Am 23. Januar erschien “The Weight of Sound”, das neue Album von Crystal Lake. Frontmann John Robert Centorrino, der 2023 nach dem Ausscheiden von Ryo Kinoshita zur Band stieß, spricht im Interview über die neue Dynamik in der Band, über künstliche Intelligenz, Streaming und die Herausforderungen, die die heutige Musiklandschaft mit sich bringt. Er spricht darüber, wie hart die Arbeit in einer Band ist, welche Rolle Kreativität und Verantwortung spielen und erinnert daran, dass man selbst auch immer Teil eines Systems ist, über das man sich immer wieder aufregt.
Der Albumtitel “The Weight of Sound” klingt sehr poetisch. Auf Deutsch etwa “das Gewicht des Klangs”. Welche Bedeutung steckt dahinter und welches übergeordnete Thema zieht sich durch das Album?
John: Ich glaube, jeder Musiker kann nachvollziehen, wie schwer es ist, Teil einer Band zu sein und gleichzeitig erfolgreich sein zu wollen. Das bedeutet viele Opfer. Man verpasst Geburtstage, Feiertage, besondere Momente. Das belastet nicht nur einen selbst, sondern auch die Menschen um einen herum, privat wie innerhalb der Band. Bands streiten sich, weil es einfach schwierig ist, dauerhaft dieselbe Denkweise zu teilen. Gerade wenn man, so wie ich, ein sehr familiärer Mensch ist, fällt es schwer, ständig getrennt zu sein.
Und diese Belastung spiegelt sich auch in der Musik wider?
John: Absolut. Die Intensität des Klangs und die Themen auf dem Album sind sehr persönlich. Im Grunde ist das Album wie ein Tagebuch. Nicht im wörtlichen Sinne, aber es erzählt viel über mich selbst. Die Songs hängen alle miteinander zusammen. Das zentrale Thema ist, dass das Leben oft nicht so verläuft, wie man es sich wünscht, sondern so, wie man es sich vorstellt oder innerlich verarbeitet.
Ich habe das Gefühl, manche Songs sind bewusst offener gehalten, andere sehr konkret.
John: Genau. Manche Songs sind eher vage, andere sehr direkt. Ein gutes Beispiel ist die Verbindung zwischen „The Undertow“ und dem Sound insgesamt. Es ist wie ein Dialog zwischen zwei Personen. „The Undertow“ beschreibt zum Beispiel, wie sich Menschen durch Musik und Klang fühlen. Und ganz konkret auch, wie ich mich selbst auf Tour in Bezug auf Musik fühle.
Crystal Lake: Songwriting, Banddynamik und erste Singles
Du bist noch relativ neu in der Band. Wie hat sich der Songwriting-Prozess dadurch verändert?
John: Wir mussten alle erst lernen, miteinander zu schreiben und das bringt zwangsläufig Veränderungen mit sich. Mir war es wichtig, emotionaler zu werden und Texte zu schreiben, die sich für die Menschen sehr persönlich anfühlen. Viele frühere Texte von Crystal Lake waren sehr vage, aber gleichzeitig extrem stark. Die Messlatte lag also hoch. Ich wollte den Texten eine persönliche Note geben, sodass man beim Hören das Gefühl hat, es geht um einen selbst. Nicht nur, dass man sich irgendwie identifizieren kann, sondern dass ein Song genau zu einem bestimmten Moment im eigenen Leben passt. Dieses Gefühl, dass Musik einen genau da abholt, wo man gerade steht, das war mir lyrisch sehr wichtig. Genau das wollte ich im Vergleich zu früher bewusst verändern.
Einer der ersten Vorboten des Albums ist die Single „BlüdGod“. Warum habt ihr ausgerechnet diesen Song als erste Single gewählt?
John: Tatsächlich war das gar nicht so geplant. Es hat sich eher organisch ergeben. Bei „BlüdGod“ und „Dystopia“ waren wir uns lange nicht sicher, ob sie wirklich auf das Album gehören. Irgendwann dachten wir: Diese Songs sind einfach stark. Warum nehmen wir sie nicht neu auf, geben ihnen ein neues Gewand und integrieren sie ins Album? So ist „BlüdGod“ ganz natürlich zu der ersten Single geworden.
Das Album wirkt insgesamt extrem kraftvoll und direkt. Jeder Song scheint nach vorne zu gehen und keine Pause zuzulassen.
John: Das freut mich sehr zu hören. Genau dieses Gefühl wollten wir erzeugen. Es sollte sich so anfühlen, als würde dich jeder Song unmittelbar treffen. Schnell, kompromisslos, mit Druck nach vorne. Diese Energie war uns extrem wichtig.
Japanische Metalcore-Bands sind international immer noch eher selten vertreten. Siehst du euch als eine Art Repräsentanten der Szene?
John: Das Wort „Repräsentant“ ist für mich schwierig. Aber ich glaube schon, dass Crystal Lake innerhalb der japanischen Metal-Szene nach wie vor eine große Rolle spielt. Wir touren sehr viel international, aber auch in Japan spüren wir eine enorme Wertschätzung. Die Shows sind intensiv, das Publikum singt mit, egal ob wir in einer großen Halle oder in einem kleinen Club spielen.
Was macht die Konzerte von Crystal Lake aus deiner Sicht so besonders?
John: Die Atmosphäre. Sie ist einfach anders. Selbst bei kleinen Shows mit vielleicht 25 Leuten fühlt es sich an wie eine Party. Fast wie Karaoke, bei dem alle komplett loslassen. Uns ist es wichtig, dass es Spaß macht, unabhängig von der Größe der Show. Diese Energie tragen wir überall hin, egal ob nach Japan, Europa, China oder Amerika.
John Robert Centorrino über KI, Musikindustrie und Streaming
Ein weiteres großes Thema ist künstliche Intelligenz in der Musik. Wie stehst du dazu?
John: Für mich sollte KI ein Werkzeug sein, um etwas Bestehendes zu verfeinern, nicht um etwas komplett zu erschaffen. Ich finde nicht, dass KI-generierte Musik auf denselben Plattformen oder im selben Algorithmus wie echte Musik laufen sollte. Wenn es KI-Musik gibt, dann bitte klar getrennt.
Wo ziehst du persönlich die Grenze bei KI?
John: KI kann helfen, etwa wenn man bei einem Song feststeckt und einen Übergang sucht. Als Inspirationshilfe ist das okay. Aber sobald man anfängt, sich komplette Ideen liefern zu lassen, nimmt man sich selbst die Arbeit ab. Musik ist etwas Organisches. Nur weil ein Programm Organisches imitieren kann, wird es nicht real. Für mich ist KI-Musik ein bisschen wie ein Videospiel für die Ohren.
Trotzdem bist du nicht komplett ablehnend?
John: Nein, überhaupt nicht. Es gibt KI-Projekte, die ich spannend finde. Und natürlich wird man sich davon inspirieren lassen, bewusst oder unbewusst. Aber am Ende geht es darum, Verantwortung für das eigene Schaffen zu übernehmen. Die Arbeit darf leichter werden, aber sie sollte nicht einfach verschwinden. Wir erstellen alle künstlerischen und visuellen Inhalte selbst. Das haben wir seit über zehn Jahren so gemacht und wir lagern das nicht aus. Wenn wir KI nutzen, dann nur auf uns selbst bezogen. Wir nehmen niemandem Arbeit weg und schaden niemandem damit.
In einem anderen Interview sagte Billy Corgan, dass er in Zukunft mit KI-Bands und Avataren rechnet und echte Musiker verschwinden könnten. Findest du diese Vorstellung auch beängstigend?
John: Ja, absolut. Ich kann dieser Theorie auch leider nicht wirklich widersprechen. Alles entwickelt sich eben in Richtung Bequemlichkeit. Viele Menschen wollen den einfachsten Weg gehen, egal ob beim Musizieren oder beim Lernen. Diese Haltung halte ich für gefährlich, weil sie langfristig nach hinten losgehen kann.
Geht es dabei vielleicht auch um Arbeitsethos? Dieses Thema ist mir wichtig, deswegen nutze ich die Möglichkeit dich zu fragen, wie du das siehst.
John: Definitiv. Ich arbeite gerne hart. Es gibt Dinge, bei denen ich nicht betrügen möchte. Kunst ist für mich etwas, das aus einem inneren Antrieb entsteht. Wenn man diesen Prozess abkürzt oder ersetzt, verliert man etwas Wesentliches.
Lass uns über Streaming sprechen. Haben Plattformen wie Spotify zu viel Einfluss auf die Art, wie heute Musik entsteht?
John: Ja, auf jeden Fall. Das beeinflusst massiv, wie Songs geschrieben werden. Viele Tracks sind heute kürzer, weil Künstler versuchen, den Algorithmus zu bedienen. Wenn die ersten 45 Sekunden entscheiden, ob ein Song „funktioniert“, verändert das automatisch den kreativen Prozess.
Wie genau wirkt sich das auf Alben aus?
John: Die meisten Menschen hören Musik nicht mehr am Stück, sondern im Auto oder unterwegs, vielleicht 20 oder 30 Minuten. Dadurch verändert sich die Frage: Macht ein Album überhaupt noch Sinn? Oder veröffentlicht man lieber regelmäßig EPs oder einzelne Songs? Das alles ist stark vom Algorithmus getrieben.
Bedeutet das weniger künstlerische Freiheit?
John: Es verschiebt zumindest die Perspektive. Wenn ich zwölf Songs schreibe, die man unbedingt hören sollte, ist das heute unrealistisch. Stattdessen funktioniert es besser, regelmäßig kleinere Veröffentlichungen zu bringen. Das passt auch besser zur Aufmerksamkeitsspanne, die wir alle inzwischen haben.
Schließt du dich da selbst mit ein?
John: Absolut. Ich bin da kein Sonderfall. Ich höre Musik auf dem Laufband, auf dem Weg zum Catering, während der Tourvorbereitung. Kaum jemand setzt sich noch bewusst eine Stunde hin und hört nur Musik. Genau darum geht es bei dieser ganzen Entwicklung.
John Robert Centorrino von Crystal Lake über Aufmerksamkeit, Konsum und Verantwortung
Du hast eben viel darüber gesprochen, wie sehr sich unsere Aufmerksamkeitsspanne verändert hat. Beeinflusst das dein eigenes Songwriting?
John: Auf jeden Fall. Beim Komponieren von Musik muss man da heute mitdenken. Es gibt viele Dinge im Leben, die man nicht kontrollieren kann, aber die eigenen Gefühle und den eigenen Umgang mit Situationen schon. Genau da setze ich an. Ich versuche, für mich einen Weg zu finden, der funktioniert, ohne mich komplett zu verbiegen.
Heißt das auch, neue Wege außerhalb der Band zu gehen?
John: Ja. Ich habe zum Beispiel ein Nebenprojekt gestartet, das ich zu Hause mache. Es ist nichts Großes oder Konkretes, eher ein Experiment. Die Idee ist, sehr kurze Texte zu schreiben. Fast wie ein musikalisches Riff: ein Gedanke, ein paar Breaks, dann ist Schluss.
Also bewusst kurz gehalten?
John: Genau. Wir sind alle an anderthalb Minuten Content gewöhnt. Instagram, TikTok, alles ist darauf ausgelegt. Wenn ich dir zwei Minuten gebe, verlange ich schon Aufmerksamkeit. Ich bitte dich quasi darum, wirklich hinzuhören, statt nur nebenbei zu konsumieren.
Diese Logik gilt heute nicht nur für Musik, oder?
John: Nein, für alles. Werbung, Filme, Produkte, Musik. Alles muss sofort funktionieren. Das beeinflusst uns alle, ob wir wollen oder nicht. Und ja, manchmal fühlt es sich an, als würden wir kollektiv abstumpfen.
Ich denke oft an den Film “Idiocracy”, wenn ich die Welt betrachte. Trifft das deinen Blick auf die Welt?
John: Leider ja. Nicht wortwörtlich, aber sinngemäß. Ich rede im Alltag oft darüber, wie nah wir dieser Realität gekommen sind. Das Verrückte ist: Wir regen uns darüber auf und sind gleichzeitig Teil des Problems. Es sind nicht „die anderen“, wir sind es selbst.
Ein ziemlich ernüchternder Gedanke.
John: Total. Aber auch ein ehrlicher. Egal welche Meinung, welche Szene, welche Religion, welches Lager, wir alle tragen Verantwortung. Wenn man dieses permanente Gegeneinander rausnimmt, würde vieles ruhiger werden. Und Musik ist da keine Ausnahme, sie ist Teil dieses Systems.
Ein wichtiger Gedanke zum Abschluss. Danke John.
Mehr zur Band Crystal Lake findet ihr in den Socials:
Mia Lada-Klein
Mia ist Redakteurin beim Paranoyd Magazin. Als absolute Spezialistin für Interviews und Reviews verbindet sie ihr Literaturstudium mit ihrer Leidenschaft für das geschriebene Wort. Mia blickt auf eine langjährige Zusammenarbeit mit diversen Magazinen zurück und ist ein wahrer Interview-Profi, der fundiertes Fachwissen mit authentischen Einblicken in die Musikszene vereint.

