Dan Ganove im Interview: Der allerletzte Punk und die ungeschminkte Wahrheit

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Dan Ganove präsentiert sein Album „Sexunfall“ und nennt sich selbst den „Allerletzten Punk“. Ein bisschen Humor schwingt also mit, aber wer glaubt, hier gibt es nur flache Witze am Rande, irrt gewaltig. Dan Ganove zeigt im Interview, dass hinter der großen Fresse eine verletzliche Seite steckt: Er spricht über unschöne Erfahrungen, den Tod seiner Mutter und eine politisch aufgeladene Zeit, die kaum Platz für Naivität lässt. Wer denkt, der Mann kann nur Spaß, bekommt hier eindrucksvoll die echte, ungeschmikte Wahrheit serviert.

Dan Ganove zwischen Klamauk und Tiefgang

Dein Album bewegt sich für mich zwischen Klamauk und Gesellschaftskritik. Da sind humorvolle Momente, du betonst durchaus auch mal deine anatomischen Vorzüge, gleichzeitig gibt es Songs wie „Eiszeit“ und gegen Ende wird es mit „The Clash“ deutlich emotionaler. Trifft diese Mischung deine Intention?

Dan: Ja, das trifft es eigentlich ganz gut. Natürlich sind da Spaßsongs drauf, zum Beispiel „Popelwand“. Aber im Grunde verarbeite ich auf dem Album persönliche Erlebnisse und Erfahrungen. Wirklich vom ersten bis zum letzten Song. Ursprünglich hatte ich ein Konzeptalbum geplant, das inhaltlich komplett durchdacht war und im Prinzip auch fertig in der Schublade liegt, nur noch nicht aufgenommen. Dann ist meine Mama gestorben. Dadurch konnte ich dieses Konzept nicht mehr so umsetzen, wie ich es vorhatte. Ich musste erst einmal die letzten Jahre für mich verarbeiten. Und so ist dann „Sexunfall“ entstanden.

Der Titel ist auf jeden Fall markant. Was mir auffiel: Es ist weniger punkig als vielleicht erwartet, dafür sehr eingängig. Viele Refrains bleiben sofort hängen. Die Produktion wirkt solide, aber nicht glattpoliert. War diese Mischung aus Ohrwurmpotenzial und leichter Unperfektheit bewusst gesetzt?

Dan: Vielen Dank erst einmal für das Feedback. Und ja, ich mag es, wenn Musik nicht komplett durchdesignt und geschniegelt klingt. Dieses kleine Unperfekte gehört für mich dazu. Es soll lebendig bleiben. Wenn Songs hängen bleiben, freut mich das natürlich umso mehr.

Ich habe mich gefragt, ob das Album auch den Nerv der Zeit trifft? Wir leben in einer Welt, in der oft Oberflächlichkeit schneller funktioniert als Tiefgang. Viele Menschen wollen sich vielleicht gar nicht intensiv mit Texten beschäftigen. Deine Songs haben etwas Zugängliches, fast Schunkelndes. Man kann sie im Bierzelt hören, während „The Clash“ dann eher der Moment ist, in dem es stiller wird. Ist das auch eine Reaktion auf die Gegenwart?

Dan: Ob es die Zeit trifft, weiß ich gar nicht so genau. Das ist schwer einzuschätzen, weil jeder ein anderes Empfinden hat. Aber ich verstehe, was du meinst. Ich habe auch manchmal das Gefühl, dass wir eher dümmer als klüger werden. Man würde ja denken, dass uns Technik und all diese Möglichkeiten weiterbringen. Aber scheinbar nutzen wir das Potenzial nicht wirklich, um klüger zu werden. Zumindest wirkt es oft nicht so.

In deiner Bio bei Insta ist mir auch was aufgefallen. Da steht sehr klar „Keine Nazis“. Das ist eine deutliche Haltung, die nicht alle Musiker so offensiv formulieren. Warum war dir diese Positionierung wichtig?

Dan: Mir ist das total wichtig. Ich habe jetzt nicht auf jedem Album ausschließlich politische Songs. Es ist nicht so, dass jeder Track sich explizit gegen rechts richtet. Aber auf meinem letzten Album gab es zum Beispiel den Song „Hildmann“, der sich gegen Verschwörungstheoretiker und Nazis richtet. Als ich den veröffentlicht habe, hat es keine zehn Minuten gedauert, bis Attila Hildmann das in seiner Telegram-Gruppe geteilt und seine Leute aufgefordert hat, das schlecht zu bewerten.

Da fielen dann auch Begriffe wie „Merkels Jungkommunisten“ und ähnlicher Unsinn. Gleichzeitig habe ich enormen Support bekommen, etwa von den “Omas gegen Rechts” oder “Kein Bock auf Nazis”. Ich bin auch Teil des Protest-Sound-Netzwerks und wirklich dankbar, dass es solche Organisationen und viele Privatleute gibt, die klar Haltung zeigen. Man muss nicht in jedem Song singen, wie schlimm Nazis sind. Aber eine klare Position ist wichtig. Ich habe keine Lust, dass rechte Spinner auf meinen Konzerten auftauchen. Die dürfen sich da gerne unwohl fühlen.

Da stellt sich natürlich auch die grundsätzliche Frage nach einem Pflichtgefühl. Du hast als Künstler eine Bühne, eine gewisse Reichweite. Kann man heute überhaupt noch unpolitisch sein?

Dan: Ich denke schon, dass man das kann. Es kommt vielleicht auch ein bisschen aufs Genre an. Im Punkbereich erwarten viele ja fast automatisch, dass man sich politisch äußert. In anderen Genres ist das anders. Auf der anderen Seite gibt es eben auch Leute aus verschiedenen Musikbereichen, die mit der AfD sympathisieren und das offen zeigen. Grundsätzlich würde ich sagen, es ist möglich, sich gar nicht zu positionieren. Aber wenn man sich anschaut, wie sich alles politisch entwickelt, finde ich es fast schon wichtig, zumindest klarzumachen: Da haben wir keinen Bock drauf.

Du nennst dich „Der allerletzte Punk“. Das klingt erst einmal witzig, hat aber auch etwas Kämpferisches. So, als wärst du der Letzte, der noch gegen das Establishment steht. Ist das ernst gemeint oder eher ein Wortspiel?

Dan: Beides. Einerseits kann man das schon als „Last Man Standing“ verstehen. Wirklich der allerletzte Punk, der noch übrig ist. Andererseits gibt es ja auch diese Redewendung: „Du bist das Allerletzte.“ Dieses Spiel mit der Doppeldeutigkeit gefällt mir. Und ich habe auch einfach gerne mal eine große Fresse und sage: „Pass auf, ich bin der letzte Punk hier und ihr seid es nicht.“ Das ist ein bisschen Provokation, ein bisschen Humor und ein bisschen Selbstinszenierung.

Dan Ganove: Schmerz, Humor und künstlerischer Offenheit

Auf deinem Album gibt es aber auch einen sehr ernsten, emotionalen Song, der deiner Mutter gewidmet ist. Das kommt überraschend, gerade weil du dich selbst auch eher ein bisschen als Klamauk-Typ bezeichnest. Macht man sich damit nicht extrem angreifbar? Du hast erlebt, wie schnell Gegenwind kommen kann. Hier öffnest du dein Herz sehr weit.

Dan: Mir war das total wichtig. Das war auch der Grund, warum ich mein ursprüngliches Konzeptalbum erst einmal zur Seite geschoben habe und warum das Album überhaupt „Sexunfall“ heißt. Das klingt im ersten Moment weit hergeholt, aber für mich hängt das alles zusammen. Ob ich mich damit angreifbar mache, ist mir ehrlich gesagt egal. Wichtig ist, dass ich mir von der Seele singen und reden kann, was mich beschäftigt.

Meine Mama war zu Lebzeiten meine größte Kritikerin. Wenn ich einen Demosong fertig hatte, habe ich ihn ihr geschickt. Und ich wusste bei manchen Stücken schon vorher, dass als Antwort kommt: „Das ist total scheiße, das kannst du so nicht machen.“ Sie kannte meinen Humor sehr gut, wusste aber manchmal trotzdem nicht, was ich ernst meine und was nicht.

Wir haben auch oft miteinander gespielt. Ich habe ihr zum Beispiel Sprachnachrichten geschickt, in denen ich so getan habe, als würde ich gleich irgendwo rebellieren und vielleicht im Polizeigewahrsam landen. Dann kam eine besorgte Nachricht zurück, ich solle an dies und jenes denken. Ich habe das dann manchmal lachend in meine Story gepackt. Insofern war sie schon lange Teil meines künstlerischen Kosmos. Der Song „The Clash“ ist zwei oder drei Tage nach ihrem Tod entstanden. Ich saß heulend auf dem Bett und habe geschrieben. Ich hatte vorher immer Probleme, solche Emotionen aufs Papier zu bringen. Vielleicht, weil ich eher der Klamauk-Typ bin. Aber in dem Moment ging das einfach. Authentischer hätte es nicht sein können.

Warum heißt der Song „The Clash“?

Dan: Das geht auf eine wahre Begebenheit zurück. Ich hatte einmal einen schweren Autounfall mit meiner Mama. Ich bin gefahren, sie saß auf dem Beifahrersitz. Uns ist hinten ein Transporter aufgefahren, der Wagen war komplett eingedrückt. Wir hatten unfassbares Glück. Ich war unter Schock, hatte nichts, meine Mama hatte sechs gebrochene Rippen, eine davon doppelt, vom Anschnallgurt. Ohne Gurt wäre es wahrscheinlich viel schlimmer gewesen. Sie war kurz bewusstlos. Ich habe sie immer wieder angesprochen, den Hund meiner Eltern erst einmal aus dem Auto geholt, einfach aus dem Instinkt heraus. Später, bei Familienfeiern, haben wir oft darüber gesprochen.

Sie sagte, als sie bewusstlos war, dachte sie, es geht zu Ende und im Jenseits würden The Clash spielen. Ich habe sie gefragt, wie sie darauf kommt. Und sie meinte, weil ich während des Unfalls The Clash im Auto gehört hätte. Tatsächlich lief eine andere Band, aber sie war fest davon überzeugt. Und diese Vorstellung hat mich nicht losgelassen. Als sie dann wirklich gestorben ist, habe ich das im Song aufgegriffen. Dieser Gedanke, dass vielleicht irgendwo The Clash spielen. Das war für mich ein tröstliches Bild und der Kern des Songs.

Wow. Das ist eine echte Gänsehaut-Story. Danke fürs Teilen. Du wolltest eben noch etwas zum Titel sagen. „Sexunfall“ klingt erst einmal provokant. Wie kam es dazu?

Dan: Ja, das ist vielleicht ein bisschen weit hergeholt, aber für mich ergibt es total Sinn und das ist am Ende das Wichtigste. Das Album verarbeitet im Grunde die letzten Jahre, also die Zeit vom ersten bis zum zweiten Album. Da sind viele persönliche Erlebnisse drin. Ich habe ungefähr zwanzig Jahre in irgendwelchen Bands gespielt, ohne dass es groß jemanden interessiert hat. Man hat im Bekanntenkreis gespielt, hier und da mal ein kleiner Ausreißer, aber eigentlich war immer der Wunsch da, mehr rumzukommen, viele Konzerte zu spielen, egal, ob vor vielen oder wenigen Leuten. Hauptsache unterwegs sein, spielen, leben. Und dann hatte ich plötzlich unfassbar viel Glück.

Durch diese Hildmann-Aktion kam Aufmerksamkeit. Auf einmal schrieb mir Alex Schwers von Slime und fragte, ob ich bei ihrer Kneipentour als Support spielen will. Für mich war das völlig surreal. Da denkst du jahrelang, es interessiert sich keiner für dich und plötzlich sollst du für eine der Deutschpunk-Bands schlechthin eröffnen. Danach ging es weiter. Supportshows für Die Kassierer, eine Akustik-Minitour mit Snuff. Für mich als kleinen Künstler war das riesig. Bookinganfragen aus Städten, von denen ich noch nie gehört hatte. Konzerte in Österreich, irgendwann sogar eines in London. Genau das, was ich mir immer gewünscht hatte.

Und in genau dieser Phase kam der Schlag in die Fresse: die Krebsdiagnose meiner Mutter. Auf der einen Seite dieses musikalische Hochgefühl, dieses „Dafür lebst du“, und auf der anderen Seite dieser brutale Einschnitt. „Sexunfall“ ist für mich ein Bild dafür. Sex ist etwas Schönes, Positives und wenn dabei ein Unfall passiert, kippt alles. Dieses Nebeneinander von Glück und Katastrophe, von Euphorie und Schmerz. So habe ich das für mich interpretiert. Deshalb dieser Titel.

Ich mag das. Also wenn Menschen sich Gedanken machen über Dinge. Das ist echte Kunst. Dazu kommt das Cover. Auf dem Bild sitzt du auf einem Pferd. Da kann man auch ein bisschen seltsames Kopfkino kriegen. 

Dan: (lacht) Oh ja. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viele Nachrichten ich bekommen habe. „Du nennst dein Album Sexunfall und sitzt auf einem Pferd? Überschreitest du da nicht eine Grenze?“ Ich spiele gern mit dieser Gürtellinie. Ich versuche, es so zu machen, dass man denkt: Oha, krass. Aber eben nicht völlig drüber. Ob mir das immer gelingt, weiß ich nicht. Vielleicht bin ich manchmal auch schon einen Schritt zu weit gegangen. Aber es ist definitiv nicht so gemeint, wie manche es hineinlesen.

Ich führe da auch gerne ein bisschen in die Irre. Und im Nachhinein musste ich selbst schmunzeln, weil du ja vorhin meintest, ich würde öfter meine „anatomischen Vorzüge“ betonen. Da passt der Titel natürlich ironisch ganz gut ins Bild.

Am Ende interpretieren wir Kunst ja immer aus unserer eigenen Perspektive heraus.

Dan: Total. Das finde ich auch spannend. Du schreibst einen Song und hast eine ganz klare Vorstellung, was du damit sagen willst. Und dann liest du ein Review oder sprichst mit Leuten und da steht plötzlich eine Interpretation drin, bei der ich denke: So habe ich das nie gemeint. Aber ich kann komplett nachvollziehen, warum die Person das so versteht. Diese unterschiedlichen Blickwinkel finde ich schön. Es zeigt ja, dass sich jemand wirklich damit auseinandersetzt.

Dan, ich danke dir für die Zeit und die offenen Einblicke.

Mehr zu Dan Ganove findet ihr in den Socials:

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Mia Lada-Klein

Mia ist Redakteurin beim Paranoyd Magazin. Als absolute Spezialistin für Interviews und Reviews verbindet sie ihr Literaturstudium mit ihrer Leidenschaft für das geschriebene Wort. Mia blickt auf eine langjährige Zusammenarbeit mit diversen Magazinen zurück und ist ein wahrer Interview-Profi, der fundiertes Fachwissen mit authentischen Einblicken in die Musikszene vereint.

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