Seit mittlerweile drei Jahrzehnten rocken und bespaßen J.B.O. ihr Publikum. Mit Musik, die bewusst gegen den stressigen Alltag arbeitet und sich auch der dunklen Weltlage nicht ergibt, sondern ihr lieber mit Humor, Energie und Haltung begegnet.
Am 09. Januar 2026 erscheint nun Album Nummer 15 mit dem Titel Haus Of The Rising Fun. Ein weiterer Meilenstein in einer Bandgeschichte, die sich nie damit begnügt hat, bloß zu funktionieren.
Im Gespräch mit Frontmann und Sänger Vito C. ging es nicht nur um das neue Album, sondern auch um dreißig Jahre Musikgeschichte, um Veränderungen im Musikbusiness und um die Frage, was bleibt, wenn sich alles beschleunigt und verdüstert. Es ging um den Wert von Alben, um Live Konzerte, um Algorithmen, KI und um das, was hilft, wenn die Realität manchmal schwerer wiegt als einem lieb ist.
Kurz gesagt ging es um Musik als Zufluchtsort, als Haltung und als Einladung, das Leben trotz allem nicht zu ernst zu nehmen.
Euer neues Album heißt “Haus Of The Rising Fun”. Der Titel klingt nach einem Ort, an dem einiges passieren könnte. Wie sieht dieses Haus aus? Ist es eher ein Spaßhaus, ein Spielhaus oder vielleicht eine Musiker-WG?
Vito: Es ist irgendwo dazwischen und alles davon. Vor allem ist es aber ein virtueller Sehnsuchtsort. Ein Ort, der mit uns selbst zu tun hat und eher in unserem Inneren liegt als in der Realität. Am Ende ist es aber eine Mischung aus allem.
Es ist euer 15. Album. Das steht für Erfahrung, Kontinuität und auch Erfolg. Mit welchem Gefühl geht man an so ein Album heran? Ist der Druck irgendwann weg?
Vito: Ein gewisser Druck ist immer da. Wenn es egal wäre, müsste man eigentlich aufhören. Der Unterschied ist, dass es nicht mehr dieser spezielle Druck ist wie beim zweiten Album, als man unbedingt etwas reproduzieren wollte. Damals habe ich das sehr stark gespürt. Heute ist das anders, aber die Relevanz bleibt.
Die Arbeit am Album hat sich über einen längeren Zeitraum gezogen. Warum?
Vito: Wir haben im Grunde schon 2023 angefangen. Dann haben sich Dinge auf Plattformebene verändert und eine geplante Veröffentlichungstour wurde zur Jubiläumstour unseres ersten Albums. Das ist 1995 erschienen und wurde dieses Jahr 30 Jahre alt. Das haben wir intensiv gefeiert, inklusive einer erfolgreichen Tour. Jetzt gibt es eine schöne Klammer zwischen dem ersten und dem 15. Album “Haus Of The Rising Fun”.
Inhaltlich bleibt das Haus also ein Ort der Freude. Gibt es keine dunklen, melancholischen Zimmer?
Vito: Nein. Dieses Haus ist kein Ort für Trauer. Es geht um Positives, um Freude. Wenn jemand Tränen vergießen möchte, dann ist das legitim, aber dann ist dieses Haus einfach nicht der richtige Ort dafür.
Das wirkt fast wie ein bewusster Gegenentwurf zur aktuellen Weltlage. Vieles fühlt sich gerade düster an. Ist “Haus of the Rising Fun” auch als Kontrastprogramm gedacht?
Vito: Absolut. Wir werden permanent mit negativen Nachrichten bombardiert. Ein Teil davon liegt daran, dass wir heute alles sofort mitbekommen. Push-Nachrichten, Dauer-Alarm. Gleichzeitig wird vieles tatsächlich extremer. Wenn man etwa in die USA schaut, ist das kaum noch zu ertragen. Ich habe schon die Zeit von Ronald Reagan bewusst erlebt, aber das, was heute passiert, geht weit darüber hinaus.
Realsatire, die kaum noch Konsequenzen zu haben scheint, oder?
Vito: Genau. Das Absurde ist, dass man darüber lachen könnte, wenn es nicht so ernst wäre. Ein Präsident, der einen Demenztest als IQ-Test verkauft, wäre früher undenkbar gewesen. Dass so etwas heute möglich ist, sagt viel über den Zustand unserer Gesellschaft aus. Rechtspopulismus nimmt zu, Demokratie gerät unter Druck. Das macht Sorgen.
Und trotzdem setzt ihr bewusst auf Spaß?
Vito: Ja, weil man sonst daran zerbricht. Man muss sich auch um sich selbst kümmern, sich rausziehen, albern sein dürfen, gemeinsam singen, lachen, Spaß haben. Das ist kein Wegschauen, sondern Überlebensstrategie. Das Leben muss lebenswert bleiben. Man muss wissen, wofür man eigentlich kämpft.
Zwischen Spaß, Ernst und Dauerkrise: Musik als Gegenentwurf bei J.B.O.
Eine klare und wichtige Botschaft. Vielen Dank dafür. Gerade wenn man wie ich redaktionell arbeitet und sich täglich auch mit Politik und Krisen beschäftigt, vergisst man leicht, sich selbst rauszuziehen. Für Musiker gilt das vermutlich ähnlich. Wenn man aber zurückblickt auf 1995: keine sozialen Netzwerke, kein permanenter Druck, sichtbar zu sein. Ihr seid in einer völlig anderen Zeit erfolgreich geworden. Wie erlebst du diese Entwicklung über drei Jahrzehnte hinweg?
Vito: Es hat alles nie nur eine Sache, es hat immer viele Seiten. Wir sind in einer Zeit groß geworden, in der wir extrem viele Tonträger verkauft haben. Damals war es fast egal, wie viel Merchandise am Ende einer Tour übrig blieb, weil wir unser Geld über CD-Verkäufe verdient haben. Das hat sich mit dem Übergang ins neue Jahrtausend komplett gedreht. Heute leben wir ganz klar vom Live-Spielen.
Das heißt, Konzerte sind heute wichtiger denn je?
Vito: Absolut. Live-Konzerte sind das, wovon wir in erster Linie leben. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass wir in der Lage sind, gute Shows zu spielen und dass die Leute kommen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Es gibt viele Bands, bei denen das nicht funktioniert oder die einfach kein Publikum erreichen. Dass wir eine treue Fanbase haben und ein stabiles Standing, ist ein großes Glück.

Es wird auch immer wieder gefragt, ob Alben überhaupt noch zeitgemäß sind. Wie siehst du das?
Vito: Diese Frage höre ich oft. Und ich sage ganz klar: Für mich ist das Album nach wie vor relevant. Es ist ein Abschnitt, ein Kapitel. Unter dieser Flagge segeln wir dann eine gewisse Zeit, gehen auf Tour, erzählen eine zusammenhängende Geschichte. Früher hast du live gespielt, um dein Album zu promoten. Heute machst du ein Album, um einen Grund zu haben, auf Tour zu gehen. Vereinfacht gesagt, aber so ist es.
Also eine komplette Umkehr der Logik?
Vito: Ja, total. Das kann man mögen oder nicht, aber es ist Realität. Das wird auch nicht mehr verschwinden. Man kann sich darüber ärgern oder es scheiße finden, aber am Ende muss man mit dem arbeiten, was da ist.
Ihr seid damals ohne Social Media groß geworden. Würdest du sagen, ihr seid „analog viral“ gegangen?
Vito: Genau so war es. Wir sind durch Mundpropaganda erfolgreich geworden. Unser erstes Album hat sich verkauft, weil Leute es anderen vorgespielt haben und gesagt haben: „Hör dir das an.“ Das war Glück, ganz klar. Unser Verdienst ist eher, dass es uns immer noch gibt. Wir sind drangeblieben, auch in Phasen, in denen es nicht nach oben ging. Wir hatten einfach Lust weiterzumachen. Und jetzt, 36 Jahre später, sind wir immer noch da.
Ich finde die Frage nach der Wichtigkeit von Alben ehrlich gesagt auch etwas schräg, obwohl ich sie Künstlern auch stelle. Ihr macht das ja nicht nur für euch, sondern auch für eure Fans. Viele sind mit CDs und Vinyl aufgewachsen und wollen etwas in der Hand halten, etwas sammeln.
Vito: Genau. Das ist ein ganz wichtiger Punkt.
Mir geht es da ähnlich. Ich mag Alben, ich mag Platten, ich möchte etwas besitzen, nicht nur streamen. Und ich glaube, viele Fans empfinden das genauso. Umso erschreckender ist dann die nächste Entwicklung, über die man immer häufiger spricht: alles wird digitaler, manches stirbt aus und manche behaupten sogar, Live-Musik könnte irgendwann verschwinden.
Vito: Diese Vorstellung ist natürlich beängstigend. Gerade deshalb ist es umso wichtiger, Konzerte zu spielen, präsent zu sein und Räume zu schaffen, in denen Menschen real zusammenkommen. Live-Musik ist durch nichts zu ersetzen.
J.B.O.: Algorithmen, KI und die Frage nach der Zukunft der Musik
Es gibt immer mehr KI, immer mehr virtuelle Konzepte. Glaubst du, dass wir in 30 oder 50 Jahren Avatare auf der Bühne sehen werden, die echte Musiker ersetzen?
Vito: Ich glaube nicht, dass ich das noch erleben werde. Und ehrlich gesagt glaube ich auch nicht, dass wir komplett durch Avatare ersetzt werden. Zumindest nicht in dem Sinne, dass das Menschliche verschwindet.
Das erinnert irgendwie auch ein bisschen an Science-Fiction, oder?
Vito: Total. Kennst du “Per Anhalter durch die Galaxis”? Da gibt es diese fiktive Band “Disaster Area”, deren Konzerte so extrem sind, dass nur noch Avatare auf der Bühne stehen, während die Musiker irgendwo im All sind. Damals war das völlig absurd. Heute denkt man plötzlich: ganz so weit weg ist das gar nicht mehr.
Ein reales Beispiel wäre ja die “Comeback-Tour” von ABBA, bei der mit Avataren gearbeitet wurde.
Vito: Genau. Das geht schon in diese Richtung. Trotzdem glaube ich, dass Unmittelbarkeit weiterhin eine große Rolle spielen wird. Man sieht uns an, dass wir gelebt haben, dass wir nicht mehr knitterfrei sind. Aber genau das zählt inzwischen auch. Diese Erfahrungen, diese Geschichten. Das Hochglanz-Perfekte ist für viele gar nicht mehr so interessant.
Gleichzeitig wird Musik immer stärker auf Algorithmen zugeschnitten. Songs müssen sofort zünden, dürfen nicht zu lang sein.
Vito: Das ist vor allem für Menschen wichtig, denen Musik eigentlich egal ist. Für die ist Musik eine Art Raumausstattung, sie darf nicht stören. Das ist aber nicht unsere Zielgruppe. Wir sprechen Leute an, die Musik bewusst hören und etwas damit verbinden. Wir machen keine Musik, damit es nicht still ist.
Wenn es nach dem Spotify-Algorithmus ginge, gäbe es ja viele Klassiker wahrscheinlich gar nicht. Baba O’Riley, November Rain oder Bohemian Rhapsody würden heute vermutlich aussortiert werden.
Vito: Genau. Und trotzdem gibt es immer Künstlerinnen und Künstler, die sich bewusst dagegen entscheiden. Die wird es immer geben. Schau dir Rosalía an. Sie veröffentlicht ein Album, singt in verschiedenen Sprachen, ignoriert den Algorithmus komplett und ist trotzdem erfolgreich. Auch Bohemian Rhapsody war damals gegen jeden noch analogen Algorithmus. Genau deshalb ist der Song so eingeschlagen. Menschen wollen überrascht werden.
Vielleicht ist genau das am Ende euer Glück oder eben auch das Glück für aufstrebende Bands.
Vito: Möglich. Aber Menschen sind auch einfach extrem schlecht darin, die Zukunft vorherzusagen. Schauen wir einfach, wo es uns hinführt.
Zum Abschluss eine persönliche Einschätzung. Seid ihr mittlerweile eine Kultband? Oder immer noch die rebellische Band gegen den Ernst des Lebens?
Vito: Das kann ich nicht beantworten. Wir können nicht selbst entscheiden, ob wir eine Kultband sind. Das müssen andere tun. Wir sind einfach wir. Dass wir das Wort öfter hören, stimmt. Aber die Entscheidung liegt nicht bei uns.
Am Ende entscheiden die Menschen. Sie haben sich für euch entschieden, für 15 Alben, für Konzerte, für Songs. Nicht der Algorithmus, nicht die KI. Und das ist doch eigentlich ziemlich beruhigend.
Vito: Genau.
Danke dir.
Mehr zur Band J.B.O. findet ihr in den Socials.
Mia Lada-Klein
Mia ist Redakteurin beim Paranoyd Magazin. Als absolute Spezialistin für Interviews und Reviews verbindet sie ihr Literaturstudium mit ihrer Leidenschaft für das geschriebene Wort. Mia blickt auf eine langjährige Zusammenarbeit mit diversen Magazinen zurück und ist ein wahrer Interview-Profi, der fundiertes Fachwissen mit authentischen Einblicken in die Musikszene vereint.

