SARKH – das ist ein dreiköpfiges Gespann aus dem Westerwald, bestehend aus Johannes Dose am Schlagzeug, Ralf Brachtendorf an der Gitarre und Falko Schneider am Bass. Was dem ein oder anderen hier schon aufgefallen sein dürfte, ist, dass der Vocalist fehlt. Das liegt daran, dass SARKH, die sich musikalisch dem Post-Rock und Post-Metal verschrieben haben, ein reines Instrumentalprojekt sind.
Selbst ohne das gesprochene oder gesungene Wort entfaltet die Musik eine ganz eigene, eindringliche Atmosphäre. Sie schafft Raum für Interpretation und lädt dazu ein, mit der Kraft der Vorstellung tief in die Geschichte hinter den Stücken einzutauchen. Was nicht ausgesprochen wird, spricht oft am lautesten – und genau das gelingt hier auf beeindruckende Weise.
Fünf Jahre nach ihrem Debüt hat das Trio nun sein Sophomore-Werk veröffentlicht. Heretical Bastard heißt das gute Stück und ist – wie schon sein Vorgänger – rein instrumental gehalten. Wer sich bereits am Debüt der Band erfreut hat, dem dürften einige der Songs auf dem neuen Werk bekannt vorkommen. Denn vier der sechs Tracks sind ebenfalls auf Helios zu finden.
Da ich allerdings das Erstwerk keiner Review unterzogen habe, kann ich ganz frisch herangehen. Damit würde ich auch sagen: Starten wir und lassen uns überraschen von der Musik von SARKH.
“Heretical Warfare” – Ein Krieg, geführt ohne Worte
Wie immer – oder zumindest relativ oft – beginne ich eine Albumbesprechung mit dem Artwork der Platte. Bei SARKH empfinde ich allerdings irgendetwas daran als wirklich störend, zumindest für mein Auge. Liegt es an dem wirklich süßen Hund auf der Front, der über den Strand rennt? Nein, absolut nicht. Ich hab’s – es sind die zwei unterschiedlichen Schriftarten. Die stören mich mehr, als sie sollten. Hätte man das Ganze ein wenig einheitlicher gestaltet, wäre es für mich eindeutig stimmiger gewesen.
Nun kommen wir zum eigentlichen Grund für diese Review – der Musik. Wir starten mit Helios, einem der bereits bekannten Tracks von der 2023 veröffentlichten EP Helios. Während Schlagzeug und Bass wie wetterfeste Anker das klangliche Fundament bilden, treiben sie zugleich sanft, aber bestimmt die musikalischen Wetterumschwünge voran. Sie schaffen Struktur und Tiefe, halten die Kompositionen im Gleichgewicht, ohne ihre expressive Kraft zu verlieren.
Vor allem ist es jedoch die Gitarre, die sich hier als heimliche Erzählerin des Albums entfaltet – sie ist die Stimme, die ohne Worte spricht, das eigentliche narrative Zentrum des Geschehens. Mit fein nuancierter Artikulation und einem Gespür für dramaturgische Bögen entsteht ein breites Spektrum an Emotionen. In Helios malt die Gitarre impressionistische Bilder von flirrenden Sommerabenden, von Lichtspielen im Laub und melancholischen Spaziergängen. Ihre Töne wirken wie Erinnerungsfetzen – nicht ganz eindeutig, aber tief verankert.
Das abwechslungsreiche Konzept aus Post-Rock- und Post-Metal-Klängen bildet die klangliche Grundstruktur, angereichert durch atmosphärische Ambient-Elemente, die wie Nebelschwaden zwischen den Riffs treiben. Im Vergleich zum Vorgänger ziehen jedoch dunklere Wolken auf. Nicht nur der Titel Zyklon deutet es an – insgesamt weht ein rauerer, ungestümer Wind durch die Kompositionen. Die Musik wirkt unberechenbarer, aufgewühlter und gewinnt dadurch an Intensität und emotionaler Dringlichkeit.
In der zweiten Hälfte von Kanagawa bricht sie aus dem Schweigen hervor, bäumt sich auf, lässt ihre Linien anschwellen und überschlagen sich in dramatischen Wellen – wie ein Sturm, der sich zunächst zaghaft nähert und schließlich mit voller Wucht über das Stück hinwegfegt. Hier zeigt sich die Gitarre nicht nur als Soloinstrument, sondern als stimmungsbildendes Element, das Atmosphären evoziert, Spannungen aufbaut und den Hörer durch emotionale Landschaften führt.
So entsteht eine Klangreise, die keine Worte benötigt, um Geschichten zu erzählen. Sie lebt von Texturen und dem Gefühl, dass hinter jedem Ton ein unausgesprochener Gedanke, eine vergessene Erinnerung oder ein emotionaler Widerhall steckt.
Kanagawa spielt geschickt mit Dynamik und Kontrasten: Lautstärkewechsel setzen markante Akzente, der Track wird stellenweise wild, doch nie chaotisch. Auch in seinen aufgewühlteren Momenten bleibt er kontrolliert und zielgerichtet. Besonders auffällig ist der Bass gegen Ende: Er rückt in den Vordergrund, übernimmt für einen Moment die melodische Führung der Gitarre – ein intensiver, druckvoller Schub, der abrupt in einem plötzlichen Stopp endet. Ein Ausklang, der mehr andeutet, als er preisgibt.
Bekannte Melodien, neue Klänge
Bevor wir uns mit den beiden letzten Songs in neue Gefilde bewegen, beschäftigen wir uns mit dem letzten musikalischen Stück, das wir bereits von der EP kennen. Cape Wrath beendet das Treiben mit einem über zehnminütigen, rifflastigen Post-Metal-Sturmtief. Rhythmisch stürmende Böen wirbeln wie ein aufziehendes Unwetter, das in einem mächtigen Knall kulminiert. Doch aus der drückenden Dunkelheit brechen zaghaft Sonnenstrahlen hervor, die vorsichtig durch die Wolken dringen – man kann den Duft von frischem Sommerregen fast spüren, der alles reinwäscht und Raum für Neues schafft. Ein perfekter Auftakt, um die nächsten Songs willkommen zu heißen, die uns weiter in diese faszinierende Klangwelt entführen.
Glazial bewegt sich ganz im Sinne seines Namens – langsam, kraftvoll und unaufhaltsam wie majestätische Gletscher, die sich stetig durch eine eisige Landschaft wälzen. Obwohl das Tempo eher gemächlich ist und nicht in großen Sprüngen voranschreitet, entfaltet der Song eine beeindruckende Wuchtigkeit und Schwere, die tief ins Mark treffen. Als neuer Beitrag auf dem Album setzt Glazial ein eindrucksvolles Statement, das die atmosphärische Tiefe und emotionale Schwere des Werks weiter verstärkt. Es zeigt eindrucksvoll, wie die Band ihr Klangspektrum erweitert und zugleich ihre charakteristische Intensität bewahrt – ein kraftvoller Beweis dafür, dass hier keine Stagnation herrscht, sondern eine stetige Weiterentwicklung in langsamen, aber unaufhaltsamen Schritten.
In Autumn To June wird es zunächst ruhiger – zumindest scheint es so. Doch diese trügerische Ruhe wandelt sich rasch. Der Song nimmt spürbar an Fahrt auf und entfaltet ein aufgewühltes Klangpanorama, das sich Schicht für Schicht steigert. Was leise beginnt, entwickelt sich zu einem emotional aufgeladenen Höhepunkt, der die Dynamik und Tiefe des Albums nochmals unterstreicht.
Inhaltsverzeichnis
Jennifer Richter
Jennifer Schreibt für das Paranoyd Magazin Reviews von Doom bis Black Metal sowie Konzert- und Festivalberichte mit fundierter Leidenschaft. Spezialisiert auf die extremen Ausläufer der Metal-Szene, liefert er/sie authentische Einblicke und fachkundige Analysen, die immer nah am Kern der Musik bleiben.

