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Paleface Swiss über Druck, Fans und die Realität im Hardcore

Paleface Swiss, Interview, Paranoyd Magazin

Paleface Swiss schleudern seit 2017 Hardcore-Sounds wie Donnerschläge in die Welt. Die Schweizer Beatdown-Band hat drei Studioalben veröffentlicht, zuletzt Cursed im Januar 2025 und stürzte sich danach gleich auf eine Europa-Tour. Und diese war anstrengend, voller Lektionen und manchmal echt nervenaufreibend, wie Gitarrist Yannick Lehmann im Interview erzählt.

Zwischen Tourbus, Bühne und Backstage-Pass sprechen wir über die Highlights des Jahres, die weniger romantische Seite des Musikbusiness und den Unterschied zwischen echten Fans, die mit Herzblut dabei sind und Followern, die eher nebenbei konsumieren. 

Ehrlich, direkt und ohne Rockstar-Filter gibt Yannick Einblicke in eine Band, die genauso hart arbeitet, wie sie klingt.

Als wir das letzte Mal gesprochen haben, war das noch vor eurem Albumrelease im Januar. Inzwischen ist fast ein Jahr vergangen. Beim letzten Interview hast du viel über mentale Gesundheit gesprochen und darüber, dass das Thema in der Schweiz zwar offener wird, aber immer noch mit einem gewissen dunklen Schleier behaftet ist. Hat sich daran etwas verändert?

Yannick: Wir waren das ganze Jahr extrem viel unterwegs, deshalb war ich dieses Jahr auch kaum in der Schweiz. Es ist also schwer zu sagen. Aber für uns persönlich war mentale Gesundheit dieses Jahr extrem präsent. Gerade weil wir so viel getourt sind und parallel zwischen den Shows noch an der EP gearbeitet haben. Das war unser Ventil, unser Output. Gleichzeitig hat uns das alles wieder sehr deutlich gezeigt, dass man dieses Thema nicht unterschätzen darf. Es ist immer da.

Bei dir besonders?

Yannick: Ja, definitiv. Bei den anderen auch, aber ich habe es dieses Jahr wirklich hautnah erlebt. Einfach, weil die Belastung konstant war.

Ich kann mir vorstellen, dass mit eurem Erfolg auch viele Nachrichten kommen. Fans erzählen euch ihre Geschichten, sagen, dass Songs ihnen geholfen haben. Das ist schön, aber vermutlich auch emotional fordernd.

Yannick: Da hast du absolut recht. Auf Tour erzählen uns viele Leute ihre Geschichten, schreiben uns Nachrichten. Das bedeutet mir sehr viel, wirklich. Aber ich musste dieses Jahr lernen, mich ein Stück weit abzugrenzen, damit mich das nicht zusätzlich belastet.

Wie hast du das geschafft, ohne kalt zu wirken?

Yannick: Ich habe zugehört, ich habe meine Meinung gesagt, habe den Leuten auch klar gesagt: Wir sind da, rede darüber, hol dir Hilfe. Aber ich habe versucht, das nicht alles mit nach Hause zu nehmen. Nicht, weil es mir egal ist, sondern um mich selbst zu schützen. Das Jahr war großartig für uns, wirklich. Aber es war eben auch sehr viel und mental musste ich extrem arbeiten, um nicht irgendwann komplett durchzudrehen.

Je größer eine Band wird, desto größer wird auch die Verantwortung. Gleichzeitig bleibt ihr Menschen mit eigenen Problemen. Wie schwer ist es, das alles unter einen Hut zu bekommen?

Yannick: Teilweise schon sehr schwer. Wir haben es uns letztes Jahr auch nicht gerade leicht gemacht. Die ersten beiden Touren waren brutal. Sechs Shows, ein Tag Pause, wieder sechs Shows. Das ging von Ende Januar bis Anfang Mai fast komplett durch. Jeden Tag aufstehen, neue Stadt, Soundcheck, kurz etwas essen, vielleicht kurz rausgehen und abends wieder hundert Prozent geben. Das ist schon hart.

Und dann kommt noch das Private dazu.

Yannick: Genau. Heimweh zum Beispiel. Ich bin da ganz ehrlich, ich bin ein totaler Heimscheißer. Das hat mich mit der Zeit echt mitgenommen. Aber das, was mich am Leben hält in solchen Phasen, ist die Bühne. Diese Energie von den Leuten, das Zurückgeben, das gemeinsame Ausrasten. Das ist der Moment, in dem sich alles lohnt.

Also trotz aller Anstrengung kein Zweifel am Weg?

Yannick: Nein, überhaupt nicht. Es war intensiv, es war fordernd, aber es war eine unfassbar gute Zeit. Und genau deshalb machen wir das bei Paleface Swiss auch weiter.

Paleface Swiss: Fans, Follower und die Kraft von Live-Erlebnissen

Ein Thema, das aktuell viele Bands beschäftigt, sind steigende Kosten. Tickets werden teurer, Merch ebenfalls und viele Fans müssen genauer überlegen, wofür sie ihr Geld ausgeben. Habt ihr gemerkt, dass dadurch weniger Leute zu den Shows kommen?

Yannick: Ja, das ist ein Thema, das jede Band betrifft, unabhängig vom Genre oder der Größe. Man hört das überall. Aber ich muss ehrlich sagen, dass wir bei unseren letzten Touren sehr viel Glück hatten. Sowohl die US-Tour als auch die EU-Tour waren bis auf sechs Shows komplett ausverkauft.

Das ist in der aktuellen Lage alles andere als selbstverständlich.

Yannick: Total. Wir hatten richtig gute Zahlen und vor allem unglaublich viele Menschen, die mit einem breiten Grinsen in die Shows gegangen sind und genauso wieder raus. Für mich persönlich ist das eine enorme Bestätigung. Es zeigt mir, dass wir musikalisch und menschlich offenbar etwas richtig machen.

Ich habe oft das Gefühl, dass Fans heute bewusster auswählen, wofür sie ihr Geld ausgeben. Wenn sie sich für eine Band entscheiden, dann richtig.

Yannick: Genau so sehe ich das auch. Wenn Leute heute Geld in die Hand nehmen, dann nicht mehr nebenbei. Dann ist das eine bewusste Entscheidung. Wenn sie eine Band wirklich feiern, dann sagen sie sich: Das ist es mir wert, das kriege ich irgendwie zusammen.

Habt ihr auch Fans, die euch über mehrere Shows hinweg begleiten?

Yannick: Ja, definitiv. Wir hatten Leute, die uns regelrecht nachgereist sind. Man hat dieselben Gesichter immer wieder gesehen, oft ganz vorne in der ersten Reihe. Das ist unglaublich schön und bedeutet uns extrem viel. Diese Unterstützung spürt man auf der Bühne ganz direkt.

Das geht dann deutlich über einen simplen Konzertbesuch hinaus, oder?

Yannick: Absolut. Man merkt, dass wir den Leuten etwas geben und dass sie das wirklich in sich aufnehmen. Es ist kein Konsum, sondern ein Austausch. Diese Energie kommt eins zu eins zurück.

Ich habe kürzlich über den Unterschied zwischen Fans und Followern geschrieben. Follower klicken, Fans investieren Zeit, Geld und Emotionen. Würdest du das so unterschreiben?

Yannick: Zu hundert Prozent. Bei uns waren das ganz klar Fans. Menschen, für die das mehr ist als ein Klick oder ein Song in einer Playlist. Das ist ein Lebensgefühl und genau das macht es für uns bei Paleface Swiss so besonders.

Hättest du jemals gedacht, dass euch das einmal passiert? Ich stelle mir gerade einen kleinen Yannick mit 13 oder 14 vor, erste Gitarre in der Hand und heute reisen euch Menschen hinterher. Das wirkt wie ein wahr gewordener Traum und gleichzeitig auch ein bisschen skurril, oder?

Yannick: Absolut. Damit rechnet wirklich niemand, der anfängt, Gitarre zu spielen. Ich glaube, da gehört auch eine kleine Portion Glück dazu. Natürlich auch sehr viel harte Arbeit, keine Frage. Aber eben auch Timing und manchmal einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Genau das sage ich auch immer. Glück gehört dazu, auch wenn das viele nicht hören wollen. Man spricht lieber nur von Durchhaltevermögen und Fleiß.

Yannick: Ja, dabei reicht harte Arbeit allein oft nicht. Du kannst noch so talentiert sein und alles investieren, manchmal funktioniert es trotzdem nicht. Ich bin fest davon überzeugt, dass bei uns Glück und Timing eine große Rolle gespielt haben.

Die Konkurrenz ist ja auch riesig. Das führt mich direkt zu einem Thema, das viele Musiker aktuell beschäftigt. Künstliche Intelligenz in der Musik. Der neue Bandkollege, der nie übt, aber alles kann. Wie beängstigend ist das für dich?

Yannick: Ich glaube nicht, dass KI Musiker komplett ersetzen wird. Aber es ist schon beängstigend zu sehen, dass KI generierte Songs auf Plattformen wie Spotify plötzlich Nummer eins werden. Ich habe mich ehrlich gesagt noch nicht intensiv damit beschäftigt. Vielleicht, weil mir das Thema selbst so fremd und skurril vorkommt.

Es fühlt sich sehr weit weg von dem an, was Musik eigentlich ausmacht.

Yannick: Genau. Für mich ist es kompletter Unsinn, dass Musik ohne echte Menschen dahinter so gefeiert und unterstützt wird. Und da sind wir wieder bei dem Unterschied zwischen Fans und Followern. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Fans hören bewusst, Follower konsumieren eher nebenbei. Ich hab vor unserem Talk mit Tine vom Magazin über euch gesprochen. Und sie sagte, dass sie eure aggressive Musik immer bewusst dann hört, wenn sie selbst sauer ist, quasi weil ihr für sie schreit. Fans verbinden etwas Emotionales damit. Sie fühlen die Musik, sie brauchen sie vielleicht sogar in bestimmten Momenten. Das kann eine KI nicht ersetzen.

Yannick: Das ist wunderschön zu hören. Genau dafür machen wir Musik. Das ist etwas Menschliches und Persönliches und kein reiner Konsum.

Trotzdem gibt es Stimmen, die sagen, dass Live Musik irgendwann komplett verschwinden könnte. Billy Corgan von den The Smashing Pumpkins hat einmal in einem Interview mit “Zeit” gesagt, dass irgendwann nur noch Avatare auf der Bühne stehen könnten. Macht dir so ein Gedanke Angst?

Yannick: Schwere Frage. Sowas gibt es ja mittlerweile, aber eben mit verstorbenen Musikern. Zum Beispiel Shows, bei denen Ronnie James Dio als Hologramm auf der Bühne performt hat. Das ist irgendwie cool, als Special-Show auf einem Festival oder am Ende des Abends, aber dass irgendwann nur noch Hologramme rumspringen, kann ich mir ehrlich gesagt gerade nicht vorstellen. Ich glaube, das wird vielleicht irgendwann häufiger vorkommen, aber die echten Live-Shows werden so schnell nicht komplett verschwinden.

Ich denke immer, es muss erst ein bisschen schlimmer werden, bevor es besser wird. Ich hoffe, dass wir irgendwann zu den Wurzeln zurückkehren, also mehr Menschlichkeit, mehr echtes Erleben.

Yannick: Ja, das hoffe ich auch. Es ist wichtig, dass Live-Musik ein Erlebnis bleibt, das man mit echten Menschen teilt.

Paleface Swiss über Druck, Fans und die Realität im Hardcore
Credit: Kriss Jakob

Paleface Swiss: Musikindustrie, Streaming und Herausforderungen für Bands

Neben dem Thema mentale Gesundheit, beschäftigt ihr euch als Band auch mit politischen Themen? Angesichts der aktuellen Weltlage brennt ja quasi überall etwas.

Yannick: Katastrophe! Als Band wollen wir uns nicht wirklich damit beschäftigen, aber als Mensch natürlich schon. Wir wollen uns musikalisch nicht politisch positionieren. Wir haben es einmal getan, bei der Single Instrument Of War mit der Band Stick to Your Guns, das war ein Statement, aber mehr nicht. Unsere Musik soll eher ein Ventil sein, einen Schutzraum bieten, damit die Leute Dinge rauslassen können, ohne dass wir ihnen noch Politik aufdrängen.

Du liest also schon Nachrichten, aber du setzt bewusst Grenzen?

Yannick: Genau. Ich bin morgens up to date, überfliege aber hauptsächlich, was mich wirklich interessiert. Die politische Seite blättere ich oft nur kurz, ich will mich nicht noch zusätzlich mit schlechten Nachrichten belasten. Gleichzeitig bin ich natürlich schockiert über das, was gerade auf der Welt passiert.

Ihr habt als Band ja auch einen ganz anderen Einblick in die Musikindustrie bekommen. Denkst du, es gibt Dinge, die es gerade jungen oder aufstrebenden Bands besonders schwer machen?

Yannick: Ja, auf jeden Fall. Ganz romantisch ist das Ganze nicht mehr, das kann man schon sagen. Vor allem die Streamingdienste machen es extrem schwierig, mit Musik Geld zu verdienen.

Wie meinst du das konkret?

Yannick: Früher war es einfacher, von der Musik zu leben. Heute bekommst du für eine Million Streams vielleicht 320 Euro. Da ist klar, dass man als aufstrebender Musiker kaum über die Runden kommt. Früher konnte man noch mit Platten und CDs einen ordentlichen Batzen verdienen und damit die nächste Tour finanzieren oder einfach die Miete bezahlen.

Also ist Musiker heutzutage fast schon ein Luxusjob?

Yannick: Ja, das trifft es gut. Besonders in der Schweiz, wo die Lebenshaltungskosten hoch sind, ist es ein gewaltiger Schritt, den wir überhaupt gewagt haben. Man braucht sehr viel Mut und auch eine gute Planung, um diesen Weg zu gehen.

Man muss sich also entscheiden: wagen wir das, oder lassen wir es bleiben?

Yannick: Genau. Jede Band muss diese Entscheidung irgendwann treffen, sich bewusst machen, dass es harte Arbeit wird. Es kann gut gehen, es kann aber auch schiefgehen. Trends ändern sich schnell, was heute angesagt ist, kann morgen schon out sein.

Wenn wir noch mal auf das Persönliche zurückkommen: Was war für dich persönlich oder für die Band das Highlight 2025?

Yannick: Für mich war es natürlich die Albumveröffentlichung und die anschließenden Touren. Besonders die Show in Mexiko-Stadt war ein absolutes Highlight. Wir spielten vor 300 Leuten, aber es fühlte sich an wie zweieinhalbtausend. Die Leute kannten die Texte, sangen mit und das hat mir sehr viel gegeben.

Das klingt nach einer intensiven Erfahrung.

Yannick: Absolut. Ich habe persönlich viel gelernt und bin definitiv erwachsener als noch vor einem Jahr. Diese Erfahrungen, die Höhen und Tiefen, haben mich geprägt. Ich bin dankbar, dass ich von meiner Musik leben kann, Spaß daran habe und daraus lerne, sowohl in guten als auch in schlechten Zeiten.

Das klingt nach einem echten Lernprozess. Yannick, vielen Dank für deine Zeit und die Einblicke.

Mehr zur Band Paleface Swiss findet ihr in den Socials.

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Mia Lada-Klein

Mia ist Redakteurin beim Paranoyd Magazin. Als absolute Spezialistin für Interviews und Reviews verbindet sie ihr Literaturstudium mit ihrer Leidenschaft für das geschriebene Wort. Mia blickt auf eine langjährige Zusammenarbeit mit diversen Magazinen zurück und ist ein wahrer Interview-Profi, der fundiertes Fachwissen mit authentischen Einblicken in die Musikszene vereint.

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