Am 7. November erschien die neue Platte May the Bridges We Burn Light the Way von Omnium Gatherum. Das zehnte Album ist ein Meilenstein und zeigt einmal mehr, warum die Band seit Jahrzehnten ein unverzichtbarer Teil der Metal-Szene ist.
Gitarrist Markus Vanhala hat sich die Zeit genommen, in einem Interview Rede und Antwort zu stehen. Es geht um das neue Album, die Erwartungen der Fans, bewusstes Musikhören und die Frage nach Heldentum in der heutigen Zeit. Markus Vanhala erzählt von alten Tagen, beschreibt Musik in Bildern und verrät, warum Rückzugsorte gerade in einer sich ständig verändernden Welt wichtiger sind denn je.
Omnium Gatherum: Von Nostalgie bis zu neuen Welten
Euer neues Album heißt May the Bridges We Burn Light the Way. Das ist ein ganz schön langer Titel. Und ich sag’s gleich: Ich mag die Platte wirklich sehr. Ich will nicht zu viel spoilern, aber meine Bewertung dürfte ziemlich gut ausfallen. Wie seid ihr denn auf diesen Titel gekommen?
Ja, der Titel ist tatsächlich etwas länger als unsere bisherigen. Die letzten Alben hießen Slasher oder Origin, also sehr kurz und prägnant. Diesmal wollten wir etwas anderes, etwas, das besser zu dem Konzept passt, das sich durch das ganze Album zieht. Es geht um Straßen, Wege und die Geschichten, die sich darauf abspielen, das Gute, das Schlechte, das Schöne und das Hässliche.
Also war von Anfang an klar, dass das Album einem bestimmten Konzept folgen würde?
Ja, absolut. Das war bewusst so geplant. May the Bridges We Burn Light the Way ist unser zehntes Album, ein Meilenstein. Wir wollten dabei auch zurückblicken auf unsere Jugend, auf die Wege, die uns hierhergeführt haben. In gewisser Weise ist es eine nostalgische Reise. Viele Songs greifen Erinnerungen auf: Skateboards, Fahrräder, nächtliche Autofahrten, das alles aus einer Zeit, in der es noch keine Smartphones oder Social Media gab. Diese Atmosphäre wollten wir musikalisch einfangen.
Der Song In the Darkest City greift urbane Themen auf. Er beschreibt eine Welt im Chaos. Wie siehst du die heutige Welt? Herrscht wirklich so viel Chaos?
In der Welt, ja. In meinem persönlichen Umfeld weniger. Ich lebe in Kotka, einer kleinen Stadt etwa 100 Kilometer von Helsinki entfernt. Dort gibt es Wälder, Flüsse, das Meer, es ist ruhig, fast schon idyllisch. Aber wenn man die Nachrichten verfolgt, sieht man: draußen herrscht Chaos. In gewisser Weise ist In the Darkest City eine Metapher. Diese Stadt steht auch für den menschlichen Geist, für das, was in uns vorgeht. Jeder Mensch hat seine eigene dunkle Stadt in sich.
Der Albumtitel lässt sich ja auch sinnbildlich verstehen. Was bedeutet „die Brücken, die wir verbrennen“ für dich persönlich?
Für mich steht das für das Loslassen. Wir alle haben im Laufe unseres Lebens Entscheidungen getroffen, die andere verärgert oder verletzt haben. Manchmal mit guten Absichten, manchmal ohne. Aber am Ende ist es wichtig, weiterzugehen und sich nicht von anderen runterziehen zu lassen. Oder wie Lemmy es mal gesagt hat: „Don’t let the bastards grind you down.“ Genau darum geht’s.
In The Last Hero thematisiert ihr auch das Konzept von Heldentum. Glaubst du, es gibt heute noch echte Helden?
Ja, definitiv. Es gibt Helden in allen Formen, Arbeiter, Eltern, Menschen, die einfach ihr Ding durchziehen, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Der Song erzählt von einem Menschen, der bis zum Ende an seine Überzeugungen glaubt und dafür kämpft. Das kann inspirierend sein, aber auch anstrengend, zum Beispiel in einem Team, wenn jemand nie aufgibt. „Der letzte Held“ ist also eine ambivalente Figur. Es kommt immer auf den Blickwinkel an. Im Video gibt es diesen „OG Ninja“, den letzten, altmodischen Helden. Er trägt einen Hoodie, zieht durch die Straßen von New York und sprüht die OG-Tags an die Wände. Das Musikvideo wurde tatsächlich dort gedreht. Am Ende landet dieser Held am Times Square, mitten unter all den Menschen und verschwindet einfach in der Menge. Das zeigt ganz gut, wie anonym und vergänglich auch Heldentum heute sein kann.
Ich habe auch eine etwas persönlichere Frage. Damit werfe ich einfach meine Meinung in den Raum und frage dich. Würdest du sagen, Progressive Metal ist so etwas wie die Königsdisziplin des Metal?
(lacht) Ich würde sagen: Wir glauben an progressive Musik, aber wir sehen uns selbst gar nicht als besonders „progressiv“ im klassischen Sinne. Natürlich ist unsere Musik technischer als etwa die von Vader oder Marduk, allein schon vom Spielanspruch her. Aber „progressiv“ bedeutet für mich mehr als nur technische Virtuosität. Ich liebe progressive Musikrichtungen wie Dream Theater oder auch Death und Cynic, das sind Bands, die mich geprägt haben.
Also siehst du Progressivität eher als Haltung als als Genre?
Ja, genau. Für mich steckt Progressivität in der Herangehensweise. Es ist oft schwieriger, ein einfaches, reduziertes Lied zu schreiben, das trotzdem funktioniert. Ein AC/DC-Song oder ein starker Popsong kann mit nur wenigen Elementen großartig sein, das ist fast schon eine Kunstform. Insofern ist jede Musikrichtung auf ihre eigene Weise herausfordernd.
Ich finde, euer Song Barricades klingt fast klassisch, wie eine moderne Metal-Version eines alten Stücks. War das beabsichtigt?
Das ist eine schöne Beobachtung, danke! Das Lied trägt diesen neoklassischen Gitarrencharakter von Anfang an. Ich habe das Riff damals scherzhaft „Old Europe“ genannt, inspiriert von Gitarristen wie John Norum oder Yngwie Malmsteen. Diese klassische Atmosphäre war genau das, was ich einfangen wollte. Bei Omnium Gatherum und übrigens auch bei Insomnium, denke ich oft an Musik, die filmisch oder landschaftlich wirkt.
Das heißt, du siehst Musik eher bildlich?
Ja, absolut. Ich höre Musik selten rein akustisch. Ich muss Bilder sehen können, Landschaften, Szenen, Emotionen. Gute Musik erzeugt in mir diese Bilder. Sie ist wie ein Film, mit Höhen, Tiefen und dramatischen Momenten. Deshalb denke ich beim Komponieren immer in Alben, nicht in einzelnen Songs.
Das ist spannend, vor allem in Zeiten, in denen viele Hörer Musik über Playlists konsumieren. Wie stehst du zu Streamingdiensten?
Ich bin da altmodisch. Für mich ist ein Album eine zusammenhängende Geschichte, mit einem Anfang, einem Mittelteil und einem Ende, wie ein Film. Deshalb bauen wir Intros und Outros ein, um diesen erzählerischen Bogen zu spannen. Streaming zerstückelt diese Erfahrung. Es ist, als würde man bei einer Serie nur jede dritte Folge schauen.
Das ist ein gutes Bild. Viele Fans vermissen ja auch das haptische Erlebnis.
Mir geht’s genauso. Ich liebe es, eine Platte in den Händen zu halten, das Artwork zu betrachten, die Texte zu lesen, so wie ich es schon als Kind gemacht habe. Das gibt der Musik mehr Tiefe. Streaming ist bequem, klar, aber es ist auch distanzierter. So viel gute Musik geht dabei einfach unter, weil sie nur kurz im Algorithmus auftaucht und dann verschwindet. Wenn du aber eine physische Kopie besitzt, erinnert dich allein ihr Anblick daran, sie wieder aufzulegen.
Das klingt, als würdest du Musik wirklich als Erlebnis begreifen.
Ja, das tue ich. Musik ist für mich kein Hintergrundrauschen. Sie ist etwas, das man erlebt, mit allen Sinnen. Und das, denke ich, ist etwas, das wir in dieser digitalen Zeit nicht verlieren sollten.
Omnium Gatherum über Fanerwartungen, kreative Entscheidungen und den Wert bewussten Musikhörens
Nach so vielen Jahren in der Szene, wie geht ihr mit den Erwartungen eurer Fans um?
Das zeigt sich am besten in einer Live-Situation. Genau das liebe ich an Konzerten: Man weiß nie, was den Leuten am Ende wirklich gefällt. Wenn man ein neues Album veröffentlicht, kann man zwar vermuten, welche Songs gut ankommen, aber am Ende überrascht es einen oft. Ein Lied, das man selbst als stark empfindet, bleibt vielleicht unbeachtet, während ein anderer Song plötzlich eine riesige Wirkung entfaltet.
Also versucht ihr gar nicht, gezielt Erwartungen zu erfüllen?
Nein, nicht wirklich. Ich glaube, man darf nicht zu sehr darüber nachdenken, was andere erwarten. Das klingt vielleicht etwas arrogant, aber ich bin mein größter Kritiker. Ein Song muss zuerst mir selbst gefallen. Wenn ich damit zufrieden bin, zeige ich ihn den Bandkollegen und das sind dann meine härtesten Kritiker. Wenn wir als Band überzeugt sind, dass es gut ist, dann hoffen wir, dass die Fans das auch spüren.
Das heißt, künstlerische Authentizität steht über Publikumserwartungen?
Ganz genau. Wenn du anfängst, zu sehr an äußere Meinungen zu denken, verlierst du den Kern deiner Kunst. Dann machst du Musik für andere, nicht mehr aus dir selbst heraus. Musik muss immer Ausdruck dessen sein, was du fühlst und sagen willst. Nur dann ist sie ehrlich.
Gab es beim neuen Album Songs, die sich während der Produktion stark verändert haben oder es beinahe nicht auf das Album geschafft hätten?
Oh ja, definitiv! Ein gutes Beispiel ist Ignite the Flame. Ursprünglich sollte der Song gar nicht auf dem Album sein. Ich war überhaupt nicht zufrieden damit, er hat sich im Produktionsprozess gefühlt eine Million Mal verändert. Unser Drummer und Bassist mochten ihn aber sehr und wollten unbedingt, dass wir ihn überarbeiten. Also habe ich bestimmt zehn verschiedene Versionen gemacht. Am Ende wurde er als Bonustrack für Japan eingeplant, die wollen ja immer exklusive Songs, aber als ich das fertige Album dann auf Vinyl gehört habe, dachte ich plötzlich: „Verdammt, das ist ein richtig guter Song!“ (lacht)
Das zeigt wohl, dass man nie genau weiß, was funktioniert.
Absolut. Das ist das Spannende am kreativen Prozess, man kann es nicht planen. Manche Songs entwickeln ihre Magie erst ganz am Ende.
Ich habe das Album oft einfach nur bewusst gehört, ohne Ablenkung. Es ist Musik, die Raum einnimmt.
Genau das ist es, was Musik für mich sein sollte. Ein Moment der Verbundenheit. Ich bin selbst leidenschaftlicher Musiksammler und höre ständig Musik. Sie beeinflusst meine Stimmung, hilft mir zu fokussieren oder abzuschalten. Ich steuere mein Inneres mit Musik, sie ist wie ein Kompass für den Geist.
Das klingt, als würdest du Musik nicht nur machen, sondern leben.
Ja, das trifft es ziemlich gut. Musik ist für mich kein Produkt, sondern eine Form des Seins. Wenn ich höre, dass Menschen unsere Songs wirklich fühlen, so wie du es beschreibst, dann ist das das größte Kompliment überhaupt.
Mehr zur Band Omnium Gatherum findet ihr in den Socials.

