Bingen am Rhein, 10. Juli 2026. Mitten im rheinhessischen Sommer verwandelt sich der Rochusberg bei Bingen am Rhein erneut in eine der charmantesten Festival-Locations der Region. Seit 1989 organisiert die Binger Open Air Kooperative e.V. das gleichnamige Festival. Ins Leben gerufen wurde es seinerzeit von ein paar jungen Idealisten mit dem Ziel, das jugendkulturelle Freizeitangebot in Bingen um eine nicht-kommerzielle Veranstaltung zu erweitern.
Was als kleine Idee begann, hat sich über mehr als drei Jahrzehnte zu einem festen Bestandteil der regionalen Festivallandschaft entwickelt. Bis heute wird das BOAF ausschließlich von ehrenamtlich arbeitenden Jugendlichen organisiert. Rund 100 Helfer und etwa 20 Organisatoren stemmen das Projekt jedes Jahr gemeinsam.
Auch 2026 bleibt das BOAF seinem Geist treu: Vom 9. bis 11. Juli präsentiert sich das familiäre Non-Profit-Festival mit einem bunten Genre-Mix aus Rock, Metal, Ska und mehr. Das Lineup verteilt sich auf drei Tage von Donnerstag bis Samstag. Als Headliner sind diesmal am Freitag Our Mirage und am Samstag Mannequin Death Squad am Start. Das Wochenendticket kostet gerade einmal 60 Euro.
Als ich am Freitag gegen 16:30 Uhr am Parkplatz eintreffe, werde ich von den Helfern freundlich begrüßt und augenzwinkernd daran erinnert, dass man bei 35 Grad im Schatten ausreichend trinken muss, wobei unter den Getränken zwischendurch auch Wasser sein sollte. Wenig später kommt dann schon das Shuttle. Die Besucher werden mit einem klimatisierten VW Bus in wenigen Minuten vom Parkplatz zum Festivalgelände auf dem Berg gebracht.
Voidkid feiern ein gelungenes Live-Debüt beim BOAF 2026
Los geht es für mich um 17:30 Uhr mit Voidkid aus Mainz. Die Band trat dieses Jahr erstmals mit eigener Musik in Erscheinung und beschreibt ihren Stil als Mischung aus Easycore und Heavy Pop. Bislang wurden erst zwei Singles veröffentlicht, aber ein Album soll im Laufe des Jahres folgen. Die Musiker verbinden moderne Pop-Melodien mit energiegeladenen Punk- und Hardcore-Einflüssen.
Die Truppe spielt heute ihren ersten Auftritt überhaupt. Leider haben sich zu dieser frühen Stunde noch nicht allzu viele Besucher auf dem Festivalgelände eingefunden. Aber da der gleißende Feuerball am Firmament unerbittlich auf den Rochusberg herunter brennt, versammeln sich immerhin alle Anwesenden im Schatten unmittelbar vor der Bühne. So kommt nach kurzer Zeit tatsächlich gute Stimmung auf.

Die eingängige Single „Better Days“ lädt zum Tanzen und Mitsingen ein. Sänger Simon ist stimmlich gut aufgelegt. Die beiden Gitarristen Phil (der bis Ende 2025 noch bei Leyka gespielt hat) und Leon sowie Bassist Andy steuern Backing Vocals bei, und wenn sie nicht gerade hinterm Mikrofon stehen, bewegen sie sich auf der übersichtlichen Bühne und genießen offenkundig ihren ersten gemeinsamen Gig. Auch Drummer Tom huscht immer wieder ein Lächeln über die Lippen.
Der Song „Fuck Off“ ist nach knapp 45 Minuten ein würdiges Finale, bei dem Band und Zuschauer gemeinsam die Mittelfinger gen Himmel recken. Nach der Show steigt Phil schnurstracks mit einem Bier und noch voll bekleidet in das kleine Planschbecken, das die Helfer zuvor mit kaltem Wasser gefüllt haben. Er muss rasch wieder zu Kräften kommen, da er später am Abend noch einmal auf die Bühne geht, um bei seinen Freunden von Leyka auszuhelfen.
About Monsters überzeugen beim Binger Open Air Festival auf ganzer Linie
Die Überraschung des Abends sind für mich About Monsters aus Osnabrück, die von 19 bis 20 Uhr an der Reihe sind. Die Band bewegt sich zwischen Modern Metal, Post-Hardcore und Alternative Rock. Die kürzlich neu dazu gestoßene Sängerin Bianca Herrmann ist eine Frontfrau, wie sie im Buche steht. Sie kann nicht nur gut singen, sondern beherrscht auch die raueren Töne. Lässig und sympathisch zugleich bringt sie die mittlerweile etwas zahlreicheren Besucher dazu, sich vor der Bühne zu versammeln.
Die Setlist umfasst 10 Songs aus der ca. achtjährigen Bandgeschichte. Bianca ist permanent im Austausch mit dem Publikum. Bassist Torben mit den wasserstoffblonden Haaren reißt immer wieder den Bass in die Höhe, schneidet Grimassen und geht richtig steil. Und wenn beim Breakdown die Snare 3 Tonnen Hall bekommt, als würde sie in einer gotischen Kathedrale verdroschen, dann ist das zwar heutzutage ein wenig klischeehaft, aber trotzdem sehr geil.

Auf dem Programm steht natürlich auch die neue Single „Mad at You“, bei der Bianca erstmals bei About Monsters in Erscheinung getreten ist. Im Publikum entdeckt Bianca den weiblichen Superfan der Band. Die junge Dame hat sich Auszüge der Lyrics zu „Mad at You“ in Biancas Handschrift auf den Unterarm tätowieren lassen.
Durch ihre starke Performance hat die Band heute sicher den einen oder anderen Fan hinzugewonnen. Hätte ich einen Hut auf, würde ich ihn ehrfürchtig ziehen.
Leyka begeistern trotz personeller Rückschläge beim BOAF 2026
Leyka aus Mainz und ihrem guten Draht zu den Organisatoren des Festivals ist es zu verdanken, dass die härteren Töne immer mehr Einzug beim BOAF halten. Ein Sprecher verriet mir, dass einige der Helfer große Lust hatten, Leyka auf das BOAF zu holen, und dadurch ergab sich dann auch ein geeigneter Rahmen für Acts wie Our Mirage, die an diesem Abend der Headliner sind.
Normalerweise sind Leyka ein Garant für eine heftige Show. Das Wort „Abriss“ wird bei Konzertberichten womöglich überstrapaziert, aber für Leyka fällt mir auch kein treffenderes Wort ein. Heute tritt die Truppe jedoch zumindest von der Papierform her etwas geschwächt an: Bassist Knaule, der stets wie ein Wirbelwind über die Bühne fegt und für reichlich Tumult sorgt, ist heute verhindert. Und Shouter Tom hat sich vor kurzem den Fuß gebrochen und muss daher mit Gips und im Rollstuhl performen. Der Vorfreude der Jungs tut das aber keinen Abbruch, und Phil von Voidkid ist mittlerweile auch wieder trocken und bereit, mit seinen ehemaligen Bandkollegen abzurocken.

Punkt 20:45 Uhr rollt Tom an den Bühnenrand, zieht vorsichtshalber die Bremse seines Rollstuhls an und geht ab, als wäre nichts passiert. Multitasking beherrscht er auch: beim Shouten sorgt er dafür, dass ein ganz junger Fan, der direkt vor der Bühne steht, seinen Gehörschutz richtig aufsetzt, um bleibende Schäden zu verhindern. Anschließend klatscht er mit dem Kleinen ab. Die Gitarristen Yves und Phil genießen es augenscheinlich, wieder gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Sie grinsen und werfen sich schmachtende Blicke zu. Drummer Fabri schüttelt mühelos komplexe Fills aus dem Ärmel und hat dabei auch noch Zeit, mit seinen Mitstreitern zu flachsen.
Das Publikum verwandelt die furztrockene Wiese vor der Bühne schnell in einen Hexenkessel und wirbelt bei den Circle Pits mächtig Staub auf. Mein persönliches Highlight ist „Concrete Sun“, bei dem Toms Shouts sich mit dem eingängigen melodiösen Gesang von Phil abwechseln. „Ohrwurm“ nennt man sowas in Fachkreisen.
Our Mirage krönen den Festivalfreitag beim Binger Open Air Festival 2026
Our Mirage aus Marl in NRW sind um kurz nach 22:30 Uhr der krönende Abschluss eines gelungenen Tages. Der würdige Headliner gibt sich musikalisch keine Blöße: Der Sound ist gut, die Performance tight und der markante Gesang von Timo emotional und präzise.
Mittlerweile ist es auch ordentlich voll vor der Bühne und das Publikum hat noch keine Lust, sich auf dem Campingplatz in den Schlafsack zu verkriechen. Es gibt Circle Pits und Walls of Death. Einzig Timos Wunsch nach Crowdsurfern bleibt diesmal unerfüllt.

Gitarrist David übt auf seiner Seite der Bühne Hochsprung, Bassist Manuel unterstützt Timo bei den Vocals und Drummer Daniel legt solide das Fundament für den Sound der Band. Mein Favorit ist das anrührende „God behind your Eyes“, ein Liebeslied, das Timo für seine damalige Freundin, jetzt Verlobte, geschrieben hat. Auch „Bury Me“ und „Don’t Talk“ vom aktuellen Album „Fractured Minds“ sind mit ihren packenden Refrains absolute Hits.
Fazit
Das BOAF beweist einmal mehr: Gute Festivalkultur braucht keine riesigen Budgets – nur Leidenschaft, guten Musikgeschmack und einen Hügel mit Rheinblick. Seid nächstes Jahr im Sommer mit dabei!
Impressionen BOAF 2026
Björn Vollmuth
Björn ist Fotograf & Redakteur beim Paranoyd Magazin. Liebt Hard Rock & Metal und fängt die Emotion von Clubshows und Festivals von seiner Homebase Frankfurt bis bundesweit hautnah ein.
Mehr zu dieser Band
Bandbiografie →











































