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Doppelbock: Vom Getränkemarkt in die Gesellschaftskritik

Doppelbock: Vom Getränkemarkt in die Gesellschaftskritik

Doppelbock. Das ist diese Band, bei der man sich nie ganz sicher ist, ob sie gerade dich oder sich selbst auf die Schippe nimmt. Mit Songtiteln wie „Lecka Bierchen“ oder „König vom Getränkemarkt“, einem beherzt schunkelnden Akkordeon und einem latent irisch angehauchten Kneipen-Vibe irgendwo zwischen Dorfplatz und Dropkick Murphys, scheint die Sache klar: Hier regiert die gute Laune. Bier hoch, Kopf aus. Könnte man meinen.

Denn ja, Doppelbock liefern den Soundtrack fürs Mitwippen, fürs kollektive Grölen mit leicht schiefem Lächeln. Aber wer nur bis zum Refrain hört, verpasst das Entscheidende. Zwischen Tresenromantik und Feierabend-Hymne lauern sie nämlich: die spitzen Bemerkungen, die kleinen Gemeinheiten, diese Sätze, die erst harmlos klingen und dann doch erstaunlich präzise treffen. Subtile Gesellschaftskritik, verpackt in Kneipenpoesie.

Am 12. Dezember erschien ihre Single „Späti“ und plötzlich wurde es fast politisch. Fast. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, eher mit hochgezogener Augenbraue. Durch die Blume, charmant getarnt, aber deutlich tiefgründiger, als der Titel zunächst vermuten lässt.

Dabei betont die Band selbst gern, sie mache „eigentlich keine politische Musik“. Eine dieser Aussagen, die man stehen lassen kann oder hinterfragen sollte. Wie also passt „Späti“ ins Selbstbild der augenzwinkernden Bier-Barden?

Im Gespräch mit Bruno, Daniel und Marco geht es genau darum: um die neue Single, um Haltung ohne Parolen, um politische Missverständnisse, um eine Vergangenheit, die einem manchmal hartnäckiger folgt als der eigene Schatten. Außerdem sprechen sie über DIY im Musikgeschäft, über Künstliche Intelligenz und darüber, warum echte Live-Musik trotz allem unersetzlich bleibt.

Doppelbock: Vom Getränkemarkt in die Gesellschaftskritik © tine blessing
DOPPELBOCK Live – © Tine Blessing

Doppelbock zwischen Reality-TV und Späti

Mitte Februar startet ja wieder „Promis unter Palmen“. Freut ihr euch schon?

Daniel: (lacht) Ich muss ja zu meiner Schande gestehen, dass ich da mittlerweile tatsächlich ein bisschen drin stecke in diesen Reality-Formaten.

Das überrascht jetzt ein bisschen. Deswegen gehe ich einfach zur nächsten Frage über, ohne näher darauf einzugehen. Euer Song „Späti“ ist ja doch ein Stück weit politischer als das, was man bisher von euch kennt. War das eine bewusste Entscheidung?

Bruno: Eigentlich nicht. Es war jetzt nicht so, dass wir gesagt haben: „Wir brauchen unbedingt einen politischen Song.“ Das ist nicht aus irgendeinem Druck heraus entstanden, sondern eher ganz natürlich.

Woher kam dann diese Richtung?

Bruno: Wenn ich ein paar Jahre zurückdenke, ohne jetzt dieses typische „früher war alles besser“ zu bedienen, fühlt es sich schon so an, als wäre alles intensiver geworden. Die Nachrichten sind krasser, die Eindrücke heftiger. Es ist nicht mehr nur ein einzelner Konflikt irgendwo, sondern gefühlt brennt es überall. Und wenn gerade kein Krieg ist, dann ist es irgendeine andere Krise.

Und das hat sich dann im Song niedergeschlagen?

Bruno: Es war irgendwann einfach so viel, dass man das auf irgendeine Art verarbeiten musste. Und bei uns passiert das eben oft über Musik. Aber dass daraus am Ende ein eher politischer Song geworden ist, war eher Zufall.

Trotzdem steht ja bei Bands mit Reichweite oft die Frage im Raum, ob man nicht auch eine gewisse Verantwortung hat, sich zu äußern. Seht ihr das so?

Bruno: Ehrlich gesagt haben wir uns darüber nie wirklich Gedanken gemacht. Klar, dieser Gedanke steht immer mal im Raum, aber wir haben nie bewusst gesagt: „Wir müssen jetzt Stellung beziehen.“

Sondern?

Daniel: Sondern es geht eher um Themen, die uns selbst gerade stark beschäftigen. Und damit sind wir ja nicht allein. Gerade die junge Generation muss sich zwangsläufig sehr viel mit solchen Themen auseinandersetzen.

Ihr wollt also keine politischen Parolen raushauen?

Daniel: Genau. Wir sind keine fünfzigjährigen Rocker, die irgendwo am Späti stehen und Statements rausbrüllen. Unser Ziel ist es eher, Songs zu schreiben, die Dinge behandeln, die uns wirklich durch den Kopf gehen, ohne das übermäßig künstlerisch oder verkopft aufzublasen.

Es geht also um ehrliche Verarbeitung?

Daniel: Ja. Es sind einfach Gedanken, Gefühle, Eindrücke aus dem Alltag. Und manchmal sind das politische Themen, manchmal auch ganz andere Sachen. Das ergibt sich dann einfach.

Politik ohne Parolen: Wie viel Haltung braucht eine Band?

Man muss aber auch erwähnen, dass der Song bewusst Raum für Interpretation lässt? Man kann vieles reinlesen, aber es ist nicht eins zu eins auf euch übertragbar. Genau das finde ich eigentlich ganz spannend daran. Und das ist ein Merkmal, dass ihr in vielen Songs habt. In euren Songs habt ihr oft eine gewisse Distanz. Das kann man natürlich auch kritisch sehen, man könnte sagen, ihr positioniert euch bewusst nicht klar. Andererseits streift ihr die Themen, ohne euch durch eine eindeutige Positionierung angreifbar zu machen. Ist das eine Strategie?

Bruno: Ich würde sagen, das ist mittlerweile fast egal geworden. Tatsächlich ist es heute oft sogar gefährlicher, sich nicht klar zu positionieren. Gerade weil viele Dinge einfach nicht mehr verstanden werden.

Inwiefern?

Bruno: Satire zum Beispiel oder überspitzte Darstellungen funktionieren kaum noch. Wenn man versucht, Rollen darzustellen oder etwas bewusst überzeichnet, wie wir das im Song machen, wird das schnell eins zu eins als persönliche Meinung gelesen. Dann heißt es sofort: „Okay, das seid ihr, das denkt ihr wirklich.“

Es fehlt also die Differenzierung?

Bruno: Komplett. Viele nehmen inzwischen alles für bare Münze. Vielleicht ist das jetzt etwas hart formuliert, aber es kommt wirklich vor, dass Leute gar nicht mehr erkennen, was wie gemeint ist.

Dann würdet ihr also sagen, ihr seid gar nicht besonders vorsichtig unterwegs?

Bruno: Ich glaube nicht, dass wir einen besonders sicheren oder bequemen Weg gewählt haben. Eher im Gegenteil.

Es gibt bestimmte Genres oder Bands, bei denen häufig kritisiert wird, sie würden sich nicht eindeutig genug positionieren, was ihnen schnell zum Vorwurf gemacht wird. Gleichzeitig gibt es aber auch viele Bands, die sich vor Jahren sehr klar positioniert haben und später davon wieder abgerückt sind oder ihre Haltung verändert haben. Auch das gehört ja zur Realität. Ihr selbst habt ja auch eine längere Geschichte. Es gibt bestimmt Auftritte aus eurer Anfangszeit, also vielleicht als sehr junge Band, vielleicht im Borat-Kostüm oder mit provokanten Aktionen, von denen heute noch Videos etc. existieren. Wie geht man als Band damit um, wenn so etwas später zum Referenzpunkt wird, obwohl man sich als Mensch oder als Band längst weiterentwickelt hat?

Bruno: Ich finde, der einzig sinnvolle Weg ist, offen damit umzugehen. Zu sagen: Ja, das waren wir damals und ja, wir haben uns verändert.

Also keine Verdrängung?

Bruno: Nein. Man unterschätzt oft, wie schnell sich Zeiten ändern. Man schaut heute mit einem ganz anderen Blick auf Dinge von früher. Dieses damalige Zeitgefühl fehlt einem komplett und dadurch bewertet man vieles automatisch anders.

Bedeutet das, man sollte frühere Entscheidungen kritisch hinterfragen?

Bruno: Auf jeden Fall. Wir verändern uns alle, wir reifen, also im besten Fall und entwickeln uns weiter. Und dann gehört es dazu, das eigene frühere Verhalten zu reflektieren: Was habe ich damals gemacht? Was würde ich heute anders machen?

Auch wenn man es nicht mehr rückgängig machen kann?

Bruno: Genau. Man kann es nicht ändern, aber man kann daraus lernen. Es geht nicht darum, sich für alles zu schämen oder zu sagen, dass früher alles falsch war. Sondern ehrlich zurückzuschauen und daraus Konsequenzen für das eigene heutige Handeln zu ziehen. Sonst tritt man auf der Stelle. Wenn man alles wiederholt, wird es langweilig, man macht sogar die gleichen Fehler erneut und entwickelt sich nicht weiter. Und das kann ja nicht der Anspruch sein.

Doppelbock: Vom Getränkemarkt in die Gesellschaftskritik © tine blessing
DOPPELBOCK Live – © Tine Blessing

Stillstand oder Stil? Doppelbock und die Angst vor dem eigenen Muster

Ihr sagt selbst, dass ihr noch nicht genau wisst, wo euer Sound langfristig hingeht und dass ihr euch das bewusst offenlasst. Ab welchem Punkt würde sich für euch Wiederholung wie Stillstand anfühlen? Wann würdet ihr merken: Okay, jetzt müssen wir da raus?

Marco: Uns kommt es tatsächlich jetzt schon manchmal so vor, als würden unsere Songs sich ähneln. Diese Diskussion haben wir intern ziemlich oft. Dann sagen wir: „Jeder Song klingt gleich“ und versuchen ganz bewusst, Dinge wieder zu verändern.

Ist das eher ein Gefühl oder eine musikalische Analyse?

Bruno: Ja, es kommt stark darauf an, aus welcher Perspektive man draufschaut. Aus musikalischer Sicht fallen einem natürlich viele Ähnlichkeiten auf, weil man extrem auf Details achtet. Dinge, die ein normaler Hörer wahrscheinlich gar nicht wahrnimmt.

Zum Beispiel?

Bruno: Wenn man sagt: „Das Lied ist schon wieder in der gleichen Tonart.“ Beim normalen Hören fällt das ja kaum auf. Diese Gedanken entstehen eher bei uns selbst während des Schreibens.

Wann würde es dann für euch kritisch werden?

Bruno: Mich würde es stören, wenn sich das Gefühl auf das Publikum überträgt. Also wenn man plötzlich nur noch auf eine Sache reduziert wird, wenn man nur noch für eine bestimmte Art von Song bekannt ist. Wenn man merkt, man wird zu so einer Band, die im Grunde immer wieder das gleiche Lied schreibt, nur in leicht anderer Verpackung.

Woran würdet ihr das konkret festmachen?

Bruno: An Konzerten zum Beispiel. Wenn wir merken würden, dass wir 70 Minuten spielen und die Leute eigentlich nur bei drei Liedern wirklich dabei sind und diese drei Lieder klingen auch noch alle gleich, dann wäre für mich der Punkt erreicht, an dem ich sagen würde: Okay, jetzt sind wir festgefahren.

Aktuell scheint das aber nicht der Fall zu sein?

Bruno: Nein, überhaupt nicht. Unsere Setlists sind extrem divers. Da gibt es Songs wie „Dackel“, dann Nummern wie „Getränkemarkt“, dann fast schon folkige Sachen. Kein Irish Folk, sondern eher deutschsprachiger Folk-Punk. Und trotzdem funktionieren all diese Lieder live gleich gut. Die Leute singen unterschiedliche Songs mit und genau das ist ein gutes Zeichen.

Marco: Unser Produzent sagt das auch immer ganz treffend: Wir hatten noch nicht diesen einen Song, der für die Band steht. Und solange man den nicht hatte, weiß man auch gar nicht, wie sich das anfühlt. Wenn man diesen Hit einmal hat, steht man plötzlich vor einer Entscheidung: Macht man jetzt einfach dauerhaft genau das, weil es funktioniert? Oder sagt man trotzdem: Ich probiere weiter rum, auch auf die Gefahr hin, dass es weniger erfolgreich ist.

Also Anpassung versus Weiterentwicklung?

Bruno: Genau. Bleibt man sich treu und sagt: Ja, das war ein Song von uns, es wird auch wieder so einen geben, aber ich fülle jetzt nicht die nächsten drei Alben mit genau dieser einen Idee. Es gibt genug Bands, bei denen man genau das beobachten kann.

Am Ende hängt das vermutlich auch davon ab, wie kommerziell man das Ganze betrachten möchte, oder? Wenn das Ziel ist, davon zu leben und ein gutes Einkommen zu haben, dann ist das eine legitime Entscheidung, zu wiederholen, was funktioniert. Aber ihr seid halt auch Künstler. Und da sträubt sich innerlich sicher etwas dagegen, Musik nur noch nach wirtschaftlichen Kriterien zu machen. Die Frage wäre dann, ob dabei nicht etwas verloren geht. Ob der kreative Kern dabei irgendwann stirbt, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Ihr seid gerade aber auch irgendwo dazwischen. Habt ihr manchmal so etwas wie Erfolgsangst? Also die Angst davor, was passiert, wenn ihr plötzlich richtig durch die Decke geht?

Daniel: Ehrlich gesagt habe ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht. 

Bruno: Ich glaube nicht, dass wir schon an dem Punkt sind, an dem man sich solche Fragen stellen muss. Weil wir auch nicht die klassische „Ein-Song-Band“ sind. Ich glaube einfach nicht, dass wir eine Band sind, die mit einer Nummer plötzlich explodiert. Das gibt unser Genre auch nicht wirklich her.  Bei eurer Musik läuft der Weg eher schrittweise. Man spielt sich hoch. Bekanntheit kommt langsam. Es ist nichts, was schlagartig passiert. Und vielleicht haben wir deshalb auch keine Angst davor oder denken einfach nicht darüber nach.

Vielleicht auch ein ganz gesunder Ansatz.

Bruno: Ich persönlich hätte jedenfalls aktuell keine Angst davor. Vielleicht auch genau deshalb, weil es noch so weit weg wirkt.

Zwischen Unabhängigkeit und Algorithmus: Wer bestimmt heute den Erfolg?

Dann will ich euch da auch keine Flöhe ins Ohr setzen und werfe stattdessen einfach mal einen Gedanken in den Raum. Als Musiker bringt ihr die Ideen ein, aber gleichzeitig seid ihr Teil eines riesigen Apparats. Musikbusiness, Social Media, Algorithmen, Menschen, die euch bewerten, ohne euch zu kennen. Fühlt ihr euch da manchmal wie das kleinste Rad im Getriebe? Wie viel Kontrolle habt ihr eigentlich überhaupt noch über eure eigene Musik?

Bruno: Ehrlich gesagt: gerade so viel wie schon lange nicht mehr. Am Anfang, als wir noch ganz klein waren und sich kaum jemand für uns interessiert hat, haben wir natürlich alles selbst gemacht. Und jetzt sind wir im Grunde wieder an einem ähnlichen Punkt, allerdings aus einer bewussten Entscheidung heraus.

Inwiefern bewusst?

Bruno: Wir haben kein Management mehr, kein Label mehr. Wir machen wieder alles selbst. Das haben wir aktiv so entschieden, weil wir alles selbst bestimmen wollten. Die Aufgaben sind innerhalb der Band gut verteilt und dadurch haben wir das Gefühl, sehr viel Kontrolle zu haben.

Klingt nach maximaler Unabhängigkeit.

Bruno: Ja, aber mit Einschränkungen. Am Ende kannst du noch so gute Musik machen, wenn du einen Song auf Spotify hochlädst und ihn pitcht, sitzt dort trotzdem jemand, der entscheidet: Kommt die Band in eine Playlist oder nicht? Das liegt nicht mehr in unserer Hand.

Das heißt, trotz Eigenständigkeit gibt es klare Grenzen?

Bruno: Die Leute, oder besser gesagt: die Systeme und die Menschen dahinter entscheiden letztlich, was gehört wird. Klar, manchmal hat man Glück mit einem viralen Social-Media-Moment. Aber grundsätzlich bestimmen diese Strukturen, was sichtbar wird.

Das klingt ziemlich machtvoll.

Bruno: Ist es auch. Streamingdienste sind extrem übermächtig geworden. Wenn man darüber nachdenkt, ist das schon ein bisschen gruselig. Aber wir können nur das Beste geben, was wir haben und das liegt komplett bei uns.

Gibt es trotzdem Stellschrauben, an denen ihr drehen könnt?

Daniel: Auf jeden Fall: Live spielen. Das ist ein riesiger Faktor. Man merkt total, dass man je nach Festival oder Konzert neue Follower bekommt, auch auf Spotify. Gerade über Festivals rutscht man dann in Playlists, erreicht die richtige Zielgruppe und platziert sich besser. Live-Konzerte haben enormen Einfluss.

Also doch mehr Kontrolle, als man denkt?

Daniel: Ja. Wahrscheinlich haben wir aktuell sogar mehr Einfluss als je zuvor, allein durch die vielen Konzerte, die wir dieses Jahr spielen.

Lass uns noch mal konkret über Spotify sprechen. Björk hat in einem Spiegel-Interview gesagt, Spotify sei das Schlimmste für Künstler. Herbert Grönemeyer hat sich kürzlich ebenfalls kritisch geäußert. Wie seht ihr das?

Bruno: Es war noch nie so einfach, Musik zu veröffentlichen und an die Leute zu bringen. Und genau da liegt auch das Problem. Es war noch nie so einfach, also kann es jetzt auch jeder machen. Der Markt ist komplett überflutet. Der größte Vorteil ist gleichzeitig der größte Nachteil.

Früher war das anders?

Marco: Früher war es schon ein Erfolg, überhaupt eine Platte aufnehmen zu dürfen. Wenn du das geschafft hast, warst du eigentlich schon „durch“. 

Bruno: Und dann kam noch Presse, Vertrieb, Labelarbeit dazu.

Das Label hatte also eine ganz andere Rolle?

Band: Das Label war entscheidend, um Musik überhaupt zu verbreiten. Heute stellt sich die Frage: Wofür brauche ich noch ein Label, wenn es mir keine großen Kampagnen auf Spotify ermöglicht, was kaum noch jemand wirklich macht. Gleichzeitig wird der Markt immer voller. In den letzten Jahren laden zusätzlich immer mehr Leute KI-generierte Songs hoch. Das ist kaum reguliert. Die Masse an Musik ist absurd.

Man verliert leicht den Überblick.

Bruno: An einem einzigen Tag wird heute so viel Musik hochgeladen. Da noch herauszustechen, ist extrem schwer. Und dann kommt noch der Veröffentlichungsdruck dazu. Man steht ständig unter dem Zwang, regelmäßig etwas rauszubringen. Am besten jeden Monat. Früher haben Bands alle zwei oder drei Jahre ein Album veröffentlicht. Heute wirkt das fast undenkbar.

Alles ist schneller geworden.

Bruno: Viel schneller. Mehr Output, weniger Zeit. Man muss ständig liefern.

Daniel: Und das macht es unglaublich anstrengend. Man muss den Algorithmus „am Laufen halten“.

Ich muss aber gestehen, ich verteufle die ganze KI-Sache gar nicht so sehr. Ich finde es aber wichtig, dass man KI als KI angibt. Ob bei Musik, bei Text oder Foto. Es gibt inzwischen aber auch KI-Musik, die wirklich gut ist. 

Marco: Ich habe heute auch erst wieder einen Song gehört, bei dem ich es nicht mehr erkannt hätte. Also wirklich gar nicht.

Die Grenze ist kaum noch hörbar, oder?

Bruno: Das liegt aber auch daran, dass KI nichts komplett Neues erfindet. Im Grunde ist es eine riesige Datenbank, die vorhandenes Material neu zusammensetzt. Da entsteht nichts „Intelligentes“ im menschlichen Sinne, es wird Bekanntes neu kombiniert.

Also eher Rekombination als Kreativität?

Bruno: Genau. Das, was da passiert, gab es so ähnlich schon immer, nur eben jetzt in einer anderen Dimension. Und ich finde auch, dieses pauschale Verteufeln bringt nichts. Das ist ein bisschen wie zu sagen: „Ich spiele nur Röhrenamps, ich nehme nur auf Band auf, digital kommt mir nicht ins Haus.“

Nostalgie als Abwehrreaktion?

Bruno: Ja. Kann man machen, vielleicht funktioniert das noch fünf oder zehn Jahre. Aber irgendwann ist einfach Schluss. Egal, wie man KI bewertet, sie ist Realität. Und wenn man sie komplett ablehnt, wird man irgendwann abgehängt.

Gleichzeitig hast du auch vorhin gesagt, alles wird schneller, überfüllter, unübersichtlicher. Was ja absolut stimmt. Mit KI wird das aber noch mehr werden. Billy Corgan von den Smashing Pumpkins hat in einem Interview mit der „Zeit” gesagt, dass es immer weniger handgemachte Musik geben wird, vor allem im Rock. Dass Hip-Hop und Pop dominieren, Rock verschwindet, Live-Clubs schließen, Bands weniger werden und irgendwann Avatare auf der Bühne stehen. Der Musiker als Auslaufmodell. Was haltet ihr von dieser Theorie?

Bruno: Beim Thema Live-Musik wäre ich vorsichtig. Das sehe ich aktuell noch nicht so drastisch. Zukunftsvisionen sind immer schwierig, oft passiert dann genau das Gegenteil von dem, was man vorhersagt.

Aber gewisse Tendenzen gibt es ja schon. Avatare, virtuelle Acts, Coverbands mit digitalen Elementen, das existiert alles. Und ja, selbst The Simpsons haben sowas schon vorhergesagt. Und wenn die das sagen, wird’s bekanntlich oft Realität.

Marco: Ich finde, man kann die Entwicklung heute kaum noch vorhersagen. Spätestens mit KI ist alles komplett offen. Niemand weiß wirklich, was da noch kommt.

Daniel: Trotzdem sind große Festivals nach wie vor extrem erfolgreich. Wacken Open Air ist jedes Jahr ausverkauft, andere große Festivals auch. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass Live-Musik komplett stirbt.

Also kein vollständiger Ersatz durch KI-Acts?

Bruno: Aktuell nicht. Klar, es gibt mächtige Player in der Musikindustrie, die theoretisch Trends durchdrücken könnten. Wenn große Unternehmen beschließen würden, Avatare massiv zu pushen, dann hätte das Einfluss.

Aber?

Bruno: Aber solange mit echten Live-Events so viel Geld verdient wird, sehe ich nicht, dass das einfach verschwindet. Bei kleinen Clubs ist das anders, da sieht man ja schon, dass es immer weniger werden. Aber da stehen eben auch keine riesigen Konzerne dahinter.

Kommen wir abschließend noch einmal zu einem Punkt: Eure Tour mit dArtagnan ab Oktober. Bereitet ihr euch darauf eigentlich vor? Gibt es da einen Plan in Richtung Sport oder Ernährung? Kein Alkohol, kein Kaffee, nur Obst und Gemüse?

Bruno: Jeder geht das ein bisschen für sich an. Solange die Leistung auf der Bühne stimmt, ist alles okay. Einige trainieren mehr, andere weniger, aber jeder weiß, was er leisten muss.

Vielen Dank euch für eure Zeit. Ich bin mir ganz sicher wir sehen uns wieder.

Ein weiteres Interview mit Doppelbock findet ihr auf der Webseite von Mia Lada-Klein.

Mehr zur Band Doppelbock findet ihr in den Socials:

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Mia Lada-Klein

Mia ist Redakteurin beim Paranoyd Magazin. Als absolute Spezialistin für Interviews und Reviews verbindet sie ihr Literaturstudium mit ihrer Leidenschaft für das geschriebene Wort. Mia blickt auf eine langjährige Zusammenarbeit mit diversen Magazinen zurück und ist ein wahrer Interview-Profi, der fundiertes Fachwissen mit authentischen Einblicken in die Musikszene vereint.

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