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Gluecifer im Interview: Rock’n’Roll nach zwei Jahrzehnten Pause

Gluecifer im Interview: Rock’n’Roll nach zwei Jahrzehnten Pause

Nach 21 Jahren Funkstille schütteln Gluecifer den Staub von ihren Lederjacken und kündigen für den 16. Januar ihr neues Album Same Drug New High an. Die selbsternannten Kings Of Rock lassen endlich wieder Töne los, auf die ihre Fans seit der Reunion 2018 sehnsüchtig gewartet haben. 

Frontmann Biff Malibu, alias Frithjof Jacobsen, plaudert im Interview über alles, was heute zählt: wie die Band Musik überhaupt noch sieht, warum das neue Album ausgerechnet jetzt auf die Welt losgelassen wird, ob KI die Rockwelt wirklich übernehmen will und was früher vielleicht unwichtig war, heute aber eine Rolle spielt. 

Frech, ehrlich und mit einem Augenzwinkern gibt er Einblicke, die man so nur von Gluecifer bekommt.

Einundzwanzig Jahre ohne ein neues Album. Wie fühlt es sich an, endlich wieder offiziell etwas zu veröffentlichen? Eher Erleichterung oder doch Druck?

Biff: Es ist vor allem aufregend. Das Album ist eigentlich schon seit vor dem Sommer fertig, deshalb fühlt es sich gut an, es nun endlich rauszubringen. Druck empfinde ich ehrlich gesagt kaum. Es hat einfach Spaß gemacht, es zu machen. Wir hatten eine richtig gute Zeit im Studio, sind zufrieden mit dem Ergebnis und freuen uns darauf, die Songs live zu spielen. Natürlich hofft man immer, dass die Leute das Album mögen, aber nervös im negativen Sinne sind wir nicht.

Der Albumtitel Same Drug New High klingt nach “gleich geblieben, aber doch anders”. Was ist dieses neue Hoch heute für euch?

Biff: Ich weiß gar nicht mehr genau, wie wir auf den Titel gekommen sind. Es gibt einen Song auf dem Album, der so heißt, und wir fanden den Ausdruck einfach gut. Er klingt gut, ist ein bisschen lustig. Als wir über mögliche Albumtitel gesprochen haben, dachten wir dann: Das passt. Für eine Band wie uns, die nach über zwanzig Jahren wieder ein Album macht, beschreibt das ziemlich gut, wo wir stehen.

Inwiefern?

Biff: Seit wir wieder zusammen sind, haben wir gemerkt, dass wir im Kern immer noch dasselbe machen. Aber wir bekommen einen neuen Kick daraus. Wir haben Spaß miteinander, hängen gern zusammen ab und mögen es, diese Musik zu machen. Das Album hat uns glücklich und aufgeregt gemacht. Gleichzeitig ist es klar mit unserer Vergangenheit verbunden. Es ist kein radikaler Stilbruch. Ich werde weiterhin Songs im Stil von Gluecifer schreiben, aber eben auch aus der Perspektive von Menschen, die zwanzig Jahre älter sind. Das verändert Dinge automatisch.

Frontmann Biff Malibu, alias Frithjof Jacobsen
Frontmann Biff Malibu, alias Frithjof Jacobsen Credit: Paal-Laukli

Gluecifer heute: Freundschaft, Gelassenheit und altmodischer Rock’n’Roll

Also klingt es anders, ohne sich wirklich neu zu erfinden?

Biff: Genau. Vielleicht ein bisschen anders als früher, aber im Grunde ist es dasselbe. Ich hoffe, dass Leute, die uns früher mochten, so etwas wie die “neuen Gluecifer” darin entdecken können. Und vielleicht hören auch Menschen rein, die uns bisher gar nicht kannten. Das wäre natürlich schön.

In einem Song singst du vom “The Idiot”. Ist das eine konkrete Person oder eher ein Sinnbild?

Biff: Das ist eine gute Frage. Die Antwort ist wahrscheinlich sehr typisch für mich. Ich wohne in Oslo, direkt neben einem kleinen Park. Der heißt tatsächlich „Idioten“-Park.

Wirklich?

Biff: Ja. Der Name hat eine ziemlich düstere Geschichte. Im 19. Jahrhundert gab es dort eine Schule für Kinder mit Lernschwierigkeiten. Damals waren die Begriffe und der Umgang natürlich brutal und man nannte das schlicht die “Idiotenschule”. Der Name ist geblieben und wurde auf den Park übertragen.

Und du wohnst direkt daneben?

Biff: Genau. Wenn mich Leute fragen, wo ich in Oslo wohne, sage ich oft: neben den Idioten. Was erstmal absurd klingt, aber eben auch irgendwie stimmt. Der Text zu dem Song ist eine Mischung aus Beobachtungen und Fantasie. Ich schaue vom Balkon auf die Straße, sehe Menschen vorbeigehen, jemanden mit seinem Hund und frage mich, wer diese Person ist, was ihre Geschichte sein könnte. Daraus habe ich kleine Szenen gebaut, manches ist erfunden, manches überzeichnet.

Also kein Fingerzeig, sondern eher ein Blick auf Menschen im Alltag?

Biff: Ja. Es geht nicht darum, jemanden als Idioten zu bezeichnen. Auf keinen Fall. Es ist ein Ort, keine Person. Und die Menschen, über die ich singe, sind hoffentlich keine Idioten. Es ist eher eine spielerische, vielleicht auch ironische Perspektive.

Arne, euer Gitarrist hat mir vor Kurzem in einem Interview erzählt, dass ihr früher echte Rebellen wart und es auch mal ordentlich gekracht hat. Heute seid ihr ruhiger, nachdenklicher. Würdest du sagen, ihr seid erwachsener geworden?

Biff: Ja, das würde ich schon sagen. Wenn ich auf die frühen Jahre zurückblicke, haben wir praktisch unser ganzes Leben miteinander verbracht. Wir waren ständig unterwegs, dauernd zusammen und klar geht man sich da auch mal auf die Nerven. Das ist fast unvermeidlich.

Trotzdem wart ihr nie eine Band, die kurz vor der Implosion stand?

Biff: Nein, so extrem war es bei uns nie. Wir waren nie diese klassische Problem-Band, bei der niemand mehr miteinander redet und alle in getrennten Garderoben sitzen. Wir waren immer eine Gruppe von Freunden. Aber natürlich gab es hitzige Diskussionen, gerade weil allen die Musik so wichtig war. Jeder wollte, dass ein Song genauso klingt, wie er ihn im Kopf hat. Dann fliegen auch mal die Fetzen, wenn es darum geht, wie etwas gespielt werden soll.

Heute scheint der Umgang damit ein anderer zu sein?

Biff: Absolut. Als wir wieder zusammengekommen sind, haben wir viel darüber gesprochen, wie wir es diesmal machen wollen und auch, wie wir es eben nicht mehr machen wollen. Das war keine Therapie, da saßen keine Coaches oder Psychologen dabei. Wir haben einfach geredet. Uns war klar, dass wir früher sehr gute Freunde waren und dass mit der Auflösung der Band auch einige Freundschaften verloren gegangen sind. Das war damals vielleicht eine natürliche Entwicklung, aber rückblickend trotzdem schade.

Was hat sich dadurch konkret verändert?

Biff: Wir haben uns bewusst gemacht, dass der eigentliche Grund, warum wir das hier machen wollen, die Freundschaft ist. Wir hängen gern zusammen ab, haben Spaß miteinander, spielen gern zusammen, lachen viel. Wir kennen unsere Partnerinnen, unsere Kinder, wir treffen uns auch privat, gehen zusammen essen oder auf Partys. Das alles wollten wir ins Zentrum dieses neuen Kapitels stellen.

Also weniger Ego, mehr Miteinander?

Biff: Genau. Wir haben gesagt: Diese Band sollte es nur geben, solange wir diese Freundschaft bewahren können. Und dann stellt man sich automatisch die Frage: Ist das wirklich alles so todernst? Klar nehmen wir die Musik ernst, wir geben unser Bestes. Aber am Ende ist es auch etwas, das Spaß machen soll. Es ist eine gute, bereichernde Sache im Leben.

Ganz ohne Reibung geht es aber trotzdem nicht, oder?

Biff: Nein, natürlich nicht. Wenn fünf Künstler in einem Raum sind, wird es manchmal feurig. Dann diskutiert man darüber, ob ein Part vier oder zwei Takte haben sollte oder wer das Solo spielt. Das gehört einfach zum kreativen Prozess. Aber insgesamt ist der Ton freundlich, respektvoll. Das macht einen riesigen Unterschied.

Klingt nach einer neuen Gelassenheit.

Biff: Ja, wir sind älter geworden und hoffentlich auch ein bisschen weiser. Man lernt, dass nicht alles so laufen muss, wie man es sich mit zwanzig vorgestellt hat. Und dass man trotzdem etwas Gutes daraus machen kann. Vielleicht ist genau das der Grund, warum wir heute wieder als Gluecifer zusammen auf der Bühne stehen.

Seit dem Comeback werdet ihr sicher oft gefragt, ob ihr das alles wegen des Geldes macht. Wie häufig hörst du diese Frage und wie groß ist der Impuls, den Leuten dafür eine reinzuhauen?

Biff: (lacht) Das ist tatsächlich eine ziemlich naheliegende Frage. Viele denken sofort: Ihr braucht wohl das Geld. Aber die ehrliche Antwort ist nein. Wir haben vielleicht Glück, denn wir sind nicht darauf angewiesen. Wir verdienen mit der Band etwas Geld, aber keine Summen, von denen man leben könnte. Wir haben unsere Jobs behalten und machen das hier im Grunde in unserer Freizeit.

Also kein kalkuliertes Comeback?

Biff: Überhaupt nicht. Mir geht es gut und die Leute können fragen, was sie wollen. Wir machen das, weil wir gern Rock’n’Roll spielen, weil wir das gemeinsam machen wollen und weil wir Spaß daran haben. Wir spielen Shows für Menschen, die mit uns eine gute Zeit haben möchten. Das gehört zu den wirklich guten Dingen im Leben. Warum also nicht? Es gab keinen Masterplan. Kein großes “Jetzt feiern wir das Comeback, dann ein Album, dann noch mehr Konzerte”. Wir sind 2018 zurückgekommen und veröffentlichen viele Jahre später eine neue Platte. Wenn es uns ums Geld gegangen wäre, hätten wir das ganz anders aufgezogen. Kommerziell ist das eigentlich ziemlich hoffnungslos. (lacht)

Gluecifer im Interview: Rock’n’Roll nach zwei Jahrzehnten Pause
Gluecifer Credit: Paal-Laukli

Gluecifer: Musik, KI und die digitale Welt

Ein anderes großes Thema unserer Zeit ist künstliche Intelligenz. KI schreibt Songs, imitiert Stimmen, generiert ganze Alben. Was löst das bei dir aus?

Biff: Ich bin Redakteur und arbeite tagsüber bei einer Zeitung. Deshalb habe ich durchaus Berührungspunkte mit KI. Wir nutzen sie manchmal für Recherchen. Grundsätzlich ist das einfach Technologie. Für manche Zwecke ist sie sinnvoll und effizient. Wenn man sie nutzt, ist man zumindest aktiv und produziert etwas, statt nur endlos durch Reels zu scrollen und bei Social Media zu sein.

Diese Antwort spricht mir aus der Seele. In eurer Musik spielt KI aber keine Rolle?

Biff: Nein, eigentlich nicht. Unsere Welt besteht aus Typen mit E-Gitarren, Bass, Schlagzeug und Gesang. Wir schreiben Songs auf die altmodische Art, nehmen sie auf und veröffentlichen sie. KI ist kein Teil dieses Prozesses. Vielleicht hilft sie uns irgendwann, günstige Flugtickets zu finden, aber künstlerisch hat sie mit dem, was wir tun, nichts zu tun.

Siehst du trotzdem positive Aspekte?

Biff: Absolut. Was ich wirklich gut finde, ist, dass Technologie den Zugang zur Musikproduktion erleichtert hat. Man kann heute eine Platte aufnehmen, ohne ein Vermögen auszugeben oder in ein teures Studio zu müssen. Man kann vieles selbst machen und seine Musik leicht verbreiten. Früher brauchte man Labels, Presswerke, Marketingbudgets. Heute ist das viel einfacher und das finde ich großartig.

Rock’n’Roll bleibt aber KI-frei?

Biff: Für mich schon. Ich spiele Rock’n’Roll und der ist tatsächlich irgendwie KI-frei. Vielleicht benutzen wir nicht mal besonders viel Intelligenz insgesamt, das ist vielleicht dumme Musik, aber auf eine gute Art. (lacht) Und das haben wir bei Gluecifer schon vor zwanzig Jahren so gesehen.

Du kommst aus einer Zeit, in der Rockbands über Clubs, Magazine und Mundpropaganda gewachsen sind. Heute entscheidet oft der Algorithmus darüber, wer gesehen wird. Wie fühlt sich dieser Wandel für dich an?

Biff: Ehrlich gesagt weiß ich es nicht so genau. Als wir die Band damals Mitte der 2000er verlassen haben, bin ich kurz darauf bei Facebook gelandet. Ich arbeite seit vielen Jahren als Journalist und Redakteur, soziale Medien waren also nie völlig fremd für mich. Trotzdem fühlt es sich manchmal an, als wäre man plötzlich ein älterer Rock’n’Roller, der in eine neue Welt mit TikTok und all dem hineingeworfen wird.

Macht das Musikerleben dadurch einfacher oder komplizierter?

Biff: Ich bin darin nicht besonders gut, sagen wir es so. Wenn ich mir soziale Medien anschaue, sehe ich vor allem eins: Es geht um Aufmerksamkeit. Viele Menschen versuchen permanent, gesehen zu werden und daraus entsteht eine ganz neue Form von Prominenz. Das ist okay, so ist die Welt jetzt. Aber wir haben dafür keine große Strategie.

Wie nutzt ihr soziale Medien dann konkret?

Biff: Relativ pragmatisch. Wir bekommen Hilfe von Leuten, die uns dabei unterstützen, Shows anzukündigen oder auf eine neue Platte hinzuweisen. Dafür sind soziale Medien praktisch. Es ist kostenlos, direkt und einfach, wenn man etwas zu erzählen hat. Aber mehr auch nicht.

Der Kern bleibt also weiterhin das Live-Erlebnis?

Biff: Absolut. Wenn wir eine Show spielen, dann ist das der Mittelpunkt von allem. Das war früher so und ist heute genauso. Wir lieben es, Konzerte zu spielen und die fühlen sich erstaunlich ähnlich an wie früher. Gleiche Energie, gleiche Begeisterung, sogar viele der gleichen Clubs.

Aber du wirkst insgesamt wenig pessimistisch gegenüber neuen Technologien.

Biff: Ja, dieser grundsätzliche Technik-Pessimismus ist nicht so mein Ding. Die digitale Welt hat viele Vorteile. Man kann Tickets buchen, kommunizieren, Dinge erledigen, ohne irgendwo anzustehen. Das spart Zeit. Und Zeit kann man dann für wichtigere Dinge nutzen. Aber trotz aller Digitalisierung haben Menschen weiterhin ein starkes Bedürfnis, zusammenzukommen und etwas gemeinsam zu erleben. In Oslo zum Beispiel gibt es ständig Konzerte, Lesungen, Veranstaltungen. Die Leute gehen raus, hören Musik, treffen Freunde. Das Digitale erledigt man nebenbei, aber die schönen Momente finden immer noch im echten Leben statt.

Würdest du sagen, der Markt für Live-Shows ist heute sogar stärker?

Biff: Vielleicht sogar besser als je zuvor. Die Leute wollen Erlebnisse sammeln, gemeinsam etwas fühlen. Das kann dir kein Algorithmus nehmen. Es gibt das Publikum, es gibt die Band und es gibt diesen Moment. Das bleibt.

Wenn ihr heute auf Tour geht: Was ist dir wichtiger als früher?

Biff: Komfort, definitiv. Wir haben früher wochenlang im Bus gelebt, praktisch darin geschlafen. Da musste man schon etwas trinken, um das durchzustehen. Heute spielen wir eher am Wochenende, Donnerstag bis Samstag und fahren dann nach Hause. Wir reisen mit dem Zug, gehen früher ins Bett. Wir nennen uns selbst manchmal “Wochenendkrieger”.

Also weniger Jackie Cola, mehr Vernunft?

Biff: Ein bisschen langsamer ist es geworden, ja. (lacht) Wir haben immer noch Spaß, aber es ist entspannter. Vielleicht sind die Weine etwas besser geworden. Am Ende ist es aber immer noch dasselbe Gefühl: Du wachst auf, es ist Montagmorgen, und jede Nacht fühlt sich wie Samstag an. Das ist der Zustand, den man erreichen will.

Klingt nach einer sehr gesunden Perspektive.

Biff: Vielleicht kommt das mit dem Alter. Man lernt, was wirklich wichtig ist. Gute Konzerte, gute Freunde, eine gute Zeit. Und wenn man etwas Cooles macht, ist es schön, andere daran teilhaben zu lassen. So sehen wir das heute bei Gluecifer.

Danke Biff für deine Zeit.

Mehr zur Band Gluecifer findet ihr in den Socials.

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Mia Lada-Klein

Mia ist Redakteurin beim Paranoyd Magazin. Als absolute Spezialistin für Interviews und Reviews verbindet sie ihr Literaturstudium mit ihrer Leidenschaft für das geschriebene Wort. Mia blickt auf eine langjährige Zusammenarbeit mit diversen Magazinen zurück und ist ein wahrer Interview-Profi, der fundiertes Fachwissen mit authentischen Einblicken in die Musikszene vereint.

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