MASSENDEFEKT im Interview: „Noch nie waren wir so frei, authentisch und offen“

Massendefekt: Credit: Ivan Tirado Espinosa

25 Jahre MASSENDEFEKT, ein neues Album mit dem schlichten Namen „MASSENDEFEKT“ und eine Jubiläumstour mit neuen und bislang live ungespielten Songs. Im Gespräch mit dem Paranoyd-Magazin erzählen Sebi und Nico, warum die neue Platte so persönlich geworden ist, wie viel Freiheit sich die Band beim Songwriting genommen hat, weshalb „Kippenlänge“ in seiner ursprünglichen Form auf dem Album gelandet ist und warum gerade jetzt Haltung gefragt ist.

Außerdem geht es um die Düsseldorfer Punkrock-Tradition, die Neuinterpretationen ihrer Songs durch befreundete Bands und die Frage, was sich die Band von ihren Fans zum 25. Jubiläum wünscht.

Euer neues Album trägt schlicht den Namen „MASSENDEFEKT“. Warum habt ihr euch entschieden, der Platte ausgerechnet jetzt euren eigenen Bandnamen zu geben?

Sebi: Wir sind, glaube ich, noch nie so an die ganze Sache rangegangen wie jetzt. Noch nie waren wir so frei, authentisch und offen. Dieser Ist-Zustand, wie MASSENDEFEKT gerade ist – sowohl persönlich als auch musikalisch – hat sich dafür einfach angeboten.

Wir haben uns die Freiheit genommen, die Songs im Endeffekt nur für uns zu schreiben und nicht, um es anderen Leuten recht zu machen. Das ist gerade genau das, wofür wir stehen.

Nico: Auch beim Aufnahmeprozess haben wir diesen Ansatz noch einmal intensiviert. Bei der letzten Platte hatten wir schon wieder mehr aus der Band heraus gearbeitet – beim Writing, aber auch beim Produzieren. Diesmal ist bis auf Gesang und Schlagzeug eigentlich alles im Proberaum entstanden. Das Album ist dadurch zu ungefähr 85 Prozent von uns selbst produziert worden.

MASSENDEFEKT im Scheinwerferlicht – Credit: Marc Blessing

Ihr habt euch also viel Freiraum gelassen. Was passiert kreativ, wenn man keinen großen Masterplan verfolgt und die Songs einfach entstehen lässt?

Nico: Das, was jetzt dabei herausgekommen ist. Natürlich hatten wir trotzdem Vorstellungen davon, wie das Album klingen soll. Wir waren zum ersten Mal bei Michael Czernicki im Studio und wollten diesen frischen, druckvollen Sound mitnehmen.

Bei den Songs haben wir uns aber tatsächlich die grüne Wiese gegönnt und geschaut, wo es hingeht. Natürlich gibt es Bands, bei denen man musikalisch mal mit dem Auge hinschielt. Wir hatten zum Beispiel Rise Against im Hinterkopf oder bei „Brandung“ A Day to Remember.

Am Ende gibt jeder seinen Input. Die Summe der einzelnen Teile entscheidet dann, wo du landest.

Sebi: Wenn einer eine Idee hat und sagt: „Darauf habe ich Bock“, dann probieren wir es aus. Wir schreiben das Album nicht für die Fans oder eine Plattenfirma, sondern in erster Linie für uns.

Nico: Bei mir war es zum Beispiel die Idee, einmal in Richtung A Day to Remember zu gehen. Wir wollen natürlich niemanden kopieren, sondern schauen: Steht uns diese Richtung? Können wir das einmal ausprobieren?

Im Endeffekt klingt es trotzdem nach MASSENDEFEKT. Meine Stimme klingt nun einmal, wie sie klingt. Du kannst damit wahrscheinlich sogar Schlager machen und es würde trotzdem irgendwie nach MASSENDEFEKT klingen.

Wenn ihr „MASSENDEFEKT“ mit euren bisherigen Alben vergleicht: Wo habt ihr musikalisch neue Wege eingeschlagen und wo seid ihr vielleicht wieder näher an euren Wurzeln gelandet?

Sebi: Bei „Revolution X Alltag“ haben wir uns zum Beispiel an eine Ska-Nummer mit Bläsern herangetraut. Das ist etwas, was uns schon immer gut gefallen hat. Es nimmt die Leute anders mit, als wenn du ständig 180 BPM spielst.

Wir sind allerdings viel gefühlsduseliger geworden. Bei den Aufnahmen hatte ich das Gefühl, dass jeder ein bisschen mehr aus sich herausgekommen ist und tiefere, private Themen ausgepackt hat. Daraus ist manchmal so eine kleine Magie entstanden.

Zum Beispiel bei „Kippenlänge“. Nico hatte den Text mitgebracht. Wir hatten zunächst keine befriedigende Version und kamen dann auf die Idee, den Song in Richtung Jack Johnson zu entwickeln – wenige Akkorde, etwas runtergefahren.

Der Song wurde genauso aufgenommen, wie wir ihn im Proberaum als Demo gespielt hatten. Auch der Gesang wurde später nicht noch einmal neu aufgenommen. Diese Unperfektheit war für uns perfekt.

Viele werden das wahrscheinlich gar nicht hören, aber wir wissen es – und genau das macht es für uns besonders.

Ihr seid bei der Entstehung natürlich viel näher an den Songs dran als jemand, der das Album später zum ersten Mal hört. Ich finde es immer spannend, wie unterschiedlich ein Song interpretiert werden kann.

Sebi: Das finde ich auch schön. Ich möchte die Songs gar nicht unbedingt erklären müssen. Ich habe den Song geschrieben und mir etwas dabei gedacht. Aber was der Hörer daraus macht, ist sein Ding. Wenn ihm der Song etwas gibt, finde ich das toll.

Haltung zeigen, wenn die Lage sich zuspitzt

Ihr positioniert euch seit vielen Jahren klar gegen Nazis, Rassismus, Sexismus und Homophobie. Gerade mit Blick auf die aktuelle politische Entwicklung in Deutschland und das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Hat dieses Ergebnis bei euch etwas verändert? Und wie wichtig ist es euch, gerade jetzt mit eurer Musik und auf der Bühne klar Stellung zu beziehen?

Sebi: Je mehr sich die Lage zuspitzt, umso lauter muss man sein. Das ist meine private Meinung. Wir hatten uns in der Band dazu noch nicht ausgetauscht.

Aber du kannst in dieser Zeit nicht schweigen. Das funktioniert nicht. Jeder sollte den Kanal wählen können, über den er das kommuniziert. Wichtig ist, dass man Flagge zeigt.

Wir arbeiten seit Jahren sehr vertrauensvoll mit „Kein Bock auf Nazis“ zusammen. Die sind jetzt auch bei unserer anstehenden Tour auf jedem Konzert dabei, legen Flyermaterial aus und kommen mit den Leuten ins Gespräch. Uns ist wichtig, eine Plattform zu geben, um gegen Rechts und gegen Rechtsaußen mobil zu machen.

Nico: Was da in Sachsen-Anhalt passiert ist, ist für mich eine Katastrophe. Ich finde das ganz schlimm.

Wir haben auf unseren Konzerten wahrscheinlich zu 98 Prozent Leute, die unsere Einstellung teilen. Aber solche Statements werden gefilmt und laufen anschließend durchs Netz. Dadurch erreicht man auch Menschen, die vielleicht eine andere Ansicht haben. Vielleicht kann man bei einigen zumindest ein bisschen etwas verändern.

MASSENDEFEKT vor begeistertem Publikum – Credit: Marc Blessing
Credit: Ivan Tirado Espinosa

Düsseldorf, Punkrock und die Toten Hosen

MASSENDEFEKT kommen aus Düsseldorf – einer Stadt mit einer ganz besonderen Punkrock-Geschichte. Wie erlebt ihr die Punk-Szene in Düsseldorf?

Sebi: Düsseldorf hat natürlich eine sehr ausgeprägte Punk-Szene. Das sind nicht nur die Hosen, sondern auch die Broilers, die Rogers und wir. Da gibt es schon viele Bands, die aus Düsseldorf kommen.

Gerade die Toten Hosen sind weit über Düsseldorf hinaus zu einer der prägendsten deutschen Punkrock-Bands geworden. Ist das für euch als Band aus derselben Stadt etwas Besonderes oder spielt das für eure eigene musikalische Entwicklung eher keine große Rolle?

Sebi: Natürlich kommt man automatisch mehr mit dieser Szene und ihrer Geschichte in Kontakt, wenn man aus Düsseldorf kommt. Aber ich würde nicht sagen, dass die Toten Hosen oder Düsseldorf der Grund dafür sind, wie wir musikalisch unterwegs sind.

Nico: Die Hosen haben da natürlich viel Vorarbeit geleistet und machen das bis heute sehr gut. Dazu kommen die Broilers, Rogers und andere Bands. Vielleicht können wir uns dadurch auch etwas mehr Gehör verschaffen.

Sebi: Einen direkten Einfluss auf MASSENDEFEKT würde ich daraus aber nicht unbedingt ableiten.

Wenn andere Bands MASSENDEFEKT neu interpretieren

Zum Jubiläum erscheint zusätzlich eine limitierte Doppelvinyl mit zwölf Neuinterpretationen eurer Songs durch befreundete Bands und langjährige Weggefährten. Wie fühlt es sich an, wenn andere Musiker eure Songs nehmen und daraus ihre ganz eigene Version machen?

Sebi: Total schön, wirklich. Ich freue mich sehr darüber und fühle mich geehrt. Es ist einfach eine große Freude, dass so viele Freunde und Wegbegleiter sich einen unserer Songs geschnappt und die Mühe gemacht haben, ihn neu zu interpretieren.

Nico: Ich fand es jedes Mal spannend, wenn wieder jemand etwas geschickt hatte. Ich war immer aufgeregt und wollte wissen: „Wie macht diese Band das jetzt?„

Der letzte Song, der, glaube ich, eingetrudelt ist, war gleichzeitig der erste auf der Platte – Alex Mofagang und „Montreal“. Die haben mich komplett weggeschrien. Ich bin einfach sehr dankbar, dass wir so tolle befreundete Bands kennen, die sich trotz eigener Proben, Studios und Touren die Zeit dafür nehmen. Dafür wirklich Hut ab.

Es gab sogar noch einige Bands mehr, die Bock darauf gehabt hätten, aber leider hat es zeitlich nicht funktioniert.

Nico: Ich finde, so etwas kann man durchaus irgendwann noch einmal in Angriff nehmen. Vielleicht zum 50. Jubiläum.

Sebi: Vor allem haben jetzt zwölf Bands einen Gut bei uns. Wenn die irgendwann anfragen, müssen wir natürlich auch abliefern. Das ist die Kehrseite der Medaille.

25 LIVE: Ein langes Set zum Jubiläum

Mit dem neuen Album geht ihr auf eure „25 LIVE“-Jubiläumstour. Was habt ihr für die Shows geplant und gibt es etwas, worauf ihr euch besonders freut?

Sebi: Die Tour hat zunächst den Hauptfokus auf die neue Platte. Dann feiern wir unser großes Heimspiel im Stahlwerk in Düsseldorf. Dort gibt es gleich zwei Jubiläen: 25 Jahre MASSENDEFEKT und 15 Jahre „Tango Diesel“.

Wir haben uns vorgenommen, die „Tango Diesel“-Doppelplatte komplett zu spielen – auch Songs, die wir noch nie live gespielt haben. Dazu kommen die neuen Songs und aus den weiteren acht Alben ein kleines Best-of. Man kann sich also auf ein langes Set freuen, mit noch nie gespielten Songs, neuen Stücken und natürlich vielen Klassikern.

Das Schlusswort an die Fans

Dann gehört euch das Schlusswort. Was wollt ihr euren Fans noch mitgeben?

Sebi: Wenn das Interview jetzt kurzfristig erscheint, würden wir uns natürlich sehr freuen, wenn ihr uns durch den Kauf von Tonträgern, durch Streams, durch das Packen der Songs in Playlists oder was auch immer unterstützt. Und das gerne in der nächsten Woche.

In so einer Platte steckt einfach monatelange Arbeit, Planung, Schweiß, Blut, Tränen, Aneinanderreiben, Zwischenmenschliches und Emotionales. Damit könnte man uns als Band im Moment wahrscheinlich die größte Freude machen.

Nico: Ich würde das gerne noch etwas allgemeiner halten. Die Lage der Musik-, Club- und Festivalszene ist schwieriger geworden. Man kann nicht mehr damit rechnen, wie viele Besucher tatsächlich zu Konzerten kommen.

Deshalb wäre es nicht nur für unsere Shows schön, wenn ihr uns besucht und vielleicht sogar schon im Vorfeld Tickets kauft. Das gilt grundsätzlich für Konzerte. Jede Band, die sich die Mühe macht und unterwegs ist, würde sich darüber freuen.

Nutzt den Vorverkauf, kauft eure Tickets und besucht wieder mehr Bands live. Geht auf Konzerte. Das wäre toll.

Wunderbar. Dann bedanke ich mich bei euch beiden für eure Zeit und das spontane Gespräch. Hat Spaß gemacht! Ich wünsche euch einen erfolgreichen Albumstart und eine großartige Jubiläumstour. Wir sehen uns dann spätestens in Stuttgart. Macht’s gut und danke euch!

Marc Blessing paranoyd

Marc Blessing

Marc ist Webmaster, Chefredakteur und Fotograf des Paranoyd Magazins. Als Spezialist für Rock und Metal News sowie Hausfotograf des LKA Longhorns verbindet er Szenekenntnis mit technischem Know-how. Er liefert authentische Konzertberichte, professionellen Content und prägt seit Beginn Qualität, Glaubwürdigkeit und digitale Stärke des Paranoyd Magazins.

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