Bei Schandmaul hat sich in den vergangenen Jahren einiges verändert. Nach mehr als 25 Jahren Bandgeschichte steht Thomas Lindner weiterhin auf der Bühne, allerdings in einer anderen musikalischen Rolle. Während er früher als Sänger das Gesicht der Band war, konzentriert er sich heute stärker auf Instrumente, Songwriting und die gemeinsame musikalische Arbeit.
Mit „Sternensegler“ beginnt gleichzeitig ein neues Kapitel für Schandmaul. Das Album entstand unter besonderen Umständen und markiert die erste Veröffentlichung mit Till Herence als neuem Sänger. Im Gespräch mit Paranoyd Magazin erzählt Thomas, wie er seinen Rollenwechsel erlebt, warum er in dieser neuen Position mehr Freiheit auf der Bühne empfindet und wie die Zusammenarbeit mit Till bei der Entstehung von „Sternensegler“ funktioniert hat.
Außerdem spricht Thomas über die musikalische Vielfalt des neuen Albums, die besondere Bedeutung einzelner Songs wie „Flagge“, mehr als 25 Jahre gemeinsame Bandgeschichte und einen ganz besonderen Moment beim Folkfield-Festival. Ein Gespräch über Veränderung, Freundschaft, Musik und den Blick nach vorne.
Thomas Lindner über seine neue Rolle bei Schandmaul
Schandmaul gibt es inzwischen seit mehr als 25 Jahren. Du bist weiterhin ein wichtiger Teil der Band, allerdings in einer anderen Rolle. Du bringst dich inzwischen an verschiedenen Instrumenten ein. Wie hat sich dein persönlicher Blick auf Schandmaul und dein eigenes Erleben eines Konzerts durch diesen Wandel verändert?
Thomas: Es ist freier geworden. Ich kann mich jetzt tatsächlich mehr in die Musik fallen lassen. Ich kann das Miteinander-Musizieren viel mehr wahrnehmen und dementsprechend genießen, wenn wir spielen.
Als ich noch gesungen habe, war mein Kopf voll. Nicht, weil ich vorher über die Texte nachdenken musste, sondern ich war einfach darauf konzentriert, was als Nächstes kommt: Wie gehe ich auf die andere Bühnenseite, wie moderiere ich, ist da gerade links eine Gitarrensaite gerissen und muss ich meine Ansage deshalb verlängern? Ich war die ganze Zeit auf Empfangen, Senden und Reagieren. Jetzt ist das alles viel freier. Ich bin mehr im Hintergrund oder an der Gitarre und bin mehr Musiker. Das finde ich schön.
Als Sänger bist du natürlich auch Moderator. Du führst durch die Show und singst gleichzeitig. Du musst immer auf alles reagieren können und bist permanent auf Vollgas. Es gab Shows, bei denen ich von der Bühne gegangen bin und gar nicht genau wusste, wie ich das gerade einordnen soll. Ich brauchte dann oft einige Stunden Ruhe, um die ganzen Eindrücke zu sortieren und zu reflektieren. Jetzt bin ich direkt viel näher an der Musik.
Kurzum: Ich finde es sehr schön, oder anders gesagt: Ich bin da, wo ich herkomme. Bei der ersten Band, in der ich gespielt habe, habe ich als Keyboarder angefangen, dann wurde ich aus der Not heraus als Sänger entdeckt. Und jetzt bin ich wieder da, wo ich hingehöre. Der Kreis hat sich geschlossen.

Euer neuer Sänger Till Herence war ja schon lange mit der Band verbunden und hat dich unter anderem als Vocal-Coach begleitet. Wann entstand bei euch oder bei dir der Gedanke, dass er nicht nur als Aushilfe einspringen könnte, sondern tatsächlich euer neuer Sänger werden könnte?
Thomas: Ab dem Zeitpunkt, an dem klar war, dass es sich nicht nur um eine Aushilfe handeln würde, weil meine Stimme wegbleibt beziehungsweise weg ist, war der Gedanke eigentlich schon geboren. Wir hatten zunächst noch Termine, die bereits feststanden, und es war eine Zeit lang nicht klar, wie es meiner Stimme gehen würde oder ob sie wiederkommt. Deshalb haben wir zunächst Leute gefragt, die uns bei den bereits geplanten Terminen unterstützen.
Da kamen Georgi und Marco dazu, die uns diese Termine zugesagt haben. Als dann klar war, dass ich nicht mehr singen können werde, habe ich eigentlich nur an Marco (Till Herrence) gedacht. Für mich war er da schon unser Sänger. Ich bin froh, dass er dann „Ja“ gesagt hat, mein Nachfolger zu werden.
Mit „Sternensegler“ ist jetzt das erste neue Album entstanden, auf dem Till als Sänger zu hören ist. Wie hast du die Entstehung des Albums aus deiner neuen Rolle heraus erlebt? War das für dich beim Recording noch einmal etwas anderes, plötzlich nicht mehr selbst am Mikrofon zu stehen?
Thomas: Das Umschalten und Loslassen hat vorher stattgefunden. Als die Diagnose kam, nach dem Motto „Du wirst nicht mehr singen können“, habe ich natürlich mit meinem Schicksal und mir gehadert. Es ist immer schwer, wenn einem etwas genommen wird, was man einmal hatte. Aber es gab keine Alternative, ich musste damit umgehen. Ich habe dafür etwas anderes. Ich lebe noch, ich kann wieder sprechen – das sind alles tolle Sachen. Nur singen kann ich nicht mehr.
Wir waren uns aber alle einig: Wir machen weiter, wir wollen Musik machen und ich bleibe dabei. Ich bin an den Tasten, an den Saiten, schreibe Lieder und Texte mit, ich bin also nach wie vor Teil der Band. Dann kommt jemand dazu, die Familie ist gewachsen. Ab dem Zeitpunkt gab es für mich kein Fremdeln mehr und es war klar, dass ich nicht mehr am Mikrofon stehen werde.
Im Gegenteil: Ich habe mit ihm Gesang aufgenommen, saß an den Reglern und er stand am Mikrofon. Das war gemeinschaftliches Arbeiten, genauso wie an den ganzen Liedern. Wir haben gemeinsam Herzblut und Hirnschmalz hineingegeben.
Es gibt allerdings Momente, in denen es mich nervt, dass ich nicht mehr singen kann. Zum Beispiel, wenn ich hier vor mich hin komponiere und eine Idee habe, die ich schnell festhalten möchte. Da wünsche ich mir manchmal, dass Till gerade da wäre, um diese Idee einzusingen. Früher war das ein kürzerer Dienstweg. Heute muss ich die Idee aufnehmen, eine Klavierspur einspielen und sie ihm schicken. Dann frage ich: Wie findest du das? Kannst du mir mal ein Demo darüber singen? Ich möchte einfach hören, wie es klingt.

„Sternensegler“: Ein neues Kapitel für Schandmaul
Wenn du jetzt auf „Sternensegler“ schaust: Gibt es einen Song, der für dich eine besondere Bedeutung hat – vielleicht durch seine Entstehung oder weil du daran besonders beteiligt warst?
Thomas: Das ganze Album ist für mich etwas Besonderes. Teilweise waren die Ideen schon da, bevor alles losging. Andere Songs sind währenddessen entstanden und wieder andere ganz neu und jüngst im Studio. Das ganze Album ist ein bisschen wie ein Spiegel oder eine emotionale Zusammenfassung dessen, was passiert ist. Wir verpacken Gefühle in Geschichten, Texte und musikalische Gewänder.
Das Album als Ganzes erschlägt mich gerade ein wenig. Es widerspiegelt die letzten Jahre perfekt. Dieses Gefühl, einmal richtig eine hinten reinzukriegen und am Boden zu sein – und dann aufzustehen, abzuwischen und weiterzugehen. Wir haben noch etwas zu sagen. Und jetzt mit Rückenwind.
Auf jedem Album gibt es unterschiedliche Facetten – härtere Songs, ruhigere Stücke und alles dazwischen. Wie wichtig ist es euch, diese unterschiedlichen musikalischen Seiten innerhalb eines Albums zu bewahren?
Thomas: Wir sitzen grundsätzlich nicht am Reißbrett und sagen: Wir machen jetzt ein neues Album und arbeiten dafür irgendein Konzept aus. Es sind die Lieder selbst, die entstehen und uns letztlich vorgeben, wohin die Reise geht.
Wenn wir dann gemeinsam Musik machen, biegt ein Lied plötzlich in eine bestimmte Richtung ab. Auf einmal finden wir uns in einer Ballade wieder oder in einer harten Rocknummer. Das Lied wollte es so und der Füller hat es diktiert. Wenn wir gemeinsam musizieren, merkt man plötzlich: Da passiert etwas. Dann geht man in diese Richtung und landet eben im härteren Rock, in einer sanften Ballade oder irgendwo dazwischen.
Diese Vielfältigkeit entsteht also ganz natürlich – durch die unterschiedlichen Charaktere der Bandmitglieder, aber auch durch die verschiedenen Themen, die wir in unseren Liedern behandeln.
Bei einem Lied wie „Trag dich“ braucht es keine E‑Gitarre, da braucht es diese Zärtlichkeit. Und bei „Flagge“ musste es auf die Zwölf gehen. Das Lied hat danach geschrien.
25 Jahre Schandmaul: Freundschaft, Erinnerungen und der Blick nach vorn
Nach so vielen gemeinsamen Jahren: Was schätzt du heute an deinen Bandkollegen vielleicht noch einmal mehr als zu Beginn von Schandmaul vor rund 25 Jahren?
Thomas: Als wir angefangen haben, kannten wir uns mehr oder weniger noch gar nicht. Wir waren Bekannte. Über die letzten Jahre und Jahrzehnte haben wir uns nicht nur wirklich kennengelernt, sondern auch schätzen und lieben gelernt, weil wir Musik machen und das schon so lange. Wir haben auch gemeinsam das Leben erlebt.
Wir haben inzwischen alle über unser halbes Leben miteinander verbracht. Wir haben alle einschlägige Ereignisse erlebt, die ein Leben so zu bieten hat – Heirat, Kinder und mehr- und natürlich auch alle Höhen und Tiefen, die man menschlich, privat und als Band erleben kann. Das ist einfach ein unfassbarer Schatz an Erfahrung und Freundschaft.
Und dann machen wir auch noch Musik miteinander, da fließt alles mit hinein. Es ist gerade eine unfassbar tolle Stimmung in der Band. Wir sind wieder bei dem Gefühl angekommen, das „Sternensegler“ vermittelt. Es ist irgendwie so, als wären wir aus dem Hafenbecken raus und würden die offene See erreichen. Die Lungen gehen auf und der Wind streift um die Nase.
Wenn du dir aus diesen mehr als 25 Jahren einen einzigen Moment aussuchen könntest, den du noch einmal erleben möchtest: Welcher wäre das?
Thomas: Es gab wirklich viele, viele schöne Momente. Einen der krassesten Momente möchte ich allerdings nicht noch einmal erleben, weil ich so unfassbar nervös war. Das war damals bei der DVD-Aufnahme für „Kunststück“, als wir mit einem Klassikorchester zusammengearbeitet haben. Ich hatte dort ein mehr oder weniger großes Solo am Flügel. Das war ein Moment, den ich nie vergessen werde. Als ich damit fertig war, war der Hormonausstoß so gewaltig, dass mir fast die Schädeldecke geplatzt ist.
In jüngerer Zeit würde ich aber sehr gerne noch einmal unseren Einzug beim Folkfield-Festival erleben. Wir sind während des Intros durch das Publikum auf die Bühne gezogen – mit Fackeln und allem. Die Leute standen andächtig da und dann sind wir auf die Bühne. Dort waren ungefähr 2.000 Leute und wir hatten einfach das Gefühl: Das ist gerade ein ganz besonderer Moment.
„Du bist gerade noch ganz nah an der Entstehung von „Sternensegler“ dran. Wie groß ist jetzt die Vorfreude darauf, die neuen Songs endlich live auf die Bühne zu bringen?“
Thomas: Ich bin gerade noch sehr nah an der Produktion und am Schreiben der Lieder. Es ist noch gar nicht so lange her, dass man sagen könnte: Es ist fertig, man kann nichts mehr ändern. Davor war man immer noch mit dem spitzen Stift dran und hat gesagt: Das müssen wir noch machen. Bis irgendwann einer geschrien hat: Schluss, sonst wird das Ding nicht fertig.
Ich bin also noch sehr nah dran, aber gleichzeitig euphorisch und freue mich darauf, das Ganze live vorführen zu dürfen. Dass wir auf der Bühne zeigen können, was wir uns ausgedacht haben – auf der Frühlingstournee im nächsten Jahr. Da muss jeder kommen und sich das anhören. Von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt ist alles dabei. Die Spanne ist unglaublich breit und auf diese Reise sollte man sich mitnehmen lassen.
Vielen Dank an Thomas Lindner für das offene und interessante Gespräch.
Marc Blessing
Marc ist Webmaster, Chefredakteur und Fotograf des Paranoyd Magazins. Als Spezialist für Rock und Metal News sowie Hausfotograf des LKA Longhorns verbindet er Szenekenntnis mit technischem Know-how. Er liefert authentische Konzertberichte, professionellen Content und prägt seit Beginn Qualität, Glaubwürdigkeit und digitale Stärke des Paranoyd Magazins.




