Es gibt Alben, die wollen möglichst laut sein. Andere setzen auf den schnellen Ohrwurm. „immernie“ (VÖ 21.08.26) geht einen anderen Weg. Hi! Spencer nehmen sich Zeit, erzählen Geschichten und schaffen es dabei, Erinnerungen, Zweifel und Hoffnung in Songs zu verpacken, die auch nach dem letzten Ton noch nachwirken.
Schon nach den ersten Liedern wird deutlich, dass sich das Album immer wieder um Vergänglichkeit dreht. Um Momente, die viel zu schnell vorbeigehen, um Menschen, die Spuren hinterlassen, und um die Erkenntnis, dass gerade das Endliche vielen Erinnerungen ihren Wert gibt. Dabei wirkt „immernie“ nie hoffnungslos. Zwischen den nachdenklichen Texten blitzt immer wieder Zuversicht auf.
Musikalisch fühlt sich das Album angenehm vielseitig an. Rock, Punk, Indie und Pop greifen ineinander, ohne dass sich Hi! Spencer auf einen Stil festlegen. Mal drücken die Gitarren nach vorne, wenig später nehmen ruhige Passagen das Tempo heraus, bevor sich die Songs wieder öffnen. Diese Dynamik sorgt dafür, dass „immernie“ über die gesamte Spielzeit spannend bleibt.
Besonders gefallen hat mir, dass die Band ihren Texten genügend Raum gibt. Statt große Parolen zu formulieren, erzählen Hi! Spencer von Situationen, die fast jeder kennt. Erinnerungen an einen Ort, das Ende eines Sommers oder die Frage, wie man mit Veränderungen umgeht – vieles wirkt nahbar, weil es nicht überzeichnet wird.
Zwischen Melancholie und Hoffnung
„Heimweh“ gehört für mich zu den stärksten Momenten des Albums. Der Song blickt auf Orte und Erinnerungen zurück, ohne ihnen hinterherzutrauern. Stattdessen schwingt die Erkenntnis mit, dass manches einfach seinen Platz in der Vergangenheit hat. Einen anderen Akzent setzt „Restlichtverstärker“, das musikalisch mehr Druck entwickelt und zeigt, wie gut die Band ruhige und kraftvolle Momente miteinander verbinden kann. Beide Songs stehen stellvertretend für das, was „immernie“ insgesamt ausmacht.
Auch klanglich wirkt alles stimmig. Die Produktion drängt sich nie in den Vordergrund, sondern gibt den Songs den Raum, den sie brauchen. Gitarren, Synthesizer und Gesang ergänzen sich, ohne dass eines das andere überlagert. Dadurch funktionieren sowohl die leiseren als auch die energiegeladenen Stücke gleichermaßen.
Fazit
„Immernie“ ist kein Album, das mit aller Macht Aufmerksamkeit einfordert. Es wächst vielmehr mit jedem Durchlauf und lebt von den vielen kleinen Momenten, die hängen bleiben. Hi! Spencer gelingt es, ernste Themen mit tollen Melodien zu verbinden, ohne dabei kitschig oder belehrend zu wirken. Wer sich auf die Platte einlässt, entdeckt ein Album, das nicht auf den schnellen Effekt setzt, sondern durch seine Ehrlichkeit und seine abwechslungsreichen Songs überzeugt.

Marc Blessing
Marc ist Webmaster, Chefredakteur und Fotograf des Paranoyd Magazins. Als Spezialist für Rock und Metal News sowie Hausfotograf des LKA Longhorns verbindet er Szenekenntnis mit technischem Know-how. Er liefert authentische Konzertberichte, professionellen Content und prägt seit Beginn Qualität, Glaubwürdigkeit und digitale Stärke des Paranoyd Magazins.

