Am 1. Mai 2026 erschien mit One bereits das 15. Studioalbum von Sevendust. Die US-amerikanische Metal- und Rockband steht seit mittlerweile dreißig Jahren auf der Bühne und hat damit nicht nur musikalische Trends, sondern gleich mehrere komplette Umbrüche der Musikindustrie überlebt. Sevendust kennen noch eine Zeit, in der Social Media nicht existierte, Streaming höchstens nach Zukunftsmusik klang und künstliche Intelligenz eher in dystopischen Filmen auftauchte als in kreativen Prozessen.
Im Interview spricht Drummer Morgan Rose über Album Nummer 15, den komplizierten Zusammenhalt einer Band, die sich über Jahrzehnte nicht gegenseitig zerlegt hat, über die verlorene Magie der heutigen Musikwelt und über den sehr realen Preis, den Erfolg oft fordert.
Euer Album “One” erschien jetzt. Fühlt sich das noch aufregend und besonders an oder wird man mit der Zeit entspannter, je mehr Alben man veröffentlicht hat?
Morgan: Wir sind kreative Menschen, deshalb ist es eigentlich egal, ob wir gerade ein Album machen oder nicht, wir schreiben ständig Songs. Ob wir mit anderen Bands produzieren, mit ihnen zusammen schreiben oder unsere eigenen Sachen machen: Wir kommen eigentlich nie aus diesem Modus raus. Es ist schon verrückt, weil ich das neulich erst gesagt habe: Am Anfang unserer Karriere war es einfacher, Ideen zu haben und sie nicht zu sehr zu hinterfragen. Später im Leben hast du viel mehr erlebt, dadurch hast du auch klarere Visionen und Themen, über die du schreiben kannst.
Du hast einfach mehr Leben in dir, aus dem du schöpfen kannst. Deshalb ist es immer spannend, Musik zu schreiben. Es wird nie langweilig. Gleichzeitig gibt es immer diese Herausforderung, sich nicht zu wiederholen. Ich glaube nicht, dass das jemals aufhört. Wir lieben es einfach, Songs zu schreiben, die etwas bei anderen Menschen auslösen. Wenn wir über echte Erfahrungen schreiben und wissen, dass es jemanden erreicht oder sogar jemandem hilft, dann ist das genau das, was uns antreibt.
Ihr spielt ja seit Jahren fast in derselben Besetzung. Was ist das Geheimnis eurer Stabilität als Band, also eurer Einheit?
Morgan: Ich sage immer: Leider war das, was uns als Band zusammengehalten hat, gleichzeitig auch das, was unseren Beziehungen am meisten geschadet hat. Und das war, dass wir nicht richtig kommuniziert haben. Schwierige Gespräche waren lange Zeit einfach nicht wirklich erlaubt. Wenn man dann jahrelang eng aufeinanderhockt, quasi in einer Art „Tube“ unterwegs ist, dann nervt man sich irgendwann. Und statt Dinge anzusprechen, schluckt man sie runter. Man zieht sich zurück oder wird passiv-aggressiv.
Man sagt Dinge, die man nicht so meint, in der Hoffnung, dass es keinen großen Streit auslöst. Das hat sich über lange Zeit hochgeschaukelt, ohne dass es richtig eskaliert ist. Aber gesund war das nicht. Wir waren einfach nicht reif genug, um wirklich offen miteinander zu reden. Es hat lange gedauert, bis wir verstanden haben: Es ist okay, wenn mich etwas an dir nervt. Und es ist auch okay, wenn dich etwas an mir nervt.
Das definiert uns nicht als Menschen oder als Band. Jeder hat seinen eigenen Weg, seine eigene Entwicklung. Und klar, manchmal will man sich immer noch gegenseitig an die Gurgel gehen. Aber gleichzeitig ist da inzwischen viel Liebe, Respekt und Wertschätzung. Das war nicht immer so. Früher waren wir eher wie Brüder, die sich ständig auf die Nerven gehen wollten, aber nie wirklich darüber gesprochen haben.
Sevendust über Nostalgie, Fans und die verlorene Mystik der Musikbranche
Ja, man wird älter und hoffentlich auch weiser und sieht Dinge anders. Als Kind oder in der Jugend war ich auch sehr rebellisch. Und heute sieht man das ja leider auch in der Social-Media-Welt: Du bist entweder mein Freund oder mein Feind. Aber die Welt ist ja viel komplexer.
Morgan: Wir sind alle auf unserer eigenen Reise im Leben. Man muss einfach darüber reden und akzeptieren, dass Freunde, Familie oder Menschen im Umfeld eine andere Meinung haben können. Und das ist völlig in Ordnung. Das muss man akzeptieren. Am Ende geht es auch darum, Erinnerungen zu sammeln, möglichst gute. Und es geht darum Menschen um sich zu haben, die einem wirklich wichtig sind und die einen begleitet haben. Alles andere ist eigentlich nicht wirklich wichtig. Wir leben in einer Welt, in der Leute oft denken, sie hätten ein Recht auf alles, aber das stimmt nicht und man muss sich auch nicht zu allem äußern.
Wir haben als Band das Glück, Musik zu machen und echte Erfahrungen darin verarbeiten zu können. Am Anfang war das vor allem für uns selbst. Und dann haben wir gemerkt, dass andere sich darin wiederfinden. Und genau da haben wir verstanden, was unsere eigentliche Aufgabe ist. Nicht einfach nur auf der Bühne zu stehen oder irgendeine Rolle in den sozialen Medien zu erfüllen. Sondern Musik nach außen zu tragen und damit Menschen zu erreichen oder ihnen zu helfen. Das ist am Ende viel größer als wir selbst. Darum geht es ja.
Du bist jetzt seit 30 Jahren im Musikgeschäft. Die Zeiten haben sich ja auch stark verändert durch Streaming, Social Media und KI. Ist es heute einfacher durchzubrechen oder eher schwieriger durch die Konkurrenz und die Überflutung an Content?
Morgan: Es ist einfacher, dass deine Musik überhaupt gehört werden kann, aber gleichzeitig viel schwieriger, wirklich herauszustechen. Das ist die große Ironie daran. Es ist jetzt ein bisschen so, als wäre ich der „Opa“, der draußen steht und sagt: „Ihr versteht gar nicht, wie cool das früher war!“ Und die Leute schauen dich an und denken sich nur: „Okay… klingt nicht so spannend.“ Man wird vielleicht irgendwann genau das, worüber man sich früher lustig gemacht hat. Und das ist irgendwie verrückt: Früher gab es noch diese gewisse Mystik.
Heute ist die komplett verschwunden. Alles wird sofort zerlegt, analysiert und herausgefunden. Selbst bei Bands, die bewusst anonym bleiben wollen, geht es nicht darum, die Musik zu genießen, sondern sofort zu entlarven, wer dahintersteckt. Anstatt sich überraschen zu lassen, wird alles sofort „gekillt“. Früher hätte man gesagt: Wie cool wäre es, wenn man etwas nicht weiß und es einfach irgendwann entdeckt. Heute ist die Reaktion eher: Nein, ich will es sofort wissen und alles auseinandernehmen. Und genau dadurch geht etwas verloren. Diese emotionale Bindung, dieses echte Investment in eine Band oder einen Künstler. Das ist sehr selten geworden und das gefällt mir nicht.
Ich sehe das auch bei jungen Bands. Sie haben viele Follower, aber Follower sind nicht automatisch Fans. Fans sind etwas ganz anderes. Viele verstehen diesen Unterschied nicht mehr.
Morgan: Ja, absolut. Followerschaft ist nicht gleich Fanbase. Ein Fan ist emotional investiert. Das ist jemand, der wirklich etwas fühlt, der eine Beziehung zur Musik aufbaut.
Ich selbst kenne noch die Zeit, in der man in einen Laden gegangen ist, Alben in der Hand hatte, nicht jeden Song kannte, alles neu war. Das hatte etwas Magisches.
Morgan: Ja, total. Das kann ich so nachvollziehen. Ich erzähle meinem Sohn manchmal davon. Dass wir früher wirklich vor dem Plattenladen gewartet haben, bis ein Album rauskommt. Und er sagt dann: „Ihr musstet dafür bezahlen?“ Und ich: Ja. Und er kann das gar nicht greifen. Er meint dann, er hat ja alles für zehn Dollar im Monat.
Und ich versuche ihm zu erklären, dass es nicht um Geld geht, sondern um das Gefühl. Dass du sparen musstest. Dass du dich bewusst entscheiden musstest. Dass du für ein Konzert gearbeitet hast, für ein Ticket, für ein T-Shirt. Du hast dafür etwas getan. Es war nicht einfach da. Und genau das hat eine ganz andere Verbindung geschaffen. Du bist nicht einfach „Konsument“ gewesen, du hast es dir erarbeitet.
Auch dieses Gefühl von früher bei Konzerten, dieses Warten, dieses Nichtwissen, das erste Mal die Band wirklich live zu sehen, weil man sie vorher nie sehen konnte, das war fast emotional überwältigend. Jetzt hat man überall Bilder der Konzerte und der Reiz ist dann manchmal einfach verpufft.
Morgan: Genau so war es. Ich erinnere mich auch daran, wie wir vor Hintereingängen standen, nur um vielleicht einen kurzen Blick auf die Band zu erhaschen. Und wenn das Konzert vorbei war, war das ein richtiges Gefühl von Verlust. Du gehst raus und bist emotional komplett leer, weil du etwas erlebt hast, das dich wirklich berührt hat, aber gleichzeitig vorbei ist. Und du weißt nicht, wann du es wieder bekommst. Dieses Gefühl gibt es heute in der Form kaum noch. Viele wissen teilweise nicht einmal mehr den Namen der Band, deren Song sie gerade hören.
Ja, wie du sagst: die Magie ist ein Stück weit verloren gegangen.
Morgan: Ja. Genau das ist es.
Zwischen Bandliebe und emotionalem Preis: Morgan Rose persönlich
Manche Fans sagen euch aber vielleicht auch nach Jahren: „Früher wart ihr besser.“ Wie gehst du mit solchen Stimmen um? Gibt es Fans, die sagen, sie mögen die neue Musik nicht mehr?
Morgan: Das Lustige ist: Vor vielleicht fünf, sechs Jahren gab es das ein bisschen häufiger. Da kam dann manchmal sowas wie: „Ich habe nach dem dritten Album aufgehört zuzuhören.“ Aber ehrlich gesagt: Wir haben keine „Fans“ im klassischen Sinn. Wir haben eher Familie und Unterstützer. Menschen, die es entweder verstehen oder eben nicht. Und wenn jemand sagt: „Ich mag euch nicht mehr“, dann ist das okay. Wirklich. Dann war das eben eine schöne gemeinsame Zeit, aber Wege trennen sich halt auch mal.
Das ist wie bei Freundschaften. Man hängt zusammen ab, alles ist gut und irgendwann entwickelt sich jemand weiter und geht in eine andere Richtung. Und dann sagt man vielleicht: „Das ist nicht mehr mein Ding.“ Und das ist völlig in Ordnung. Du kannst dir ja bei der Musik trotzdem die alten Sachen anhören und sagen: „Das war eine starke Zeit.“ Und wenn dir die neue Musik nicht mehr gefällt, ist das auch okay. Dann ist das eben so.
Man ist auf einer Reise im Leben und manchmal muss man sich eben auch von Menschen oder Wegen trennen. Aber eine persönlichere Frage, Morgan: Was hat Sevendust dich persönlich gekostet? Beziehungen, Gesundheit, Zeit? Viele sehen nur den Glamour, aber dahinter steckt harte Arbeit. Wenn du heute neu anfangen könntest, würdest du alles wieder genauso machen?
Morgan: Nein. Überhaupt nicht. Fast alles wäre anders. Wir waren naiv, ganz klar. Und ich glaube, viele Menschen in diesem Umfeld sehen das ähnlich. Gerade wenn du so ein Leben führst, ständig unterwegs bist, ist das nicht einfach für den Kopf. Ich versuche das vorsichtig zu sagen, aber ich glaube, dass viele sehr kreative Menschen irgendwo auch mit inneren Problemen kämpfen. Das gehört fast dazu. Diese Art von Leben verlangt dir mental extrem viel ab. Du musst lernen, Dinge zu trennen. Dein Leben auf der Bühne, dein Leben zu Hause, deine Familie. Und wenn du das nicht gut hinbekommst, wird es sehr schwer, das alles auszuhalten.
Bei mir persönlich war das teilweise extrem schwierig. Meine Kinder sind ohne mich groß geworden. Und das war etwas, das mich sehr belastet hat. Ich erinnere mich noch gut an Situationen, in denen ich gehen musste und sie geweint haben. Ich habe irgendwann sogar gesagt: Ihr müsst sie aus dem Raum bringen, bevor ich gehe, weil ich es sonst nicht schaffe.
Und wenn ich zurückkam, wollten sie dann nur noch bei mir sein. Immer. Wirklich überall. Mein Sohn hat sich regelrecht an mir festgehalten, meine Tochter ist mir in jeden Raum gefolgt. Einmal hat sie mir sogar zu Weihnachten gesagt, dass sie sich wünscht, mich „festketten“ zu können, damit ich nicht mehr weggehe. Das ist hart. Und gleichzeitig zeigt es dir, was du verpasst hast. Ich hatte auch viel Glück, dass meine Kinder trotzdem großartige Menschen geworden sind.
Aber ehrlich gesagt: Unsere Familie hätte auch ganz anders enden können. Und ja, ich kann sagen: Diese Band hat mich alles gekostet. Jede Beziehung direkt oder indirekt wurde dadurch beeinflusst oder sogar zerstört. Durch Abwesenheit, durch Substanzen, durch Kommunikationsprobleme, durch das ganze System. Wenn du ständig unterwegs bist und dann nach Hause kommst, hast du dort auch Verantwortung. Und irgendwann merkst du, dass du eigentlich nur noch zwischen zwei Welten funktionierst, ohne wirklich irgendwo anzukommen. Ich will das nicht nur negativ sagen, weil ich unglaublich dankbar bin, dass ich das machen darf. Aber der Preis ist real.
Sevendust zwischen KI, Social Media und Dauer-Content
Zum Abschluss noch ein weiteres Thema: KI. Wie stehst du dazu, dass künstliche Intelligenz auf den Stimmen, Sounds und Arbeiten echter Künstler trainiert wird? Ist das für dich Inspiration oder eher Diebstahl? Und sollte es klare ethische Grenzen für den Einsatz von KI in der Musik geben?
Morgan: Kurz gesagt: Ja, es sollte auf jeden Fall Grenzen geben. Ich weiß nur nicht genau, wie man das sinnvoll umsetzt. Und ehrlich gesagt finde ich das Ganze auch ziemlich beängstigend. Aber ich versuche das differenziert zu sehen. Ich habe ähnliche Dinge schon früher erlebt. Als Pro Tools aufkam, habe ich das am Anfang auch gehasst. Ich erinnere mich an eine Band, deren Drummer live nicht besonders stark war. Im Studio klang er plötzlich wie der beste Drummer der Welt. Ich dachte nur: Was ist hier passiert? Und dann hieß es: Beat Detective. Also wurde alles zurechtgebogen. Und ich war erstmal schockiert. Aber später habe ich verstanden, dass es einfach ein Werkzeug ist.
Am Anfang habe ich es abgelehnt, später habe ich gemerkt, dass es auch kreativ helfen kann. Man kann damit Dinge verschieben, Songs strukturieren, effizienter arbeiten. Und plötzlich war es nicht mehr nur „Betrug“, sondern ein Tool im kreativen Prozess. KI ist da aber nochmal eine ganz andere Dimension. Zumindest im Moment. Ich weiß nicht, wer es nutzt und wer nicht.
Und ich habe auch gesehen, wie schnell Bands dafür angegriffen werden, selbst wenn es gar nicht stimmt. Wir wurden zum Beispiel bei einem Video oder Artwork direkt mit KI in Verbindung gebracht, obwohl das überhaupt nicht der Fall war. Und das zeigt auch, wie sensibel das Thema geworden ist. Für uns ist klar: Wir wollen so authentisch und organisch wie möglich bleiben. Das ist mir wichtig.
Wir leben in einer Zeit, in der man kaum noch weiß, was echt ist und was nicht. Das ist gefährlich.
Morgan: Ja, das ist es. Da gibt es zum Beispiel zwei Nachrichtenquellen direkt nebeneinander, die komplett gegensätzliche Dinge behaupten und beide sagen, sie hätten recht. Und dann stehst du da und denkst dir: Was ist jetzt Realität? Das ist beängstigend. Und das führt dazu, dass Menschen sich immer mehr voneinander entfernen. Früher konnte man sagen: Wir sind anderer Meinung, aber okay. Heute heißt es oft: Du bist entweder auf meiner Seite oder gegen mich. Und das ist tatsächlich ein echtes Problem. Es gibt kaum noch dieses „Wir sind anderer Meinung, aber wir respektieren uns trotzdem“.
Es wirkt wie eine sehr angespannte, fast gespaltene Zeit.
Morgan: Ja, absolut, genau das ist es. Die Extreme werden größer. Und je mehr sich das verstärkt, desto mehr Aggression entsteht. Jeder fühlt sich in seiner Meinung absolut sicher. Und wenn jemand anders denkt, wird er direkt abgelehnt. Das ist gefährlich, weil niemand mehr wirklich zuhört.
Mehr zur Band SEVENDUST findet ihr in den Socials:
Mia Lada-Klein
Mia ist Redakteurin beim Paranoyd Magazin. Als absolute Spezialistin für Interviews und Reviews verbindet sie ihr Literaturstudium mit ihrer Leidenschaft für das geschriebene Wort. Mia blickt auf eine langjährige Zusammenarbeit mit diversen Magazinen zurück und ist ein wahrer Interview-Profi, der fundiertes Fachwissen mit authentischen Einblicken in die Musikszene vereint.
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