FJØRT: „belle époque“ trifft mitten ins Mark

FJØRT: „belle époque“ trifft mitten ins Mark

Mit belle époque zeichnen FJØRT das wohl dunkelste Kapitel ihrer bisherigen Laufbahn. Wo sich früher noch zwischen aller Schwere kurze Momente von Weite öffneten, herrscht hier fast durchgehend Enge. Die Platte fühlt sich nicht wie ein Blick nach vorn an, sondern wie ein ernüchtertes Innehalten. Hoffnung wird nicht komplett verneint, aber sie wirkt erschöpft.

Das Album ist eine wuchtige Verbindung aus schweren Klangflächen, nervösen Spannungsbögen und dystopischen Texten. Während Nichts! gesellschaftliche Missstände noch beobachtete und benannte, wirkt dieses Werk beinahe wie ein verzweifeltes letztes Aufbäumen. Die Band hält der Gegenwart den Spiegel vor und vermeidet jede Form von Trostpflaster. Statt Antworten gibt es Konfrontation.

Die Songs führen dabei in extreme Szenarien: In „mir“ entsteht die beklemmende Atmosphäre einer Verhörsituation, in der spürbar wird, wie sich völlige Handlungsunfähigkeit anfühlt. „’43“ und „rott“ verweisen auf reale Schlachtfelder und stellen Gewalt ungeschönt in den Mittelpunkt. „kalie“ wirkt wie ein Blick an das Ende aller Zeit, während „hertz“ in Schlachthöfe führt, in denen das Töten zu einer mechanischen Routine geworden ist. Immer wieder geht es um Ohnmacht, um Kreisläufe, die sich scheinbar endlos wiederholen, und um die Frage, wie viel Verantwortung man selbst eigentlich noch verdrängen kann.

Dabei funktioniert die Platte vor allem als Gesamtwerk. Die Songs stehen weniger für sich allein, sondern greifen ineinander wie Kapitel eines durchgehenden Gedankens. Zwischen eruptiven Ausbrüchen liegen ruhige, fast fragile Passagen, die die Anspannung sogar noch verstärken. Gerade diese Dynamik sorgt dafür, dass das Album nicht abstumpft, sondern mit jeder Minute dichter wirkt.

Auch klanglich entfernt sich die Band ein Stück von dem, was man noch auf Nichts! gehört hat. Die Gitarren wirken stellenweise offener, rhythmische Strukturen brechen häufiger auf und manche Passagen nehmen sich bewusst zurück. Genau darin liegt aber die Stärke der Platte. Es geht nicht darum, ob alles größer oder härter geworden ist, sondern darum, dass eine echte Weiterentwicklung hörbar wird. FJØRT erweitern ihren Sound, ohne ihre Identität zu verlieren.

Einen einzelnen Favoriten herauszugreifen fällt schwer, weil jeder Song seinen Platz in dieser Dramaturgie hat. Nichts wirkt zufällig gesetzt, nichts wie ein Lückenfüller. Die Wirkung entsteht gerade daraus, dass man das Album am Stück erlebt.

Unterm Strich bleibt eine klare Empfehlung – besonders für Hörerinnen und Hörer, die sich mit der Gegenwart, ihren Spannungen und den eigenen Gedanken dazu auseinandersetzen. belle époque will nicht gefallen und auch nicht beruhigen. Es fordert Aufmerksamkeit, lässt einen aber gleichzeitig nicht kalt. Gerade deshalb bleibt es lange im Kopf hängen.

FJØRT: „belle époque“ trifft mitten ins Mark
©Holger Kochs
FJØRT: „belle époque“
Paranoyd Album Check 10 von 10
Fazit: „belle époque“ ist kein Album zum Nebenbei-Hören. FJØRT konfrontieren statt zu beruhigen und hinterlassen mehr Fragen als Antworten. Gerade als Gesamtwerk entfaltet die Platte ihre Wirkung: dicht, unbequem und lange nachhallend. Kein leichter, aber ein sehr lohnender Hördurchgang.

Label: Grand Hotel van Cleef
VÖ: 20.02.2026
10

Paranoyd Check

Marc Blessing paranoyd

Marc Blessing

Marc ist Webmaster, Chefredakteur und Fotograf des Paranoyd Magazins. Als Spezialist für News, Hausfotograf des LKA Longhorns und IMAGO-Contributor verbindet er tiefgreifende Rock-Expertise mit technischem Know-how. Marc liefert authentische Konzertberichte, professionellen Content sowie pointierte Kolumnen und bildet von Beginn an das journalistische und technische Fundament vom Paranoyd-Magazin.

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