VAI-TE FODER wurden 2003 in Portugal ins Leben gerufen, mit einem kompromisslosen Credo: Noise soll wieder schmerzhaft, wild und gefährlich klingen – so roh, dass er jede Komfortzone zerschneidet. Seit den frühen Tagen der Band bewegten sie sich konsequent abseits gängiger Strukturen, angetrieben von einer Leidenschaft für radikale Klangästhetik und einer Haltung, die eher Manifest als Musikstil ist.
Mit „Poço“ legt das Trio nun sein zweites Album in voller Länge vor, ein Werk, das sowohl die DIY-Wurzeln der Band ehrt als auch ihre Entwicklung dokumentiert. Zuvor machten sie erstmals mit der 2009 erschienenen, bewusst rau gehaltenen Kassetten-EP „Vai-Te Foder“ auf sich aufmerksam, bevor das Debütalbum „Viciados No Degredo“ 2010 ihren Status als kompromisslose Kraft im portugiesischen Underground festigte. „Poço“ knüpft an diese Geschichte an, aber es vertieft sie auch, führt sie weiter, gräbt tiefer. Es ist das Album einer Band, die nie gezögert hat, Lärm nicht nur zu erzeugen, sondern ihn als Ausdruck des Widerstands zu kultivieren.
Der Sound von „Poço“: Aggression als Leitmotiv
Die Riffs von VAI-TE FODER sind scharfkantig und unerbittlich, oft durchzogen von der harschen Direktheit des Crust-Punks. Diese rohe Energie bildet das Rückgrat des Albums und verleiht „Poço“ eine ungebremste Intensität. Die schnellen Akkordwechsel erinnern an die goldene Ära des Hardcore-Punks und insbesondere an die wilde Unkontrollierbarkeit von Extreme Noise Terror zu ihren frühesten Zeiten. Hinzu kommen markante Grindcore-Einflüsse, die den Sound zusätzlich aufrauen.
Die Songs verströmen eine Dynamik, die stark an die frühen Napalm-Death-Aufnahmen erinnert – an jene Phase, in der das Genre noch ein wilder, kaum definierter Klangsturm war, weit vor dem technischeren Ansatz späterer Veröffentlichungen. Unterm Strich wirkt „Poço“ wie eine geschickte Verschmelzung sämtlicher Extremen-Genres. Punk, Crust, Hardcore, Grindcore, Thrash und Death Metal gehen ineinander über wie chemische Reaktionen – explosiv, schmutzig, aber bemerkenswert funktional.
Das Ergebnis ist ein kompromissloser Hybrid, der jeden Hunger nach aggressiver, ungefilterter Musik stillt. Hier wird ohne Rücksicht auf Verluste nach vorn gestürmt. Die härteren Passagen des Albums tragen unverkennbar die DNA von MÖTORHEAD in sich: roh, dreckig und mit jener ungebändigten Energie, die Lemmys Vermächtnis bis heute auszeichnet. VAI-TE FODER übernehmen diese Haltung nicht nur musikalisch, sondern auch spirituell.
Sie vergessen an keiner Stelle ihre Punk- und Metal-Wurzeln, die sich wie ein roher Nerv durchs gesamte Album ziehen. Jeder Akkord, jede Rhythmus-Verschiebung wirkt wie ein Schlag, der uns, den Hörer, daran erinnert, dass hier nicht angepasst, sondern angegriffen wird. Sobald die schweren Riffs einsetzen, schlagen sie mit einer Direktheit ein, die sofort an Klassiker wie From „Enslavement to Obliteration“ von NAPALM DEATH erinnert.

Dieser Wiedererkennungswert ist jedoch keine bloße Nostalgie, sondern Ausdruck eines tief verinnerlichten Verständnisses für die rohe Kraft des frühen Extrem-Metals. Die Band zitiert diese Ära nicht – sie kanalisieren sie, und das mit beeindruckender Selbstverständlichkeit. Die Riffs sind kantig und kompromisslos, sie schneiden durch den Mix und erzeugen eine Dringlichkeit, die nur selten zu hören ist. Doch damit sind wir noch lange nicht am Ende. Über das Album hinweg feuert die Band Thrash-Riffs ab, die nicht nur technisch sitzen, sondern auch nach purem 80er-Jahre-Exzess klingen.
Diese Stellen riechen geradezu nach verrauchten Proberäumen, schweiß getränkten Kellern und jenem gefährlichen Lebensgefühl, das die frühen METALLICA- und MEGADETH-Platten so unverwechselbar machte. Man spürt dieses Chaos, diese Unvernunft und jenen jugendlichen Trotz, der damals Motor für starke Musik war. Wenn diese Riffs losbrechen, fühlt es sich an wie ein Auftrag zum Moshpit – ohne Vorwarnung, ohne Pause, ohne Ausrede. Ein weiteres Element verleiht dem Sound nochmal zusätzliche Tiefe: die groovigen Thrash-Parts, in denen eindeutig der Einfluss SEPULTURAS zu Zeiten von „Chaos AD“ zu spüren ist. Das sind nicht nur musikalische Referenzen, sondern sie transportieren eine klare Haltung.
Es ist die Klangsprache des Widerstands – eine Botschaft gegen Normen, gegen Stillstand, gegen das Erträgliche. VAI-TE FODER greifen diesen Geist auf und übersetzen ihn in ein ebenso wütendes wie kraftvolles Statement. Insgesamt entsteht dadurch eine explosive Mischung, die zeigt: Die Band kopiert nicht einfach, sie kanalisiert diese Einflüsse, und erschafft etwas ganz Eigenes.
Ein Sturm aus rohen Riffs und klassischer Extrem-Metal-Energie
Das Schlagzeug liefert einen kantigen, trockenen Punk-Sound, der dem Album konstant Feuer gibt. Die Drums treiben das Tempo kompromisslos nach vorn, immer straff, immer auf Angriff. Jeder Schlag sitzt, und kommt punktgenau und mit der nötigen Wucht, um die chaotische Energie des Albums präzise einzurahmen. Der Bass legt sich kraftvoll unter die Songs und verleiht den Gitarrenriffs das nötige Fundament. Immer dann, wenn der Moment es verlangt, tritt er in den Vordergrund, zeigt seine eigene Stärke und verpasst der ohnehin soliden Rhythmussektion einen zusätzlichen Energieschub.
Der Gesang trägt eine rohe, zerstörerische Energie in sich. Er klingt brutal, verzweifelt und strahlt eine anarchisch-chaotische Atmosphäre aus, die sofort Erinnerungen an frühe Open-Air-Punkshows auf Schulhöfen oder Plätzen weckt. Die Band setzt dabei auf zwei Hauptstimmen, unterstützt von zahlreichen Background-Shouts ihres Kollektivs, was dem Ganzen zusätzliche Wucht und Spontanität verleiht. Es ist nicht nötig, einzelne Highlights herauszupicken – dieses Album funktioniert am stärksten, wenn man es als geschlossenes Werk erlebt.
Eine Ausnahme bildet jedoch der letzte Track: ein exzellentes Cover von „The Hammer“, im Original natürlich von MOTÖRHEAD (Lemmy R.I.P.). Diese Neuinterpretation unterstreicht nicht nur den immensen Einfluss von MOTÖRHEAD, sondern auch ihre tiefe Verwurzelung in der gesamten Underground- und Extreme-Metal-Szene. Von Punk über Crust bis hin zum Death- und Grindcore – der Respekt vor MOTÖRHEAD bleibt genreübergreifend unerschütterlich.

