Ein Live-Album, das acht Jahre auf seine Veröffentlichung wartet, muss sich erst einmal die Frage gefallen lassen, warum es gerade jetzt erscheinen muss. Bei den Hollywood Vampires fällt die Antwort allerdings ziemlich leicht: „At Montreux Jazz Festival“ dokumentiert einen Abend, an dem Alice Cooper, Joe Perry, Johnny Depp und Tommy Henriksen gemeinsam auf der Bühne standen und genau das machten, wofür dieses Projekt gegründet wurde – ihre musikalischen Helden feiern und deren Songs mit der eigenen Handschrift versehen.
Aufgenommen wurde das Konzert 2018 beim Montreux Jazz Festival. 19 Songs sind darauf versammelt, darunter eigene Stücke der Hollywood Vampires ebenso wie Klassiker von The Doors, Motörhead, The Who, Aerosmith und David Bowie.
Zwischen eigenen Songs und großen Rock-Klassikern
Schon der Einstieg mit „I Want My Now“ und „Raise the Dead“ macht klar, dass sich die Hollywood Vampires nicht ausschließlich über ihre prominenten Namen definieren. Beide Songs gehören zum eigenen Repertoire und geben dem Konzert eine eigene Richtung, bevor mit „I Got a Line on You“ und „7 and 7 Is“ die ersten Fremdkompositionen folgen.
Genau diese Mischung funktioniert auf dem gesamten Album erstaunlich gut. Die Band springt zwischen Eigenmaterial und Klassikern hin und her, ohne dass daraus ein beliebiges Best-of des Rock wird.
„My Dead Drunk Friends“ passt dabei ebenso selbstverständlich ins Programm wie „Five to One / Break on Through“. Gerade bei den Songs aus der Geschichte des Rock wird deutlich, worum es den Hollywood Vampires geht: nicht um eine möglichst originalgetreue Kopie, sondern um eine eigene Live-Version.

„Ace of Spades“ sorgt für einen der härtesten Momente
Einer der spannendsten Titel ist für mich „Ace of Spades“. Der Motörhead-Klassiker bringt eine andere Härte in das Set und passt trotzdem erstaunlich gut in den Sound der Hollywood Vampires. Die Nummer wurde als Hommage an Lemmy ausgewählt und gehört zu den zuvor nicht offiziell veröffentlichten Coverversionen des Albums.
Danach geht es mit „Baba O’Riley“ weiter. Auch hier versucht die Band nicht, The Who nachzuspielen. Vielmehr wird der Klassiker zu einem weiteren Baustein eines Konzerts, das sich musikalisch durch mehrere Jahrzehnte Rockgeschichte bewegt.
Joe Perry und die Aerosmith-Momente
Natürlich bekommt Joe Perry auf „At Montreux Jazz Festival“ reichlich Gelegenheit, seine eigene musikalische Vergangenheit einzubringen. „Combination“ und „Sweet Emotion“ gehören dabei zu den Songs, bei denen die Verbindung zu Aerosmith besonders deutlich wird.
Interessant ist, dass diese Stücke innerhalb des Vampires-Konzepts nicht wie Fremdkörper wirken. Sie stehen neben Songs von Alice Cooper und den zahlreichen Coverversionen und fügen sich dadurch in das Gesamtbild ein.
Auch „The Jack“ sorgt für einen Moment, in dem die Band ihre Classic-Rock-Seite voll ausspielen kann.
Johnny Depp und „Heroes“
Der vielleicht überraschendste Moment kommt mit David Bowies „Heroes“.
Johnny Depp übernimmt den Gesang und gibt dem Klassiker eine deutlich persönlichere Note. Gerade weil das Konzert ansonsten immer wieder ordentlich Druck entwickelt, funktioniert dieser etwas emotionalere Moment sehr gut.
„Heroes“ ist deshalb für mich einer der Songs, die das Album über eine reine Rockparty hinausheben. Hier geht es nicht nur um Lautstärke oder bekannte Namen, sondern tatsächlich um eine Verbindung zu einem Song und dessen Geschichte.
Alice Cooper gibt dem Ganzen die Richtung
Bei aller Aufmerksamkeit für Joe Perry und Johnny Depp bleibt Alice Cooper der Musiker, der dem Projekt seine besondere Identität gibt. Seine eigene Geschichte ist eng mit dem Konzept der Hollywood Vampires verbunden. Der Name der Band geht schließlich auf den legendären Trinkclub zurück, den Cooper in den 1970er-Jahren mit Rockmusikern wie John Lennon und Keith Moon verband.
Auf dem Album zeigt sich diese Verbindung vor allem dort, wo eigene Songs und Klassiker direkt nebeneinanderstehen. „As Bad As I Am“, „The Boogieman Surprise“ und „I’m Eighteen“ führen zurück zu Cooper, während „People Who Died“ oder „Train Kept A-Rollin’“ das Spektrum wieder erweitern.
Dadurch entsteht kein streng durchkomponiertes Album, sondern eher das Gefühl, bei einem Konzert dabei zu sein, bei dem die Musiker einfach spielen, worauf sie Lust haben – solange es mit Rockgeschichte zu tun hat.
Ein ehrliches Live-Dokument
Genau darin liegt für mich die Stärke von „At Montreux Jazz Festival“. Das Album versucht nicht, etwas zu sein, was es nicht ist. Es ist kein neues Studioalbum und auch keine musikalische Revolution.
Es ist ein Live-Dokument einer Band, die Spaß daran hat, große Songs zu spielen.
Und dieser Spaß überträgt sich. Die Hollywood Vampires haben genug eigene Musik im Gepäck, um nicht von ihren Coverversionen abhängig zu sein. Gleichzeitig sind sie sich bewusst, dass gerade die Klassiker einen wesentlichen Teil ihrer Identität ausmachen.
Das Finale mit „School’s Out / Another Brick in the Wall“ passt deshalb hervorragend. Nach „Heroes“ und „Train Kept A-Rollin’“ geht es noch einmal zurück zu Alice Cooper und anschließend in eine große, gemeinsame Rocknummer.
„At Montreux Jazz Festival“ ist damit vor allem eines: ein Album für alle, die Rockmusik nicht als Museum betrachten. Die Hollywood Vampires nehmen die Songs ihrer Helden, spielen sie mit ihren eigenen musikalischen Erfahrungen und geben sie an ein neues Publikum weiter.
Das muss nicht immer überraschend sein. Aber es macht verdammt viel Spaß.
01. I Want My Now
02. Raise the Dead
03. I Got a Line on You
04. 7 and 7 Is
05. My Dead Drunk Friends
06. Five to One / Break on Through
07. The Jack
08. Ace of Spades
09. Baba O’Riley
10. As Bad as I Am
11. The Boogieman Surprise
12. I’m Eighteen
13. Combination
14. People Who Died
15. Sweet Emotion
16. Welcome to Bushwackers
17. Heroes
18. Train Kept A-Rollin’
19. School’s out / Another Brick in the Wall
Marc Blessing
Marc ist Webmaster, Chefredakteur und Fotograf des Paranoyd Magazins. Als Spezialist für Rock und Metal News sowie Hausfotograf des LKA Longhorns verbindet er Szenekenntnis mit technischem Know-how. Er liefert authentische Konzertberichte, professionellen Content und prägt seit Beginn Qualität, Glaubwürdigkeit und digitale Stärke des Paranoyd Magazins.
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