigen Leistungsdrucks, dem wir oft ausgesetzt sind.

Mitten im Becken trifft er dann eine radikale Entscheidung: Er stoppt abrupt ab. Visuell und metaphorisch wirkt das wie ein Moment des Ertrinkens, doch in Wahrheit ist es ein Moment des Innehaltens. In dieser scheinbaren Regungslosigkeit beginnt er, sein gesamtes Leben zu hinterfragen: seinen ganz persönlichen Zugang zur Musik, seinen bisherigen Weg und all diese fundamentalen Dinge, die im Alltagslärm oft untergehen. Diese Szene ist letztlich eine starke Metapher für die Mechanismen der Musikindustrie selbst. Sie spiegelt die ständige Erwartungshaltung wider und wirft die Frage auf, wie wir uns selbst in dieser oft rücksichtslosen Musikwelt positionieren und wo wir darin unseren eigenen, wahrhaftigen Platz finden.

Talco bei der Show live auf der Bühne – Credit: Sören Wittmann

Dema hat ja ein eigenes Studio. Ist das kommende Talco Album dort entstanden und was hat sich dadurch eventuell geändert?

Ja, glücklicherweise haben wir inzwischen den Schritt zu einem eigenen Raum geschafft. Diese Veränderung schenkt uns eine völlig neue Dimension der Freiheit – wir können jetzt absolut selbstbestimmt und genau so arbeiten, wie wir es uns vorstellen. Diese Unabhängigkeit ist natürlich ein enormes Privileg und unglaublich inspirierend, bringt aber auch eine ganz eigene Dynamik mit sich: Wenn man keine externen Grenzen mehr hat, neigt man schnell dazu, die Zeit völlig zu vergessen.

Man versinkt so tief im kreativen Fluss, dass Pausen praktisch ausbleiben und die Arbeit fließend ineinander übergeht. Es ist ein sehr intensiver, aber auch wunderschöner Prozess. Ich bin extrem gespannt auf die Reaktionen und hoffe sehr, dass die Menschen diese Energie und die Freiheit, die in den neuen Stücken steckt, auch heraushören können.

Neue Musik, Akustik-Shows und Festivals 2027

Nächstes Jahr geht ihr auf Tour. Wo tretet ihr auf und seid ihr schon aufgeregt, das neue Album live zu spielen?

Ja, sehr! Wir haben große Erwartungen, vor allem, weil wir das Album komplett eigenständig produziert haben – ohne jegliche Vorgaben oder Einflüsse von außen. Wir haben einfach die Tür zugemacht und aufgenommen. Wir sind sehr glücklich mit dem Ergebnis und hoffen, dass es den Fans gefällt. Wir waren noch nie so lange nicht auf der Bühne, deshalb wird es sich am Anfang sicher etwas ungewohnt anfühlen.

Ihr seid jetzt seit rund 20 Jahren auf Tour und mit Talco aktiv. Wie hat sich die Musik und die Branche in den letzten 20 Jahren für euch verändert? Als Musiker, aber auch technisch, zum Beispiel durch KI?

Zu dieser Entwicklung gibt es tatsächlich viel zu sagen. Natürlich sind wir über die Jahre reifer geworden und blicken heute auf einen weitaus größeren Erfahrungsschatz zurück. Wir haben auf unseren Reisen unzählige Kilometer zurückgelegt und hatten das große Glück, weltweit auf ein fantastisches Publikum und großartige Menschen zu treffen, die uns auf diesem Weg begleitet haben. Auch in technischer Hinsicht hat sich die Landschaft massiv verändert – der gesamte Prozess des Aufnehmens und des Live-Spielens ist heute zweifellos zugänglicher und unkomplizierter geworden. Doch trotz all dieser äußeren Veränderungen und der technologischen Weiterentwicklung sind wir im Herzen und in unserer kreativen Essenz genau dieselben geblieben wie in den Tagen unserer Jugend.

Auch dem Thema Künstliche Intelligenz begegnen wir mit großer Gelassenheit. Wir haben uns auf Tour hin und wieder einen Spaß daraus gemacht, alberne KI-Songs zu generieren, was wirklich sehr amüsant war. Letztlich glaube ich aber, dass es sich mit der KI ähnlich verhalten wird wie mit der Einführung von High Definition im Fernsehen oder Kino: Man gewöhnt sich sehr schnell an den neuen Standard, entwickelt aber gleichzeitig einen geschärften Blick dafür. Die Menschen werden sehr feine Antennen dafür behalten, was handgemacht ist und wo es sich um rein künstlich erzeugte Musik handelt.

Du hast vorhin im Vorgespräch erwähnt, dass ihr einige Akustik-Shows plant. Wie sehen da die genauen Pläne aus?

Ja, das ist richtig. Wir planen derzeit eine Reihe von ausgewählten Akustik-Auftritten, um das neue Album in einem ganz besonderen Rahmen vorzustellen. Geplant sind Shows in Deutschland, Spanien und aller Voraussicht nach auch in Italien. Für uns steht dabei ganz klar der Spaß im Vordergrund. Ein Akustik-Set besitzt einfach eine völlig andere Dynamik – es ist intimer, reduzierter und erlaubt es uns, die Songs noch einmal aus einer ganz neuen Perspektive zu präsentieren. Darüber hinaus halten wir uns alle Türen offen: Es ist gut möglich, dass wir das Akustik-Projekt von Talco in Zukunft wieder aufgreifen und weiterführen werden.

So wie während der Corona-Zeit?

Genau, wie in der Corona-Zeit. Wir haben da noch ein paar Ideen. Aber als Erstes wollen wir wieder mit voller Energie auf die Bühne.

Das Hauptziel für nächstes Jahr ist also das neue Album und es überall live zu präsentieren. Gibt es schon Pläne für den Sommer, wie große Festivals oder eine Herbst-Tour?

Ja, absolut. Unser Management ist bereits mitten in den Planungen und bucht derzeit die ersten Festivals für die kommende Saison. Ein absolutes Highlight, das bereits feststeht, ist unser Auftritt beim Save The Core Festival in Nürnberg, worauf wir uns schon riesig freuen. Ebenso planen wir, unsere Tournee auf weitere europäische Länder auszuweiten. Wir lassen das Ganze im Moment noch ein wenig auf uns zukommen und schauen einfach gespannt, welche spannenden Gelegenheiten und Bühnen sich in den nächsten Monaten noch für uns ergeben.

Prima, das war’s auch schon mit dem Interview. Vielen Dank dir!

Ich habe zu danken! Ein ganz großes Dankeschön gilt dir für deine jahrelange Unterstützung von Talco, deine treue Freundschaft und diese unermüdliche Leidenschaft, die du mit uns für die Musik teilst. Solche Wegbegleiter sind unglaublich wertvoll. Wir sehen uns ganz sicher auf Tour im neuen Jahr!

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Talco Live 2027

Freek – Tour

Hamburg, Grosse Freiheit 36
München, Backstage
Wiesbaden, Schlachthof
Wien, Arena
Prag, Palac Akropolis
Köln, Live Music Hall
Berlin, Astra
Madrid, La Riviera
Santiago De Compostela, Sala Capitol
Bilbao, Santana 27
Rom, Hacienda
Turin, Hiroshima Mon Amour
Mailand, Circolo Magnolia
Saragossa, Teatro De Las Esquinas
Barcelona, Razzmatazz
Iruñea, Sala Totem
Antwerpen, Kavka Oudaan
Amsterdam, Melkweg
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Sören Wittmann

Sören ist Konzertfotograf beim Paranoyd Magazin. Er fängt die Leidenschaft von Live-Musik ein – von Irish/Folk Punk bis Metal und Musicals. Als Festival-Experte liegt sein Fokus auf den unentdeckten Perlen der Szene und kleineren, atmosphärischen Events abseits des Mainstreams.

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