Es gibt diese seltenen Momente, in denen eine Band die Bildfläche betritt und sofort eine Lücke füllt, von der man gar nicht wusste, wie tief sie eigentlich war. NIKRA aus Mannheim sind genau so ein Phänomen. Mit ihrem Debütalbum „Über beide Ohren“ liefern sie eine Platte ab, die so reif und entschlossen klingt, als hätten sie die letzten zehn Jahre nichts anderes getan, als an diesem spezifischen Sound zu feilen.
Unter der Regie von Produzent Mathias Bloech (Heisskalt) ist ein Werk entstanden, das die Energie des Post-Hardcore mit einer melodischen Zugänglichkeit paart, die im deutschsprachigen Raum ihresgleichen sucht.
NIKRA und die politische Schieflage unserer Zeit
Der Einstieg in das Album könnte kaum imposanter sein: Mit „Schieflage“ wählen NIKRA einen Opener, der sofort klarstellt, dass hier niemand ein Blatt vor den Mund nimmt. Das dominierende Gitarrenriff ist ein Statement für sich – ein massives Fundament, auf dem Sängerin Annabelle Müller ihre Vision einer gerechteren Welt ausbreitet. Der Song ist eine direkte Antwort auf die gesellschaftlichen Verwerfungen und den politischen Rechtsruck des Jahres 2025.
Doch anstatt in purer Resignation zu verharren, verwandeln NIKRA das Gefühl der Ohnmacht in eine kollektive Kraftanstrengung. Es ist ein Aufruf zum Zusammenhalt, eine musikalische Umarmung für all jene, die sich in den aktuellen Schlagzeilen verloren fühlen. Hier wird Rockmusik wieder zu dem, was sie im Kern sein sollte: Ein Sprachrohr für die, die Haltung zeigen wollen, ohne dabei den Mut zu verlieren.
Emotionale Tiefe zwischen Melodie und Gesellschaftskritik
Musikalisch bewegen sich NIKRA in einem spannenden Feld. Wer Bands wie FJØRT oder Adam Angst schätzt, wird sich hier sofort zu Hause fühlen, doch NIKRA gehen einen entscheidenden Schritt weiter in Richtung Melodie. Die Songs sind kantig und besitzen eine emotionale Schwere, bleiben dabei aber stets greifbar und eingängig. Besonders deutlich wird dies bei der Single „Bewegen“, einem Song, der durch die Zusammenarbeit mit Mathias Bloech eine besondere Dynamik entwickelt. Er verkörpert die Vision der Band perfekt: Ein Sound, der an internationale Größen wie Basement erinnert, aber tief in der hiesigen Lebensrealität verwurzelt ist.
In Tracks wie „Alles gelogen“ zeigt die Band zudem eine lyrische Schärfe, die weh tut. Wenn die Klimakrise und die Ignoranz der Konzerne thematisiert werden, geschieht das nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit einer spürbaren, persönlichen Betroffenheit. Auch die verletzliche Seite kommt nicht zu kurz – „Bis ans Ende“ oder „Orbit“ beleuchten die emotionalen Irrläufe einer Generation Mitte Zwanzig, die versucht, zwischen gesellschaftlichem Druck und individueller Selbstverwirklichung nicht die Orientierung zu verlieren.
„Über beide Ohren“ ist am Ende viel mehr als nur ein gelungener Einstand. Es ist ein ehrliches, lautes und zutiefst menschliches Album, das genau zur richtigen Zeit kommt.

Marc Blessing
Marc ist Webmaster, Chefredakteur und Fotograf des Paranoyd Magazins. Als Spezialist für News, Hausfotograf des LKA Longhorns und IMAGO-Contributor verbindet er tiefgreifende Rock-Expertise mit technischem Know-how. Marc liefert authentische Konzertberichte, professionellen Content sowie pointierte Kolumnen und bildet von Beginn an das journalistische und technische Fundament vom Paranoyd-Magazin.

