Manche Bands versteht man nicht sofort – man spürt sie zuerst. Genau so ging es mir mit Fjørt, als ich sie vor ein paar Jahren im Wizemann zum ersten Mal live erlebt habe. Auch an diesem Abend an derselben Stelle war wieder genau dieses Gefühl da – intensiv, aufgeladen, kaum greifbar. Und dann gab es diesen einen Moment: eine brutal starke Ansage von der Bühne, die sich klar gegen Faschismus und all die verbohrten Weltbilder richtete. Für mich war das der absolute Gänsehautmoment des Abends – direkt und ohne Umwege.
Im Gespräch mit Chris und David bekommt genau dieses Gefühl plötzlich Konturen. Schnell wird klar, dass hinter ihrer Musik kein Zufall steckt, sondern ein permanenter innerer Druck: das Bedürfnis, auf das zu reagieren, was draußen passiert. Politische Entwicklungen, gesellschaftliche Spannungen und persönliche Gedanken vermischen sich zu einem Sound, der mehr ist als nur laut – er ist ein Ausdruck von Auseinandersetzung.
Das Interview, das im Rahmen der aktuellen Tour in Stuttgart entstanden ist, zeigt eine Band, die genau hinschaut und Dinge nicht einfach vorbeiziehen lässt. Fjord greifen Themen auf, die unbequem sind, die oft schwer im Raum stehen – und verwandeln sie in etwas, das Menschen erreicht. Vielleicht liegt genau darin ihre besondere Kraft: Sie liefern keine Antworten, sondern schaffen Räume, in denen Fragen lauter werden. Und genau das hallt nach – weit über das Konzert hinaus.
Fjørt: Kreativer Druck, Politik und persönliche Themen
Mein persönliches erstes Mal mit eurer Musik war hier im Im Wizemann. Mir ging es damals wahrscheinlich wie vielen, die euch zum ersten Mal entdeckt haben: Ich dachte nur, das ist der abgefahrenste Scheiß, den ich seit Langem gehört habe. Deshalb frage ich mich bis heute: Wie kommt ihr auf diese brutal starken Themen, die sowohl die Vergangenheit aufgreifen als auch das aktuelle Weltgeschehen – leider oft ziemlich treffend – widerspiegeln?
Chris: Erstmal vielen Dank für die Worte. Es freut uns sehr, dass wir dich damit abgeholt haben. Ich glaube, das war bei uns von Anfang an die Initialzündung und der Grund, warum wir überhaupt den Drang haben, Musik zu machen. Ich erzähle das öfter auf der Bühne: Wir machen hier diesen ganzen Zirkus, aber im Grunde haben wir damals damit angefangen, weil das Weltgeschehen nicht an uns vorbeigeht.
Wir sind Menschen, die eher schnell ins Grübeln kommen, die über Sachen nachdenken, sich ärgern und abgefuckt sind – sei es von A bis Z, die wachsende AfD, politische oder persönliche Themen. All diese Dinge fucken uns total ab. Das war von Anfang an der Grund, warum ich Texte geschrieben habe, bei denen ich erst gar nicht wusste, was wir damit anfangen sollen.
Eigentlich mussten wir uns einfach in einem Raum treffen und zusammen geile, laute Mucke machen – damals noch inspiriert von verschiedenen Bands, die wir selbst gehört haben. Das Ganze musste irgendwo hin. Das war eigentlich immer der Motor: Da ist etwas, das im Kopf herumspukt; etwas, das uns einfach abfuckt. Dann haben wir uns getroffen, in die Akkorde gehämmert, und das war im Grunde die Geburt von FJØRT.
Wir haben gemerkt, dass uns das sehr viel gibt und wir das regelmäßig machen sollten. So haben wir es weitergeführt und die erste EP geschrieben. Der Kern dieser Band ist immer noch dieses Ding: die Augen offenhalten. Die Themen gehen nicht an uns vorbei; gefühlt gibt es immer mehr, über das man schreiben muss oder bei dem man ein großes Bedürfnis hat, es zu thematisieren. Das reißt leider nicht ab. Aber wir haben Gott sei Dank ein Mittel gefunden, in das wir das reinpacken können. So wird es vielleicht auch für andere Menschen greifbar, holt sie ab und gibt ihnen etwas Positives bei all den beschissenen Dingen, die so passieren.

Fjørt live: Neue Songs zwischen Unsicherheit und Eskalation
Ihr seid aktuell mit eurer neuen Tour unterwegs. Wie fühlt es sich gerade an, die neuen Songs endlich live vor Publikum spielen zu können?
Chris: Ich glaube, man hat vor dem Start einer Tour mit einer neuen Platte und ganz neuen Songs erst mal ordentlich Schiss. Man muss erst sehen, wie sie sich anfühlen und wie sie bei den Leuten ankommen. Wir arrangieren die Songs für live auch immer noch mal ein wenig neu; wir nehmen nie einfach einen Song von der Platte und spielen ihn exakt so. Das ist ein stetiger Prozess. Oft ist ein Song fertig geschrieben und schon eine Woche später fällt einem noch eine Kleinigkeit ein.
Bis zum Tourstart verändern wir dann viele Parts, lassen Songs ineinander übergehen und so weiter. Das ist der Teil, der super viel Spaß macht, die neuen Songs so einzufädeln. Wir machen uns viele Gedanken über die Abfolge beim Konzert – man soll durchgeführt werden wie durch ein Theaterstück. Aber man fragt sich natürlich: Funktioniert das auf der Bühne? Ist der Flow gut? Vor allem: Sitzen die Songs schon so in Fleisch und Blut? Ältere Stücke spielt man irgendwann aus dem FF.
Bei den neuen ist das anders. Wir sind keine krassen Virtuosen, sondern wir erarbeiten uns die neuen Songs hart. Aber jetzt, wo wir fast am Ende der Tour sind, fühlt es sich wahnsinnig toll an. Auch, dass die neuen Songs so gut angenommen werden, ist nicht selbstverständlich. Man merkt, dass die Menschen sich mit den Texten beschäftigen. Die Gespräche nach den Konzerten sind toll, wenn Leute uns auf bestimmte Zeilen der neuen Platte ansprechen, die ihnen viel gegeben haben. Das ist das Schönste, wenn die Leute wirklich hinhören.
Gab es schon einen Song von der neuen Platte, bei dem ihr sagt: „Hey, der hat live richtig geil gezündet“? Der vielleicht sogar noch massiver ist als in der Studioversion?
David: „Schwierig zu sagen. Ich glaube, die Songs haben alle ihre Momente und machen alle Spaß. Es sind oft besondere Zeilen, bei denen man merkt, dass die Leute noch mehr aus sich herauskommen. Wenn wir vorne bei den Leuten knien und ihnen diese Zeilen entgegenbrüllen, entsteht eine krasse Energie. Bei Songs wie „Messer“ – „Die Hoffnung ist ein Schlachtfeld“ – oder der Zeile „belle èpoque – pechschwarz Ära“ merken wir richtig: Puh, das gibt uns extrem viel und das überträgt sich total auf das Publikum. Das zu spüren, ist einfach super krass.“
Fjørt: „KOLT“ und die Realität, die sich nicht verändert
Einer eurer vielen starken Songs vom Vorgängeralbum „Nichts“ ist „KOLT“. Welche Songzeile daraus passt für euch aktuell am besten zum heutigen Weltgeschehen?
David: Bei dem Song ist es leider echt ein wenig traurig, dass bisher kein Problem gelöst wurde – also von denen, über die wir da sprechen. „KOLT“ ist eigentlich eine Aufeinanderreihung von Punkten, die veränderungswürdig sind, bei denen man selbst aber den Arsch nicht hochbekommt, um die Initialzündung für gewisse Dinge zu sein. Das angesprochene Problem mit dem Faschismus in unserem Land ist nicht kleiner, sondern größer geworden. Frontex hat sich an den Grenzen weiter verstärkt.
Es ist halt so: Wir hätten den Song für diese Platte genau so wiederveröffentlichen können. Das ist immer ein wenig bitter, wenn man so eine Nummer schreibt und in der Retrospektive sieht: Okay, wir sind immer noch auf demselben Status. Deswegen kannst du fast jede Zeile nehmen, die sich leider bestätigt hat.

Ein Stück weit anders als damals, als wir die Nummer geschrieben haben, war das Feedback. Wir haben von vielen Leuten gehört, die sagten: Ja, du rechnest da komplett mit dir selbst ab, weil du nichts tust. Aber allein, dass du so einen Text schreibst, diese Mucke machst und Menschen zusammenbringst, ist schon ein ganz wichtiger Punkt.
Das sieht man als Band natürlich oft nicht so. Wenn ich über Kapitän Dariush von der Juventa rede, der fast in den Knast gesteckt wird, weil er Menschen vor dem Ertrinken rettet, fällt es mir sehr schwer, das mit einer Bühnenshow zu vergleichen. Da weiß ich genau, wer den wichtigeren Beitrag für die Gesellschaft leistet. Aber wenn wir durch die Fähigkeit, gewisse Akkorde zu spielen oder Dinge zu reflektieren, den Leuten etwas mit auf den Weg geben können, ist das natürlich geil. Dieser Song hatte genau diesen Impact: Stehe ich auf der Bühne und mache das eigentlich für mich – oder wofür ist das alles da? Das ist eigentlich unverändert. Traurig, aber leider wahr.“
Hattet ihr bei der Arbeit an „belle époque“ schon zu Beginn des Songwritings das Gefühl, dass dieses Album ein deutlich düstereres Kapitel eurer Bandgeschichte einleiten würde, und gibt es dabei einen roten Faden, dem ihr folgt, um die Platte als zusammenhängendes Gesamtwerk aus einzelnen Kapiteln zu festigen?
David: Wir schreiben keine Konzeptalben, das war noch nie unser Ding. Ich glaube, das können wir gar nicht. Einfach anfangen und schon vorher wissen, wie es am Ende klingt. Bei uns entstehen Songs aus einem bestimmten Mood, aus einem Vibe heraus. Der Großteil beginnt musikalisch. Wir lassen durch Akkorde oder unser Zusammenspiel eine gewisse Stimmung entstehen, in die dann die Textfragmente aus unseren Köpfen wie Regen einfließen. So findet jede Idee nach und nach ihren Platz.
Um auf den roten Faden zurückzukommen: Wenn uns ein Riff oder eine Struktur begeistert, arbeiten wir relativ lange daran, bis daraus ein fertiger Song wird. Es gibt ja Bands, die schreiben 100 Songs, rotzen die runter und nehmen dann die besten zwölf für das Album – das können wir nicht. Wenn wir merken, dass ein Song ein gewisses Gefühl transportiert, feilen wir so lange daran, bis er komplett ist.
Erst wenn die lyrische Idee dazukommt und der Song steht, warten wir ab, ob genügend weiteres Material für ein ganzes Album zusammenkommt. Irgendwann entsteht diese Eigendynamik und wir merken: Ja, das passt. Es fühlt sich für uns gut und neu an, es wird greifbar. Dann schauen wir, welche Zusammensetzung auf dem Album landet, und machen uns Gedanken über den Flow und die Übergänge zwischen den Songs. Aber zu sagen‚ wir fangen jetzt mit Song A an und enden bei Z‘ – das wäre uns zu gescriptet. Bei uns fließen Gefühl, Lyrics und Musik zusammen. Da weißt du am Anfang nie, wo du am Ende ankommst.
Tourleben, besondere Shows und Backstage-Momente
Gibt es ein Konzert in eurer Laufbahn, das euch besonders stark in Erinnerung geblieben ist – im positiven wie im negativen Sinne?
David: Dumm gesagt: Wenn etwas kaputtgeht oder so, ist das immer schwierig. Wir hatten aber das Glück, dass wir in unserer gesamten Historie noch nie ein einziges Konzert absagen mussten, weil wir uns immer durchgebissen haben. Beschissen sind Shows eigentlich nur dann, wenn man persönlich überhaupt nicht fit ist.
Ich erinnere mich an einen Punkt auf der „Funeral for a Friend“-Support-Tour im Hafenklang. Chris war eine komplette Leiche, da ging gar nichts mehr. Er saß im Backstage mit gefühlt sieben Decken über dem Kopf. Aber abzusagen, war keine Option. Das war wohl eine unserer Worst-Case-Shows.
Ausgerechnet an dem Abend war unser jetziges Label, Grand Hotel van Cleef, da. Sie hatten uns zuvor in der Flora gesehen, waren total geflasht von der Show und kamen deshalb mit der ganzen Bagage zu diesem Gig. Unser jetziger Manager erzählte mir später, dass sich das Label nach dem Auftritt gar nicht mehr sicher war, ob sie wirklich mit uns arbeiten wollen, weil die Show so abgrundtief kacke war. Chris stand da einfach nur wie eine bleiche Leiche rum. Das war vom Feeling her eine meiner schlimmsten Shows.

Die besten Shows zu benennen, ist schwer. Eigentlich ist es jedes Mal super, wenn wir da hochgehen. Aber ganz persönlich: Eine der besten Erfahrungen war der direkte Kontrast zwischen Hurricane und Southside 2023. Beim Hurricane hatte ich totale Probleme mit meinem Gitarrensender. Mein Bass fiel ständig aus. Ich war wahnsinnig unzufrieden. Direkt danach bin ich zum Southside gefahren – mit dem Gefühl: Ich will das alles wegspielen.
Dort durften wir plötzlich den Catwalk nutzen, obwohl das eigentlich nicht erlaubt war. Chris und ich sind komplett eskaliert, sind über diesen Steg gerannt und haben eine halbe Stunde lang alles gegeben. Für mich war das die absolute Wiedergutmachung. Mein Fazit: Wenn eine Show schiefläuft, wird die nächste oft umso besser.
Wie müssen wir uns heute Abend die Aftershow-Party nach dem Konzert im Wizemann vorstellen? Wird es ruhig oder eher wild?
David: Es liegt irgendwo dazwischen. Es kommt immer darauf an, wie viele bekannte Leute da sind und wie sehr man sich verquatscht. Wenn alles fertig ist, trinken wir mit der Crew noch etwas zusammen – und aus einem Drink werden dann vielleicht auch mal drei.“
Chris: Ganz so wild, wie man es sich von außen vorstellt, ist es meistens nicht. Aber es ist immer eine gute Zeit, wenn man nachts zusammensitzt, alles verstaut ist und man sich noch mal richtig unterhält. Das ist eigentlich das Schönste.
David: Aber heute wird es vermutlich wild, weil sich viele Leute angekündigt haben. Stuttgart hat einen großen Einzugsbereich. Freunde wie Armin von The Tidal Sleep und Kate Kaputto kommen vorbei. Es ist Freitag – das wird ein sehr fröhlicher Abend. Hopefully!
Vielen Dank an euch beide. Wir sehen uns wieder!
Marc Blessing
Marc ist Webmaster, Chefredakteur und Fotograf des Paranoyd Magazins. Als Spezialist für News, Hausfotograf des LKA Longhorns und IMAGO-Contributor verbindet er tiefgreifende Rock-Expertise mit technischem Know-how. Marc liefert authentische Konzertberichte, professionellen Content sowie pointierte Kolumnen und bildet von Beginn an das journalistische und technische Fundament vom Paranoyd-Magazin.


