ENGST: Zehn Jahre Punkrock zwischen Erfolg und Rückschlägen

ENGST verlängern 10-Jahre-Tour mit neuen Shows

Am 27. Februar 2026 hat die Berliner Punkrock Band ENGST ihr neues Album „Gute Laune“ veröffentlicht. Ganz nebenbei feiert die Band damit auch zehn Jahre Existenz. Ein Jahrzehnt Engst. Für die eigene Community gibt es zur Feier des Tages den Song „Auf die nächsten Zehn“, ein musikalisches Dankeschön an jene Menschen, die seit Jahren vor Bühnen stehen, Bierbecher heben und Texte mitsingen.

Doch wer glaubt, hinter dieser guten Laune stecke eine durchweg entspannte Bandgeschichte, der kennt das Leben einer Punkrockband vermutlich nur von vor der Bühne.

Im Interview spricht Matthias Engst erstaunlich offen über zehn Jahre Bandrealität. Über falsche Versprechungen, über schwarze Schafe im Musikgeschäft und über die eher unspektakuläre Wahrheit hinter dem vermeintlichen Rockstarleben. 

Natürlich bleibt es nicht bei Nostalgie und Rückblick. Es geht auch um eine Frage, die in der Musikszene immer wieder auftaucht, aber erstaunlich oft elegant umschifft wird. Kann eine Band heute noch unpolitisch sein? Matthias Engst hat darauf eine ziemlich klare Antwort. Eine, die vermutlich nicht jedem gefallen wird. Und eine, die deutlich macht, dass Schweigen in manchen Zeiten weniger neutral ist, als manche Bands gern glauben.

Engst: Zehn Jahre Band, viel Schmerz und eine Community, die trägt

Zehn Jahre Bandgeschichte! Das ist eine lange Zeit. Da gibt es sicherlich viele Höhen und Tiefen. Wenn ihr zurückblickt, wie viel habt ihr in diesen Jahren wirklich gestruggelt? Was waren die härtesten Momente, bei denen ihr vielleicht selbst gedacht habt: „Okay, jetzt reicht’s, wir hören auf“?

Matthias: Tatsächlich erlebt jede Band, die schon sehr lange dabei ist, solche Phasen. Wir haben falsche Verträge unterschrieben, uns auf falsche Versprechungen eingelassen, aber das gehört leider dazu. Hinfallen, stolpern, wieder aufstehen und Staub abklopfen. Wir haben Geld verbrannt, uns auf Business-Partner eingelassen, die sich im Nachhinein nicht als gute Wahl herausgestellt haben und das hat uns hier und da auch einiges gekostet. Die Kunst besteht darin, trotzdem weiterzumachen. Ich zitiere da gern meinen Freund Samu Haber von Sunrise Avenue: Er hat mal gesagt: „Es muss wehtun.“

„Es muss wehtun“. Was meint er damit?

Matthias: Er meinte den Moment, in dem alles eigentlich keinen Sinn mehr ergibt. Du steckst Geld rein, dein Privatleben leidet, du bist kaum zu Hause, fährst von Berlin nach Bayern für eine Show, bei der du nur 100 Euro und ein paar Bier bekommst, also rational gesehen ist das alles Quatsch. Da darfst du nicht zu viel nachdenken, du musst einfach weitermachen. Genau an diesem Punkt standen wir auch. Es gab Momente, da dachten wir wirklich, dass wir nicht mehr weitermachen können. Alles drehte sich nur noch um die Band und der Rest blieb zurück. Aber wir haben trotzdem weitergemacht.

Das Geheimnis ist, dass man die Musik sehr lieben muss, und ich sage immer, ich hasse es, dass ich sie so liebe. Diese zehn Jahre haben uns finanziell viel gekostet, auch Beziehungen sind daran zerbrochen, aber wir haben es überlebt.

Ihr habt nicht nur überlebt, sondern könnt auf eine sehr starke Community bauen. Auf eurer neuen Platte ist ja der erste Song quasi ein Dankeschön an die Fans. Wie wichtig ist diese Community für eine Band? Reichen heutzutage ein paar gekaufte Instagram-Follower oder ist das einfach nicht zu ersetzen?

Matthias: Wir sind sehr stolz auf unsere Fanbase und unsere Community. Das betonen wir auch bei jedem Live-Auftritt. Unsere Fans sind unglaublich durchmischt, Alter, Beruf, Musikgeschmack spielen keine Rolle. Vom jungen Punker bis zum älteren Banker, da ist alles dabei. Wir haben treue Fans, die uns hinterherreisen und viel investieren, um bei unseren Shows dabei zu sein. Außerdem gibt es unsere Fan-Crew, die vor Jahren mit fünf bis zehn Leuten angefangen hat und mittlerweile groß gewachsen ist, deutschland- und österreichweit vernetzt ist und die Shows eigenständig aufwertet.

Sie bringen Luftballons mit, sorgen für eine großartige Stimmung und das alles ohne, dass wir eingreifen müssen. Unsere Shows sind auch immer sehr friedlich. In zehn Jahren gab es nur zwei Zwischenfälle, die sofort geklärt wurden. Keine Schlägereien, kein Stress. Eine Fan-Show fühlt sich dadurch fast wie ein Safe Space an und darauf sind wir unglaublich stolz. Mit dem Song „Auf die nächsten Zehn“ wollten wir den Fans einfach Danke sagen. Es ist kein Song für uns, sondern wirklich für die Menschen, die seit zehn Jahren an unserer Seite sind.

Du hast vorhin schon kurz die falschen Entscheidungen und schlechten Verträge angesprochen. Ich würde da gern noch einmal genauer nachhaken. Wie viele „schwarze Schafe“ gibt es in der Musikbranche? Geht es mehr um Leute, die einem Dinge versprechen, oder eher um solche, die wirklich helfen wollen, aber nicht können, obwohl sie das vielleicht denken?

Matthias: Das kann man so pauschal gar nicht beantworten. Aus meiner Erfahrung würde ich sagen, es ist ungefähr Hälfte-Hälfte. Es gibt viele richtig gute Leute, aber eben auch viele schwarze Schafe. Das eigentliche Problem ist eher, ob das „Produkt“, also Künstler, Band oder Künstlerin, zum Management, zum Label und zum Booking passt. Manchmal kann ein Manager bei einer Band total scheitern, weil er den Zugang oder die Musik nicht versteht, während er für eine andere Band perfekt wäre. Große Versprechungen haben wir in zehn Jahren aber unzählige gehört.

Gab es konkrete Erfahrungen bei dir, die das besonders verdeutlicht haben?

Matthias: Ja, ich hatte meinen ersten richtigen Einblick in die Szene, noch bevor die Band gegründet wurde. Ich habe damals an einer ProSieben-Show teilgenommen, weil ich Geld für ein Bandprojekt brauchte. Ich habe zuerst einen Deal abgelehnt, dann kam ein lukrativeres Angebot, und ich dachte: „Scheiß drauf, mach ich.“ Am Ende habe ich drei Monate in Barcelona verbracht, war eigentlich jeden Tag betrunken und habe die Show trotzdem gewonnen. Es war die verrückteste Zeit meines Lebens. Ich habe dort auch coole Leute getroffen, zum Beispiel Wes Borland und bekam einen ersten Einblick in das Mainstream-Musikbusiness und vor allem, wie viele Leute einem falsche Hoffnungen machen.

Klingt nach einer intensiven Erfahrung. Gab es da auch tragische Beispiele, die dich geprägt haben?

Matthias: Absolut. Ich habe damals einen unglaublich talentierten Gitarristen kennengelernt. Er war hochintelligent, extrem begabt, vielleicht auch ein bisschen autistisch veranlagt. Er war in dieser TV-Show erfolgreich, alles schien perfekt, und dann, ein halbes Jahr später, hat das niemanden mehr interessiert. Er spielte wieder vor fünf Leuten in Jugendzentren, musste Regale einräumen und innerhalb von zwei Jahren ist er völlig abgestürzt. Er wurde abhängig von Heroin, weil die Träume, die ihm versprochen wurden, geplatzt sind. Das war eine harte Lektion für mich, wie gefährlich falsche Versprechungen sein können.

Das klingt sehr brutal, gerade für junge Künstler.

Matthias: Genau. Gerade junge Künstler fallen oft auf falsches Management oder Labels herein, weil es nur um Zahlen geht. Sie werden gepusht, ständig angetrieben: „Du musst das machen, du musst das machen“. Und am Ende bleibt kaum etwas für sie selbst übrig. Sie sind ausgebrannt, mental am Ende, und die sogenannten Freunde sind nur da, solange die Zahlen stimmen. Sobald die Erfolge ausbleiben, bist du schnell weg vom Fenster.

ENGST: Zehn Jahre Punkrock zwischen Erfolg und Rückschlägen
Matthias Engst © Tine Blessing

Engst: Band als Produkt, Druck und klare politische Haltung

Du hast vorhin etwas sehr Interessantes gesagt, was man von vielen Bands nicht so häufig hört: Du hast das Wort „Produkt“ im Zusammenhang mit einer Band verwendet. Viele weigern sich ja, das so zu sehen. Sie sehen sich eher als Hauptbestandteil des Kuchens. Du hast es direkt ausgesprochen. Wenn die Band oder der Künstler nur das Produkt ist, kann der Druck doch enorm sein, oder?

Matthias: Absolut, absolut. Das ist tatsächlich der größte Punkt, an dem viele Künstlerinnen und Künstler strugglen. Die Musik und das ganze Konstrukt sind ein Produkt und das meine ich überhaupt nicht negativ. Man arbeitet für etwas, man kreiert etwas und es ist nicht nur das Schreiben und Aufnehmen von Musik. Es ist auch das Bühnenbild, der Merchandise, das ganze Live-Geschäft, das Booking, all das gehört dazu. Der Struggle entsteht dadurch, dass du deine Lebenszeit investierst. Lebenszeit ist unbezahlbar und man gibt sie für die Band und das Projekt her. Wenn am Ende aber kein Einkommen steht, dann ist das hart. Das kann einen psychisch kaputtmachen.

Viele Menschen da draußen haben da wahrscheinlich ein völlig falsches Bild.

Matthias: Genau. Viele Konsumenten denken: „Ah, die spielen eine ausverkaufte Halle, sind Rockstars, alles cool.“ Aber in Wahrheit lebst du vielleicht in einer kleinen Wohnung, machst deinen Teilzeitjob und musst trotzdem funktionieren. Selbst wenn du eine große Halle ausverkaufst, bist du noch lange kein gemachter Mann. Du musst permanent liefern und das ist psychisch extrem belastend. Wenn eine Platte sich gar nicht verkauft, Touren komplett floppen oder plötzlich das Publikum kein Interesse mehr hat, kann das eine Band komplett ruinieren. Du hast Kosten für Nightliner, Techniker, Booking und läuft das gegen die Wand, entsteht enormer Druck.

Das betrifft vor allem auch die Gesangsfraktion, oder? Du bist selbst Sänger. Man muss auf seine Stimme achten und hoffen, dass man nicht krank wird. So stelle ich mir das zumindest vor.

Matthias: Ja, genau. Sängerinnen und Sänger hängen stark an ihrer Gesundheit. Die psychische Belastung und die mentalen Herausforderungen sind enorm. Wenn du krank wirst oder Shows absagen musst, hängt sofort alles dran, also Existenzen, Verträge, Tourpläne. Ein aktuelles Beispiel: Freunde von mir bei Guano Apes haben vor zwei Jahren eine Tour angekündigt, wirklich ausverkauft. Sandra Nasic wurde krank, musste absagen, die Tour wurde wieder angekündigt, noch größer und erneut abgesagt. So etwas kann einen komplett fertigmachen. Ich könnte wahrscheinlich ruhiger schlafen, wenn ich einen anderen Job hätte. (lacht)

Was würdest du einer jungen Band mit auf den Weg geben? Ich meine so 16, 17 Jahre alt, spielen noch in der Garage, erste Gigs laufen irgendwo in der Provinz, aber sie träumen schon davon, die großen Bühnen zu bespielen.

Matthias: Da bin ich zwiespältig. Der Musiker in mir, ich war selbst ein chaotischer Teenie und habe früh alles auf eine Karte gesetzt, Abitur abgebrochen, Ausbildung verworfen, also der würde sagen: „No risk, no fun.“ Lebenszeit ist begrenzt, wir wissen nicht, wie lange wir hier alle sind. Wenn du jung bist, solltest du deine Träume ausleben. In dem Alter ist das Netz und der doppelte Boden noch ein bisschen weicher. Wenn du alles auf eine Karte setzt und sagst: „Okay, ich will Vollgas geben“, dann mach das. Abitur oder Ausbildung kannst du später nachholen.

Und der Sozialarbeiter in dir?

Matthias: Der würde sagen: Versuche, solange es geht, einen zweiten Weg zu haben. Ein Plan B ist nie verkehrt. Aber ich muss auch sagen: Es wäre geheuchelt, wenn ich meinem Sohn oder meiner Tochter das so raten würde, weil ich es selbst anders gemacht habe.

Also ein sehr ehrlicher Zwiespalt.

Matthias: Genau. Was ich auf jeden Fall jungen Bands mitgeben würde: Achtet von Anfang an auf euch selbst und seid ehrlich zueinander. Seid euch bewusst, ob die Träume jedes Bandmitglieds wirklich übereinstimmen. Viele zerbrechen daran. Einer ist total ambitioniert, will Erfolg, der andere will einfach ein bisschen Musik machen, Zeit mit Freunden und Freundin genießen. Wenn dann plötzlich Plattenvertrag oder Tour kommt, merkt man schnell, dass nicht alle den gleichen Weg gehen wollen.

Das klingt fast wie in einer normalen Beziehung.

Matthias: Absolut. Eine Band ist wie eine Beziehung. Du musst auf die Belange der anderen eingehen. Eifersucht, Wertschätzung, Konflikte, das sind alles Themen, die in Bands genauso auftreten. Es ist ein ständiges Verhandeln.

Dann komme ich zur letzten, aber sehr wichtigen Frage: Gerade in einem Interview mit jemandem aus dem Punk-Bereich ist es unumgänglich, nachzufragen. Findest du es wichtig, dass sich Bands heute politisch positionieren? Oder ist es okay zu sagen: „Wir sind keine politische Band, wir möchten uns da raushalten“?

Matthias: Ich sage immer wieder auf unseren Live-Shows: Im Jahr 2026 kannst du nicht unpolitisch sein. Du kannst nicht einfach stillschweigend die Wölfe hantieren lassen, egal ob in Deutschland oder global. Sobald du eine Stimme hast, die gehört wird, sobald du auf einer Bühne stehst, bist du automatisch politisch. Das heißt nicht, dass man überall mit erhobenem Zeigefinger auftreten muss. Aber es gibt gewisse gesellschaftliche Parameter, die klar sein müssen. Wer sagt, er könne sich nicht äußern zu Themen wie Intoleranz, Rassismus oder Faschismus, der nickt dem stillschweigend zu. Das funktioniert für uns nicht.

Bedeutet das, dass jemand, der diese Haltung nicht teilt, bei euch an der falschen Adresse ist?

Matthias: Absolut. Ich habe ein riesiges Problem damit, dass viele Bands gute Musik machen, sich aber aus dem politischen Kosmos raushalten, weil sie Angst haben, Hörerschaften zu verlieren. Damit machst du dich schuldig.

Vielen Dank Matthias. Wir sehen uns wieder.

Mehr zur Band Engst findet ihr in den Socials.

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Mia Lada-Klein

Mia ist Redakteurin beim Paranoyd Magazin. Als absolute Spezialistin für Interviews und Reviews verbindet sie ihr Literaturstudium mit ihrer Leidenschaft für das geschriebene Wort. Mia blickt auf eine langjährige Zusammenarbeit mit diversen Magazinen zurück und ist ein wahrer Interview-Profi, der fundiertes Fachwissen mit authentischen Einblicken in die Musikszene vereint.

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