In This Moment öffnen mit „Witch“ 11 bizarre Tore ihres Klangschlosses

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Dunkel, theatralisch und voller Abgründe: In This Moment öffnen am 28. August mit „Witch“ die Tore zu ihrem neunten Studioalbum. Wir haben die Einladung angenommen und uns tief in die Klanggewölbe des neuen Werks gewagt. Doch wer dieses Schloss einmal betritt, findet vielleicht nicht so schnell wieder hinaus.

In This Moment waren noch nie eine Band, die sich lange an einem festen musikalischen Konzept festgehalten hat. Seit ihrer Gründung im Jahr 2005 haben sich die US-Amerikaner immer wieder neu erfunden und ihren ursprünglich deutlich härteren Sound Stück für Stück um elektronische Elemente, große Melodien und eine zunehmend düstere Atmosphäre erweitert. Konstant geblieben sind dabei vor allem Maria Brink und Chris Howorth, die der Band bis heute ihren unverkennbaren Charakter verleihen.

Am 28. August 2026 öffnet sich nun ein weiteres Kapitel dieser Geschichte. Drei Jahre nach „Godmode“ laden In This Moment mit ihrem mittlerweile neunten Studioalbum „Witch“ in ein düsteres Gemäuer ein, dessen Klanggewölbe und verborgene Pfade es zu erkunden gilt. Eine Reise zwischen Dunkelheit, Sehnsucht, Härte und Theatralik liegt vor uns – ohne zu wissen, wohin sie uns am Ende führen wird. Also nehmen wir die Einladung an und treten ein.

Zwischen Dunkelheit, Abgründen und großen Momenten

Bereits der Opener „Shame“ setzt ein fettes Ausrufezeichen. Statt vorsichtiger Annäherung gibt es erst einmal die volle Dröhnung. Es fühlt sich an, als würden die schweren Türen hinter uns ins Schloss fallen und wir plötzlich in einer pompösen, finsteren Empfangshalle stehen. Alles wirkt gewaltig, dunkel und beinahe erdrückend – gleichzeitig möchte man unbedingt wissen, was sich hinter der nächsten Tür verbirgt.

Also weiter. Angekommen im nächsten Raum warten bereits Dayseeker in einer verstaubten, nebelverhangenen Stube. Gemeinsam formen sie „I Want To Believe“ zu einer erfrischend düsteren Hymne, in der die Qualitäten beider Bands erstaunlich gut miteinander verschmelzen. Die finstere Theatralik von In This Moment trifft auf die emotionale und melodische Handschrift von Dayseeker und macht den Song bereits früh zu einem sehr auffälligen Moment auf „Witch“.

This Moment live auf der Bühne beim Konzert © Tilo Sief
Credit: Jeremy Saffer

Mit „Crawl“ nimmt unser Rundgang etwas an Tempo auf. Doch statt durch die nächste Tür zu schreiten, kriechen wir wie auf der Flucht durch einen engen, dunklen Schacht. Der Song treibt uns mit seinen monotonen, beinahe hypnotischen Bewegungen unerbittlich nach vorne. Wohin dieser Schacht führt, bleibt zunächst im Dunkeln.

Und im Dunkeln ist dabei genau das richtige Stichwort. Denn „In The Dark“ führt uns in eine finstere Kammer tief unterhalb des Schlosses – einen Ort, der sich beinahe wie der Ursprung allen Seins anfühlt. In diesem kalten Kellergewölbe entfaltet sich eine düstere Ballade, die an emotionaler Schwere kaum zu übertreffen ist. Maria Brinks Stimme wird inmitten dieser Dunkelheit zum gefühlvollen Pol der Verdammnis und trägt Verletzlichkeit, Melancholie und tiefe Schwere durch den Raum.

Aus den Fängen der Dunkelheit herausgekämpft, führt uns die zweite Singleauskopplung „Sleeping With The Enemy“ schließlich zurück ans Tageslicht. Was folgt, gleicht einem Ritt der Klarheit durch den verworrenen Schlossgarten. Songwriting und Produktion erinnern dabei stark an jene Phase, in der In This Moment mit Stücken wie „Whore“ oder „Blood“ einige ihrer größten Hymnen erschaffen haben. „Sleeping With The Enemy“ gehört damit zu den stärksten und vor allem hymnentauglichsten Momenten auf „Witch“.

Doch die gewonnene Klarheit hält nicht lange an. Mit „Wrapped Around Your Finger“ finden wir uns in einem hohen, undurchsichtigen Labyrinth aus alten, dicht verwachsenen Hecken wieder. Der Song nimmt Tempo heraus und schickt uns auf die Suche nach dem richtigen Weg. Zum Wegweiser wird dabei eine monotone Orgel im Hintergrund, die in unregelmäßigen Abständen immer wieder dieselbe Tonfolge aufgreift. Gegen Ende lichtet sich schließlich das Dickicht und erstes Licht weist uns den Weg hinaus.

Doch das nächste Unheil lässt nicht lange auf sich warten. Mit „Heretic“ geraten wir mitten in einen aufgeregten Kampf mit den alten Geistern des Schlosses. Schließlich erhebt sich der vermeintliche Endgegner aus den Schatten: Kim Dracula. Mit seinem völlig entfesselten Solopart drückt er dem Song seinen eigenen Stempel auf und erschafft einen ikonischen Moment, der unweigerlich Erinnerungen an Jonathan Davis in Korns „Freak on a Leash“ weckt.

Nach dem wilden Kampf kehrt mit „Father“ plötzlich Ruhe ein. Der Song steht sinnbildlich für Heimkehr, Beständigkeit, Heimat und Erdung und führt uns in eine friedliche, wohlig warme Stube. Zum ersten Mal scheint die Bedrohung vollständig verschwunden – ein warmer Ruhepol inmitten der allgegenwärtigen Dunkelheit von „Witch“.

Doch lange dürfen wir uns nicht ausruhen. Maria Brink fordert uns mit „Walk through flames with me“ auf, ihr zu folgen – und mit „Without Me There’s No You“ führt unser Weg mitten durch die lodernden Flammen eines alten Ballsaals. An wen Brink ihre eindringlichen Worte richtet, bleibt offen. Spricht sie zu einer anderen Person oder besteht sogar eine Verbindung zum zuvor gehörten „Father“? Während um uns herum der Ballsaal in Flammen steht, bleibt nur die Aufforderung, Brink weiter durch das Feuer zu folgen.

Im nächsten Raum wartet ein echter Klassiker der Rockgeschichte im neuen Gewand. Mit „Another Brick in the Wall“ von Pink Floyd wagen sich In This Moment an große Fußstapfen – stolpern dabei jedoch ein wenig. Die Neuinterpretation entpuppt sich als größte Schwachstelle von „Witch“. Auch Kat Von D bleibt als Gast derart unauffällig, dass sich die Frage stellt, welche Rolle die gute Hausdame hier eigentlich übernimmt – oder ob ihr Name vor allem aus Marketinggründen auf der Gästeliste des Schlosses steht.

Den Schlusspunkt setzt schließlich „Something I Can Never Have“. Auf einem düsteren, monotonen Fundament liegt eine spürbare Sehnsucht in Maria Brinks Stimme. Doch sollen wir bleiben oder endlich den Weg nach draußen antreten? Unentschlossen tänzeln wir vor dem großen Ausgang umher, während die Reise durch die alten Gemäuer noch einmal vor unserem inneren Auge vorbeizieht.

Was haben wir hier eigentlich gerade erlebt? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Also entscheiden wir uns zu gehen, greifen nach der schweren Klinke – und erleben die letzte Überraschung von „Witch“:

Die Tür ist verschlossen!

Fazit: Gefangen in den Klanggewölben von „Witch“

Mit „Witch“ erschaffen In This Moment ein atmosphärisch dichtes Album, das seine größten Stärken genau dort ausspielt, wo Dunkelheit, Theatralik und große Melodien miteinander verschmelzen. Dabei klingt das neunte Studioalbum vertraut und gleichzeitig eigenständig genug, um innerhalb der langen Bandgeschichte seine eigene Nische zu finden.

Nicht jede Station unseres Rundgangs hinterlässt dabei den gleichen Eindruck. „Another Brick in the Wall“ bleibt am Ende vielleicht tatsächlich nicht mehr als ein einzelner Stein in den gewaltigen Mauern dieses Schlosses. Doch der Gesamteindruck des Gemäuers gerät dadurch keineswegs ins Wanken. Dafür warten hinter den übrigen Türen zu viele starke Momente und mitreißende Hymnen, die „Witch“ zu einer Reise machen, auf die man sich gerne ein zweites Mal begibt.

Vielleicht ist es also gar nicht so schlimm, dass die Tür verschlossen ist. Dann drehen wir eben noch eine Runde.

ITM WITCH FINAL
In This Moment „Witch“

Shame (4:21)
I Want To Believe (feat. Dayseeker) (4:41)
Crawl (3:51)
Into The Dark (4:31)
Sleeping With The Enemy (4:04)
Wrapped Around Your Finger (4:50)
Heretic (feat. Kim Dracula) (3:03)
Father (4:48)
Without Me There’s No You (4:44)
Another Brick In The Wall (feat. Kat Von D) (3:55)
Something I Can Never Have (6:58) 

Release Datum: 28. August 2026
Label: Better Noise Music
Genre: Metalcore
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Tilo Sief

Tilo ist Fotograf & Redakteur beim Paranoyd Magazin. Dokumentiert Konzerte & Festivals in NRW, BeNeLux & Ruhrgebiet mit Leidenschaft & Präzision. Er bringt eine Menge Erfahrung mit und kennt sich bestens in der Szene aus.

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