Zehn Songs, zehn Dekrete und ein Imperium zwischen Glaube, Macht und inneren Abgründen: Mit „Blood Of Your Empire“ veröffentlichen PRESIDENT ihr erstes vollständiges Album. Doch kann das mysteriöse Musikphänomen auch über 37 Minuten überzeugen?
Kraftvoll, geheimnisvoll, atmosphärisch, mystisch und düster. So haben wir PRESIDENT bereits beschrieben, als das Musikphänomen gerade erst begann, die Metalwelt aufzuwirbeln. Viel geändert hat sich daran bis heute nicht – außer vielleicht die Dimension.
Als PRESIDENT im Frühjahr 2025 erstmals im Line-up des Download Festivals auftauchten, war über die mysteriöse Formation kaum etwas bekannt. Noch vor dem ersten veröffentlichten Song entstanden Spekulationen und Vergleiche mit Sleep Token, später fiel auch der Name Charlie Simpson. PRESIDENT selbst hielten sich aus dem Rätselraten heraus und ließen Inszenierung und Musik für sich sprechen.
Nun beginnt die nächste Stufe ihrer Regentschaft: Am 4. September 2026 erscheint mit „Blood Of Your Empire“ das erste vollständige Album – oder, um in der Sprache von PRESIDENT zu bleiben: zehn neue Dekrete für ihr musikalisches Imperium.
Ein Dekret unterscheidet sich dabei wesentlich von einem gewöhnlichen Gesetz. Statt ein parlamentarisches Verfahren zu durchlaufen, wird es unmittelbar von einer staatlichen Autorität oder einem Herrscher erlassen. Es wird nicht lange diskutiert, sondern verkündet.
Doch Herrschaft und Religion waren über Jahrhunderte eng miteinander verflochten. Könige herrschten „von Gottes Gnaden“, religiöse Institutionen legitimierten weltliche Macht, und Herrscher wiederum nutzten Glauben, Symbole und Rituale, um Autorität zu festigen.
Genau diese Verbindung begegnet uns auch auf „Blood Of Your Empire“. Engel, Gott, Erlösung und Zweifel ziehen sich durch die neue Regentschaft und werfen eine zentrale Frage auf: Verspricht der Glaube tatsächlich Rettung – oder ist er selbst Teil jener Machtstrukturen, an denen PRESIDENT zu rütteln beginnen?
Dekret I – Angel Wings
„Angel Wings“ verzichtet auf jede zeremonielle Eröffnung und führt uns ohne Umwege direkt ins Zentrum der Macht. Musikalisch schlagen PRESIDENT unmittelbar mit voller Wucht zu, inhaltlich zeigt sich das erste Dekret dagegen erstaunlich verletzlich. Zwischen Hoffnungslosigkeit, Reue und der Sehnsucht nach Schutz sucht der Protagonist Zuflucht unter den titelgebenden Engelsflügeln – bis der vermeintliche Rettungsanker zu bröckeln beginnt.
PRESIDENT treten äußerlich als mächtige, autoritäre Instanz auf, eröffnen ihr Imperium aber mit einem Dekret über Verletzlichkeit und das Bedürfnis, gerettet zu werden.
Dekret II – DOOM LOOP
„DOOM LOOP“ stellt anschließend die Bedeutung der Zeit infrage. Tage zerfallen, Jahre ziehen vorbei und zurück bleiben Erinnerungen an Momente, deren Wert offenbar erst erkannt wird, wenn sie längst verloren sind. Daraus entsteht ein Kreislauf aus Schmerz, Vergänglichkeit und dem Versuch, all das irgendwie zu betäuben.
Musikalisch legen PRESIDENT darunter ein düsteres, mystisches Fundament voller Atmosphäre. Umso stärker wirkt die helle Stimme des Protagonisten, die sich beinahe wie eine Lichtgestalt aus der Dunkelheit erhebt und einen spannenden Kontrast zur bedrückenden Grundstimmung bildet.
Auch die Engel kehren zurück – und erneut reicht die Hoffnung auf Erlösung nicht aus. Der Glaube verspricht Rettung, doch im Imperium von PRESIDENT scheint selbst der Himmel keine Garantie dafür zu geben.
Dekret III – dark heaven
Mit „dark heaven“ richtet sich der Blick erstmals stärker auf das Imperium selbst. Religion, Macht und Patriotismus verschmelzen zu einer Anklage gegen eine Welt, in der Waffen gesegnet, Flaggen verehrt und Tote zu Zahlen degradiert werden. Gleichzeitig verschärft sich die Glaubenskrise: Selbst das „Hallelujah“ wird zur verzweifelten Frage, ob dort oben überhaupt noch jemand zuhört.
Musikalisch geschieht überraschend das Gegenteil. „dark heaven“ wirkt deutlich heller und klarer als seine Vorgänger. Die düstere Klangwelt der ersten beiden Dekrete scheint sich erstmals zu lichten – während der Text immer tiefer ins Dunkel führt. Aus dem erhofften Himmel ist ein „dark heaven“ geworden.
Dekret IV – Pink Noise
„Pink Noise“ eröffnet beinahe kitschig mit einer Melodie, die direkt aus einem Videospiel stammen könnte, bevor der Song langsam in die Klangwelt von PRESIDENT hinübergleitet. Schnelle rhythmische Passagen wechseln sich mit dem hellen Gesang des Protagonisten ab, während die verspielte Melodie immer wieder in die Dynamik hineinbricht.
Dazwischen erhebt sich eine monumentale präsidiale Ansprache, die das vierte Dekret endgültig zurück ins Zentrum unserer Regentschaft holt. Ein ungewöhnlicher Mix aus Verspieltheit, Dynamik und inszenierter Autorität, der „Pink Noise“ bislang zu einem der eigenwilligsten Erlass des Albums macht.
Dekret V – Mercy
Mit „Mercy“ beginnt die Regentschaft endgültig zu bröckeln. Im Namen Gottes wird nach Gnade gerufen und gleichzeitig gefragt, wo diese rettende Hand war, als sie tatsächlich gebraucht wurde.
Musikalisch weicht die Mystik einer neuen Klarheit. Der radiotaugliche Midtempo-Song treibt mit angenehmem Rhythmus geradlinig nach vorne und wirkt deutlich zugänglicher als die ersten Dekrete. Gleichzeitig fällt erstmals der entscheidende Satz des Albums: Der Protagonist droht, im Blut des Imperiums zu ertrinken. Aus Zweifel wird offene Anklage.
PRESIDENT suchen nicht länger nur nach Erlösung – sie beginnen, ihr eigenes Imperium für das entstandene Leid verantwortlich zu machen.
Dekret VI – Sleepwalker
„Sleepwalker“ eröffnet mit einer bitteren Ansage: Egal, was du tust, erreichst, besitzt oder verlierst – am Ende interessiert es niemanden. Das beinahe hämische Lachen des Samples verstärkt diese Botschaft zusätzlich.
Danach kehrt PRESIDENT die Zerbrechlichkeit des Protagonisten wieder nach außen. Er scheint in einem endlosen Traum festzuhängen, in dem er nicht gesehen wird – schlafwandelnd und ohne zu wissen, wie er daraus erwachen kann. Nach der offenen Anklage in „Mercy“ richtet sich der Blick damit wieder nach innen und offenbart Einsamkeit und Orientierungslosigkeit.
Dekret VII – Dionysus
Mit „Dionysus“ findet sich ein alter Bekannter im neuen Imperium. Bereits vor rund einem Jahr auf der „King Of Terrors“-EP veröffentlicht, ist das siebte Dekret streng genommen gar kein neues.
Für „Blood Of Your Empire“ wurde der Song allerdings neu aufgenommen und gewinnt durch die deutlich stärkeren Gitarren spürbar an Härte. Was auf der EP noch zu den eher schwächeren Momenten gehörte, fügt sich nun überraschend stimmig ins Gesamtbild ein. Auch inhaltlich passt die Suche nach Halt zwischen Angst, Abhängigkeit und dem Versuch, sich zu lösen, hervorragend in die bisherige Regentschaft.
Ein alter Erlass, der musikalisch nachgeschärft wurde und innerhalb der neuen Regentschaft plötzlich deutlich mehr Sinn ergibt.
Dekret VIII – This Will Divide Us
Mit „This Will Divide Us“ zieht sich die Regentschaft beinahe vollständig zurück. Der ruhige Song verzichtet weitgehend auf große Höhepunkte und stellt stattdessen ein Gefühl von Aussichtslosigkeit und Resignation in den Mittelpunkt.
Ein stilles Dekret, das weniger verkündet als vielmehr kapituliert.
Dekret IX – Hate Figure (Feat. Ando San)
Und plötzlich fällt das Imperium. „Hate Figure“ vollzieht den radikalsten Stilbruch des Albums und lässt von der bisherigen Mystik und Schwere kaum etwas übrig. Prog-Hop-Künstler Ando San bringt eine völlig neue Dynamik ins Spiel und verwandelt das neunte Dekret in eine überraschende Ladung Party-Rock mit einer Prise PRESIDENT.
Stellenweise erinnert der Groove sogar entfernt an „(Rock) Superstar“ von Cypress Hill. Nach acht Dekreten voller Atmosphäre, Zweifel und innerer Abgründe wirkt „Hate Figure“ beinahe wie ein Fremdkörper – aber einer, der das bisherige Imperium mit bemerkenswerter Konsequenz zum Einsturz bringt.
Dekret X – White Devil
Das letzte Dekret überrascht zunächst mit dem Ambiente einer 50er-Jahre-Tanzstube. Verspielte Pianosounds schaffen einen beinahe humorvollen Kontrast zum bisherigen Album, bevor der Protagonist ein letztes Mal das Mikrofon übernimmt.
Nach all der Mystik, Schwere und Aussichtslosigkeit wirkt „White Devil“ wie eine Befreiung. PRESIDENT lösen ihren klammernden Griff und entlassen uns noch während des Songs zurück in die Realität. Ein überraschend erfrischender Schlusspunkt unter eine ansonsten ausgesprochen düstere Regentschaft.
Fazit
Mit „Blood Of Your Empire“ liefern PRESIDENT ein atmosphärisch dichtes Debüt ab. Düster, mystisch und teilweise beinahe beklemmend erschafft die Band eine Klangwelt, die über weite Strecken eher an den Soundtrack eines düsteren Films als an ein klassisches Album erinnert.
Genau darin liegt allerdings auch eine Schwäche. Die schwere Grundstimmung wirkt mit zunehmender Spielzeit stellenweise etwas einseitig. Ein paar zusätzliche Brüche mit der eigenen Klangwelt hätten „Blood Of Your Empire“ gutgetan – zumal „Hate Figure“ eindrucksvoll zeigt, wie erfrischend PRESIDENT klingen können, wenn sie ihre selbst gesetzten Grenzen verlassen.
Auch die mit rund 37 Minuten recht knappe Spielzeit hinterlässt einen kleinen Beigeschmack. Dass mit „Dionysus“ zudem ein bereits von der „King Of Terrors“-EP bekannter Song erneut auftaucht, wirkt trotz der gelungenen Neuaufnahme etwas einfallslos.
Dennoch gelingt PRESIDENT der entscheidende Schritt: Die Band funktioniert längst nicht mehr nur über Masken, Anonymität und Inszenierung. Hinter dem Musikphänomen steckt genügend musikalische Substanz, um auch ohne das große Mysterium zu bestehen. „Blood Of Your Empire“ ist kein leichtes Album – aber eines, das seine ganz eigene Welt erschafft.
1.Angel Wings
2.DOOM LOOP
3.dark heaven
4.Pink Noise
5.Mercy
6.Sleepwalker
7.Dionysus
8.This Will Devide Us
9.Hate Figure (feat. Ando San)
10.White Devil
VÖ: 04. September 2026
Label: Atlantic Records
Tilo Sief
Tilo ist Fotograf & Redakteur beim Paranoyd Magazin. Dokumentiert Konzerte & Festivals in NRW, BeNeLux & Ruhrgebiet mit Leidenschaft & Präzision. Er bringt eine Menge Erfahrung mit und kennt sich bestens in der Szene aus.
Mehr zu dieser Band
Bandbiografie →

President: Geheimnisvolle Metal-Sensation auf Tour




