Schandmaul – „Sternensegler“: Mit neuer Stimme auf zu neuen Ufern

Schanmaul Sternensegler Album png

Bei kaum einer anderen deutschen Folk-Rock-Band dürfte ein Sängerwechsel derart einschneidend sein wie bei Schandmaul. Thomas Lindners Stimme gehörte über Jahrzehnte untrennbar zum Klangbild der Band und prägte zahlreiche ihrer großen Songs.

Nach seiner schweren Erkrankung musste er das Mikrofon jedoch dauerhaft aus der Hand geben. Ganz von der Bildfläche verschwunden ist der Bandgründer deshalb keineswegs: Lindner bleibt seiner Band als Musiker erhalten und bringt sich weiterhin instrumental ein. Am Mikrofon steht inzwischen Till Herence, der bereits seit 2024 live für Lindner eingesprungen war. Mit „Sternensegler“ erscheint nun erstmals ein komplettes Album in dieser Konstellation.

Wie Lindner selbst diesen Rollenwechsel erlebt, welche neue Freiheit er darin für sich entdeckt hat und wie die Zusammenarbeit mit Till Herence bei der Entstehung von „Sternensegler“ funktioniert, hat er uns bereits im Interview erzählt. Diese Perspektive ist für das Album durchaus relevant – denn sie zeigt, dass der Wechsel innerhalb der Band nicht nur eine neue Stimme am Mikrofon bedeutet, sondern auch eine veränderte Rollenverteilung.

Der erste Schritt nach vorn

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Till Herence wie Thomas Lindner klingt. Das wäre ohnehin der falsche Maßstab. Viel wichtiger ist, ob Schandmaul mit dieser veränderten Besetzung weiterhin Songs schreiben können, die ihre eigene Handschrift tragen. „Sternensegler „beantwortet diese Frage ziemlich eindeutig.

Bereits der Opener „Nimm alles mit“ setzt dabei die richtige Richtung. Der Song wirkt wie ein bewusstes Loslassen und gleichzeitig wie eine Einladung, sich auf das Kommende einzulassen. Statt die schwierigen vergangenen Jahre musikalisch auszuwalzen, setzen die Folk-Rocker auf Optimismus und Bewegung. Das gibt dem Album von Beginn an eine erstaunlich leichte Grundstimmung.

Diese Haltung zieht sich durch weite Teile von „Sternensegler“. Musikalisch bleibt die Formation klar bei ihren Stärken: Folk-Elemente treffen auf Rock, eingängige Melodien auf große Refrains und ruhigere Passagen auf druckvollere Momente. Die Band versucht nicht, sich für die neue Besetzung einen komplett neuen Sound zuzulegen. Der eigentliche Unterschied liegt in der Stimme.

Zwischen Vertrautem und neuen Akzenten

Schon die vorab veröffentlichten Stücke haben angedeutet, wohin die Band mit „Sternensegler“ unterwegs ist. „In der Hand“ markierte 2025 den ersten Schritt mit Till Herence am Mikrofon und wirkt rückblickend weniger wie ein vorsichtiges Herantasten als wie der Beginn einer neuen Phase. Auf dem Album fügt sich der Song problemlos zwischen die übrigen Stücke ein.

Mit „Sternensegler“, „An beiden Enden“ und „Nosferatu“ wird das musikalische Spektrum anschließend breiter. Mal steht die große Melodie im Vordergrund, mal geht es etwas verspielter oder atmosphärischer zu. Genau diese Mischung hält das Album über die gesamte Spielzeit interessant, ohne dass Schandmaul ihren eigenen Charakter dafür aufgeben müssten.

Besonders gelungen ist dabei, dass „Sternensegler“ nicht den Eindruck erweckt, als müsse die Band ihren Neuanfang wiederholt erklären. Die Songs stehen für sich und entwickeln ihre Wirkung vor allem durch Melodien, Arrangements und die neue Stimme. Till Herence fügt sich dabei zunehmend selbstverständlich in das Gesamtbild ein, ohne seine eigene Persönlichkeit hinter der Vergangenheit der Band zu verstecken.

SCHANDMAUL vor begeistertem Publikum beim Konzert – Credit: Marc Blessing
Schandmaul – © Holger Fichtner

Zwischen Leichtigkeit und klarer Haltung

Auch textlich kreist vieles um Aufbruch, Zusammenhalt, persönliche Nähe und die Frage, wie man nach schwierigen Zeiten weitermacht. Das passt zur Entstehungsgeschichte des Albums, wird aber erfreulicherweise nicht ständig mit dem Holzhammer ausformuliert. „Flagge“ bildet hier mit seinem klaren Bekenntnis zu Vielfalt und Zusammenhalt eine der deutlichsten Ausnahmen.

Neben den elf regulären Songs wartet „Sternensegler “ je nach Edition noch mit zusätzlicher Fracht auf. Das Bonusmaterial enthält instrumentale Harfen-Versionen von sieben Titeln sowie „Räuber und Narren“, die Zusammenarbeit mit Subway To Sally.

Ein Sänger, der seinen eigenen Weg geht

Die große Bewährungsprobe bleibt Till Herence. Seine Stimme unterscheidet sich von der seines Vorgängers, und genau darin liegt die Chance dieser neuen Besetzung. Herence versucht nicht, eine vergangene Ära möglichst originalgetreu nachzubauen, sondern setzt eigene Akzente.

Für langjährige Fans wird die Umstellung dennoch eine gewisse Eingewöhnungszeit benötigen. Thomas Lindners Stimme war über Jahrzehnte ein prägender Bestandteil von Schandmaul. „Sternensegler“ zeigt jedoch, dass Herence genügend Persönlichkeit und Ausdruck mitbringt, um die Songs eigenständig zu tragen.

Fazit

„Sternensegler“ ist ein überzeugendes Album in einer außergewöhnlichen Phase der Bandgeschichte. Die Songs bleiben zugänglich, abwechslungsreich und fest im musikalischen Kosmos von Schandmaul verankert, während Till Herence dem Ganzen eine neue Stimme gibt.

Kein radikaler Neustart, sondern ein selbstbewusster Schritt nach vorne.

Schandmaul – Sternensegler Albumcover
Schandmaul – Sternensegler
  1. Nimm alles mit
  2. Sternensegler
  3. Beide Füße in der Luft
  4. Flagge
  5. Nosferatu
  6. Wo Sprache aufhört
  7. In der Hand
  8. An beiden Enden
  9. Lass nicht los
  10. Trag Dich
  11. Zwei Raben (feat. Laura Fella)
Veröffentlichung: 11. September 2026
Label: Napalm Records
Genre: Folk Rock / Mittelalter Rock
Werbelink / Affiliate-Link
Album kaufen
Marc Blessing paranoyd

Marc Blessing

Marc ist Webmaster, Chefredakteur und Fotograf des Paranoyd Magazins. Als Spezialist für Rock und Metal News sowie Hausfotograf des LKA Longhorns verbindet er Szenekenntnis mit technischem Know-how. Er liefert authentische Konzertberichte, professionellen Content und prägt seit Beginn Qualität, Glaubwürdigkeit und digitale Stärke des Paranoyd Magazins.

Paranoyd Magazin