Zehn Jahre Bandgeschichte und erst jetzt ein Debütalbum? „Nimm mich mit“ von Riot Teddy erscheint am 27. März 2026 und wirkt fast wie ein kleines Trotzstatement gegen den schnellen Musikmarkt.
Im Interview mit Felix geht es genau darum: Warum hat sich die Band so viel Zeit gelassen? Welche Themen treiben sie an? Und wie behauptet man sich heute, wenn Spotify und Algorithmen oft wichtiger sind als der eigentliche Sound?
Zwischen Selbstzweifeln, Streaming-Zahlen und dem Kampf um Sichtbarkeit erzählt Felix von Riot Teddy, wie es ist, Musik zu machen, ohne im digitalen Dauerrauschen unterzugehen. Ein Gespräch über Geduld, Druck und den Versuch, gehört zu werden.
Ihr habt im März euer neues Album rausgebracht. Nach so langer Zeit dürften sich eure Fans besonders darauf gefreut haben. Wie hat sich dieser Moment für euch angefühlt??
Felix: Total besonders. Man kann tatsächlich sagen, dass es unser erstes richtiges Album ist, obwohl es uns dieses Jahr schon elf Jahre gibt. Wir haben 2015 angefangen und über die Jahre vor allem Singles veröffentlicht. Ein Album war immer der Plan, aber dass es am Ende ein ganzes Jahrzehnt dauert, hätten wir selbst nicht gedacht. Umso schöner ist es jetzt, das Gefühl zu haben: Das ist kein Schnellschuss, sondern etwas, das wachsen durfte.
Warum hat es so lange gedauert, bis ihr euch an ein komplettes Album gewagt habt?
Felix: Wir wollten es bewusst richtig angehen. Früher haben wir viel selbst gemacht, sehr DIY. Für das Album haben wir gesagt: Wenn wir diesen Schritt gehen, dann mit einem klaren Konzept und professioneller Umsetzung. Auch wenn wir weiterhin alles selbst organisieren und kein Label oder eine Agentur im Rücken haben, haben wir uns punktuell Unterstützung geholt, zum Beispiel für die Produktion und das visuelle Konzept. Das war ein riesiger Lernprozess für uns.
Wie lange habt ihr konkret an den Songs gearbeitet?
Felix: Wenn man vom Release am 27. März zurückrechnet, haben wir ungefähr zwei Jahre Vorlauf gehabt. Einige Songs gab es in früheren Versionen schon länger, die gehörten quasi zum Live-Repertoire und sind uns sehr ans Herz gewachsen. Die wollten wir unbedingt neu aufnehmen und in ein stimmiges Albumkonzept einbetten. Dazu kommen sieben komplett neue Tracks. Insgesamt fühlt sich das Album wie eine Mischung aus Neuanfang und Bestandsaufnahme an.
Inhaltlich bleibt ihr euch treu?
Felix: Ja, absolut. Wir haben als Band nie über Klischees gesungen, sondern immer über Dinge, die uns wirklich beschäftigen. Das ist auch diesmal so. Die Themen sind breit gefächert, aber sie kommen alle aus unserem echten Leben oder aus Beobachtungen, die uns nicht loslassen.
Welche Themen stehen im Mittelpunkt?
Felix: Es gibt politische Songs, auch einen Track über Hass und Hetze im Netz. Wir drehen da die Perspektive ein bisschen um und arbeiten mit Sarkasmus. Uns war wichtig, das Thema nicht nur anklagend, sondern auch entlarvend anzugehen. Der Song “Wo soll das hinführen” stellt die Frage, was passiert, wenn niemand mehr den Mund aufmacht, wenn im Alltag gehetzt oder gepöbelt wird. Da geht es um Zivilcourage und gesellschaftliche Verantwortung.
Gleichzeitig spielt auch das Persönliche eine große Rolle, oder?
Felix: Definitiv. Wir haben mehrere Songs über Trennung, über das Gefühl, plötzlich vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. “Mein Leben” beschäftigt sich mit toxischen Beziehungen. Ein anderes Thema ist Überforderung und Burnout. In “Nimm mich mit” geht es um dieses Gefühl, morgens aufzuwachen und innerlich schon leer zu sein. Uns war wichtig, dabei nicht nur die Dunkelheit zu zeigen, sondern auch den Ausweg. Der Song trägt Hoffnung in sich, dieses „Zieh mich hier raus, lass uns wieder nach vorne schauen“. Das Album ist also kein Konzeptalbum mit nur einer Stimmung. Es ist eher ein Spiegel von dem, was uns in den letzten Jahren beschäftigt hat.
Wenn du das Album in einem Satz beschreiben müsstest?
Felix: Es ist unser ehrlichstes und zugleich konsequentestes Werk bisher. Kein Schnellschuss, kein Trendprodukt, sondern das Ergebnis von zehn Jahren Bandgeschichte und zwei Jahren intensiver Arbeit.
Riot Teddy über Hass im Netz, Zivilcourage und warum gute Laune allein nicht reicht
Hass im Netz und fehlende Zivilcourage sind dunkle Themen, die auf Social Media oft nicht besonders “belohnt” werden. Der Algorithmus bei Instagram mag solche dunklen Themen eigentlich nicht. Es sind aber Dinge, die wir im Alltag und auch in den sozialen Medien täglich sehen. Warum ist es euch wichtig, genau sowas direkt anzusprechen?
Felix: Es sind einfach Themen unserer Zeit. Sie prasseln jeden Tag auf uns ein, ob wir wollen oder nicht. Auch wenn wir als Band auf der Bühne für Energie und gute Stimmung stehen, heißt das nicht, dass wir die Realität ausblenden wollen. Uns geht es nicht darum, nur zu unterhalten. Wir wollen auch etwas sagen. Und online sieht man eben sehr deutlich, wie ungefiltert mittlerweile gehetzt wird. Ich verstehe bis heute nicht, was jemanden dazu bringt, sich bewusst hinzusetzen und andere Menschen zu beleidigen. Im echten Leben würden viele davon vermutlich kaum den Mund aufbekommen. Im Netz entsteht diese Illusion von Anonymität, von Schutz hinter dem Bildschirm. Das scheint Hemmungen abzubauen.
Ihr habt selbst erlebt, wie heftig Reaktionen ausfallen können?
Felix: Ja, definitiv. Als wir für einen unserer Songs eine Werbeanzeige geschaltet haben, war das schon ein kleiner Realitätscheck. Die Kommentare waren teilweise wirklich krass. Es wirkte fast so, als hätte der Algorithmus das gezielt in bestimmte Ecken ausgespielt, in denen sich dann besonders viele lautstarke Kritiker gesammelt haben. Man merkt schnell: Die Lautesten dominieren die Wahrnehmung. Dabei sind sie wahrscheinlich gar nicht die Mehrheit. Aber sie sind motiviert, präsent und sehr energisch. Und das kann einschüchtern, selbst wenn man weiß, dass es nur ein Ausschnitt ist.
Woran liegt es deiner Meinung nach, dass Diskussionen online so schnell eskalieren?
Felix: Im Netz muss man niemandem wirklich zuhören. Man kann alles wegklicken. Argumente verhallen oft, weil keine echte Auseinandersetzung stattfindet. Es wird nicht diskutiert, sondern übertönt. Genau darum geht es auch in unserem Song über Zivilcourage. Wenn Argumente nichts mehr zählen und nur noch Lautstärke entscheidet, entsteht ein schiefes Bild von der Realität. Dann wirkt es so, als wären Hass und Extreme überall dominant, obwohl die große Masse vielleicht einfach nur schweigt.
Und dieses Schweigen ist Teil des Problems?
Felix: Ich glaube schon. Viele Menschen trauen sich nicht mehr, im Alltag zu widersprechen. Aus Angst, selbst angegriffen zu werden. Dabei beginnt Zivilcourage oft im Kleinen. Am Familientisch, wenn wieder fragwürdige Parolen fallen. Im Freundeskreis. Auf der Arbeit. Man muss kein Superheld sein. Es reicht manchmal schon, ruhig zu sagen: “Das sehe ich anders.” Dieses Signal fehlt häufig. Und wenn niemand widerspricht, fühlen sich die Lauten bestätigt.
Politische Themen, Burnout, toxische Beziehungen oder Selbstaufopferung. Das ist viel Dunkelheit. Warum dieser Fokus?
Felix: Weil es reale Themen sind. Wir könnten natürlich nur über Party und Eskapismus schreiben. Das wäre einfacher, vielleicht auch massentauglicher. Aber wir finden es wichtiger, ehrlich zu sein. Burnout zum Beispiel ist kein Randphänomen. Viele funktionieren nur noch, sind erschöpft, sagen trotzdem immer Ja. Toxische Beziehungen sind kein seltenes Drama, sondern für viele Alltag. Hass im Netz betrifft uns alle. Diese Dinge auszublenden, würde sich für uns falsch anfühlen.
Du hast vorhin gesagt, ihr habt kein Label. Braucht man heutzutage überhaupt noch ein Label? Oder funktioniert das Prinzip „Do it yourself“ inzwischen genauso gut?
Felix: Ich weiß gar nicht, ob ich da der perfekte Ansprechpartner bin, weil wir selbst eine eher kleine Band sind. Aber mein Gefühl ist: Noch nie war es so leicht wie heute, ohne Label zu existieren. Die Strukturen haben sich extrem verändert. Du kannst deine Musik selbst hochladen, direkt mit deiner Community kommunizieren, Marketing zumindest in Teilen selbst steuern. Früher waren viele dieser Wege verschlossen oder nur über Labels und Agenturen zugänglich. Heute hast du technisch gesehen alle Werkzeuge in der Hand.
Also ist ein Label überflüssig geworden?
Felix: Ganz so einfach würde ich es nicht sagen. Gerade für kleinere Acts kann ein Label schon eine Art Sprungbrett sein. Es bringt Kontakte mit, Erfahrung, Strukturen und auch ein gewisses “Qualitätssiegel”. Wenn eine Band gesigned ist, hebt sie sich automatisch ein Stück aus der Masse heraus. Es wirkt wie ein Branding: Da hat jemand von außen gesagt, “Die sind es wert.” Das kann Türen öffnen, die man alleine vielleicht schwerer aufbekommt.
Gleichzeitig hört man immer öfter von Bands, die sich wieder von Labels lösen wollen.
Felix: Ja, das stimmt. Ich kenne einige Musiker, die bewusst wieder unabhängiger arbeiten wollen, um mehr Kontrolle zu haben. Am Ende ist es immer eine Abwägung: Wie viel Struktur und Unterstützung möchte ich und wie viel Freiheit will ich behalten? Wir für uns haben entschieden, es erst einmal allein zu machen. Und bisher fahren wir damit gut.
Ihr habt jetzt also eure erstes Album produziert. Was habt ihr in diesem Prozess über euch gelernt?
Felix: Sehr viel. Man sieht ja am Ende nur das fertige Produkt, also die CD am Merchstand oder den Song auf Spotify. Aber was davor passiert, sieht niemand. Eine Albumproduktion ist ein enormer Prozess. Diese Erfahrung war sehr intensiv, aber wir wollen sie nicht missen. Und wir sind auch sehr froh, wenn das Album endlich draußen ist.
Stichwort Spotify. Streaming ist Fluch und Segen zugleich. Wie blickt ihr auf diese Realität?
Felix: Sehr nüchtern. Streaming bietet eine enorme Sichtbarkeit. Theoretisch kann dich heute jeder überall hören. Gleichzeitig ist die Masse an Musik riesig und finanziell kommt bei kleineren Bands oft nicht viel rum. Ich glaube, man muss schon wirklich in einer ganz anderen Liga spielen, um vom Streaming allein leben zu können. Für die meisten Bands ist das kein realistisches Szenario.
Kann man denn heute noch den großen Durchbruch schaffen? So wie frühere Generationen?
Felix: Ich glaube, die Zeiten haben sich verändert. Diese eine Band, die plötzlich alles überrollt und dann jahrzehntelang in einer Liga wie die ganz Großen spielt, das ist selten geworden. Natürlich gibt es Erfolgsgeschichten. Aber die Realität für die meisten Bands ist eine andere. Es ist viel Arbeit für vergleichsweise kleine Schritte.
Wie geht ihr persönlich damit um?
Felix: Wir sind realistisch. Jeder von uns hat einen Vollzeitjob. Niemand lebt von der Band. Für uns ist es eher wie ein zweiter Beruf, nur eben kombiniert mit Leidenschaft. Natürlich hat man diesen stillen Traum, irgendwann davon leben zu können. Aber wir machen unsere Motivation nicht davon abhängig. Wir wollen wachsen, neue Leute erreichen, touren, Support-Shows spielen, Erfahrungen sammeln. Wenn wir kleine Meilensteine erreichen, fühlt sich das riesig an. Zum Beispiel sollten wir letztes Jahr eine Support-Show spielen, auf die wir lange hingearbeitet hatten. Kurz vorher mussten wir krankheitsbedingt absagen. Für Außenstehende ist das vielleicht nur “ein abgesagtes Konzert”. Für uns war das ein herber Rückschlag, weil so viel Arbeit und Vorfreude drinsteckten.
Was ist dann der Antrieb?
Felix: Genau diese Momente. Die Shows, die Begegnungen, das Gefühl auf der Bühne. Das sind die Belohnungen. Wir versuchen, das Maximum rauszuholen aus dem, was möglich ist. Und wir messen Erfolg nicht nur in Zahlen oder Streams, sondern in Erlebnissen. Wenn wir Schritt für Schritt wachsen und am Ende sagen können, wir haben alles reingesteckt, dann ist das für uns schon ziemlich viel.
Riot Teddy zwischen Streams, Social Media und echter Verbindung
Wenn wir noch einmal auf Spotify zurückkommen: Verdient man dort als Band eurer Größenordnung überhaupt etwas?
Felix: Ehrlich gesagt schaue ich mir die Einnahmen gar nicht an, weil sie für uns aktuell keine wirkliche Rolle spielen. Natürlich freuen wir uns über jeden Stream und darüber, dass die neuen Songs schnell viele Leute erreichen. Gerade im Vergleich zu unseren früheren Releases sehen wir deutlich, dass unsere Musik gehört wird. Das macht uns stolz. Genau das war das Ziel. Aber wir rechnen nicht mit Streaming-Einnahmen, die unser Leben verändern.
Trotzdem kommt man heute an Social Media auch kaum noch vorbei. Ist man als Musiker inzwischen vielleicht sogar gezwungen, gleichzeitig auch Influencer zu sein?
Felix: Wenn man wachsen will, kommt man kaum drum herum. Man kann Musik natürlich auch ohne Social Media machen, aber dann bleibt man wahrscheinlich im eigenen Mikrokosmos. Wenn du wahrgenommen werden willst, musst du dort stattfinden. Und wenn du es selbst nicht leisten kannst oder willst, brauchst du Menschen, die dich dabei unterstützen. Sonst wird es schwer, aus dieser Blase auszubrechen.
Gleichzeitig verändern sich Plattformen wie Instagram radikal. Es geht immer weniger um Community, immer mehr um Entertainment und Algorithmus. Ist das nicht frustrierend?
Felix: Es ist auf jeden Fall herausfordernd. Aber ich sehe es nicht ganz so pessimistisch. Trends kommen und gehen. Facebook war einmal das große Ding, heute spielt es kaum noch eine Rolle. Wichtig ist, früh zu erkennen, wohin sich etwas entwickelt. Man muss lernen, damit umzugehen, ohne sich komplett davon abhängig zu machen.
Aber die Zahlen können auch täuschen. Follower lassen sich kaufen, Likes ebenso. Am Ende stehen vielleicht trotzdem nur drei Leute vor der Bühne.
Felix: Absolut. Deshalb schauen wir weniger auf Followerzahlen und mehr auf echte Interaktion. Wie viele Leute reagieren wirklich? Wer schreibt, wer kommt zu Konzerten, wer kauft ein Shirt oder eine Platte? Zahlen allein sagen wenig aus. Am Ende zählt, ob echte Menschen vor dir stehen und deine Songs mitsingen.
Würdest du sagen, guter Content setzt sich trotzdem noch durch?
Felix: Ich glaube schon. Man merkt selbst, bei welchen Inhalten man hängen bleibt und was man sofort wegklickt. Authentizität spielt eine große Rolle. Eine gute Mischung aus Live-Präsenz, ehrlicher Kommunikation und einem durchdachten Social-Media-Auftritt, das sind die Mittel, die uns aktuell zur Verfügung stehen. Mehr können wir nicht tun.
Und wenn das nicht reicht?
Felix: Dann kommen wir wieder zu dem Punkt mit Labels oder Booking-Agenturen zurück. In der realen Welt können solche Partner sehr hilfreich sein. Sie öffnen Türen, die man allein vielleicht nicht aufbekommt. Am Ende ist es ein Zusammenspiel: digitale Präsenz, echtes Live-Erlebnis und die richtigen Kontakte.
Felix, herzlichen Dank für deine Zeit und die ehrlichen Einblicke in euch als Band.
Mehr zu Riot Teddy findet ihr in den Socials.
Mia Lada-Klein
Mia ist Redakteurin beim Paranoyd Magazin. Als absolute Spezialistin für Interviews und Reviews verbindet sie ihr Literaturstudium mit ihrer Leidenschaft für das geschriebene Wort. Mia blickt auf eine langjährige Zusammenarbeit mit diversen Magazinen zurück und ist ein wahrer Interview-Profi, der fundiertes Fachwissen mit authentischen Einblicken in die Musikszene vereint.

