Vier Jahre nach TEKKNO stehen Electric Callboy an einem Punkt, den sich viele Bands vermutlich wünschen würden: Der eigene Sound ist längst unverwechselbar, die großen Bühnen sind erobert und Songs wie „We Got The Moves“, „Pump It“ oder „RATATATA“ funktionieren weit über die ursprüngliche Metalcore-Szene hinaus. Mit TANZNEID muss die Band deshalb niemandem mehr erklären, was sie macht.
Electric Callboy haben ihre Mischung aus Metalcore, Techno, Eurodance, Pop und elektronischen Sounds inzwischen so präzise ausformuliert, dass schon nach wenigen Takten klar sein kann, in welche Richtung ein Song läuft. Das ist zunächst eine Stärke. Auf Albumlänge wird diese Sicherheit allerdings stellenweise zum Problem.
TANZNEID klingt nach Electric Callboy – manchmal sogar so sehr, dass die Überraschung auf der Strecke bleibt.
Electric Callboy und ihr Sound auf TANZNEID
Das musikalische Grundprinzip der Band ist weiterhin bemerkenswert. Harte Gitarren treffen auf elektronische Beats, Synthesizer und tanzbare Rhythmen. Dazu kommen die unterschiedlichen Stimmen von Nico Sallach und Kevin Ratajczak, die zwischen cleanen Pop-Melodien und aggressiven Shouts wechseln.
Diese Kombination ist längst keine Spielerei mehr. Electric Callboy haben daraus einen eigenständigen Sound entwickelt, der innerhalb weniger Sekunden erkennbar ist.
„RATATATA“ mit BABYMETAL zeigt diese Stärke besonders deutlich. Der Song verbindet zwei Welten, die auf dem Papier vielleicht ungewöhnlich erscheinen, musikalisch aber erstaunlich gut zusammenpassen. Auch „Let The Good Times Roll“ mit Dexter Holland funktioniert, weil Electric Callboy ihre Punkrock-Seite zeigen, ohne dabei ihre eigene Identität aufzugeben.
„Elevator Operator“ setzt dagegen wieder stärker auf die bekannten elektronischen und metallischen Elemente. „Hypercharged“ bringt die Zusammenarbeit mit Brawl Stars ins Spiel, während „Still Waiting“ durch Frank Zummo eine zusätzliche Bedeutung bekommt. Mit dem ehemaligen Sum-41-Schlagzeuger sitzt inzwischen ein Musiker bei Electric Callboy hinter dem Schlagzeug, dessen Vergangenheit den Song noch einmal in einen anderen Zusammenhang stellt.
Das Problem liegt nicht bei den einzelnen Zutaten. Es liegt zunehmend darin, wie sie miteinander kombiniert werden.

Man weiß bei mehreren Songs schon, was als Nächstes kommt
Bei TANZNEID stellt sich irgendwann ein merkwürdiges Gefühl ein. Bei mehreren Songs erkennt man den Ablauf erstaunlich schnell: elektronischer oder poppiger Einstieg, großer Refrain, harter Ausbruch und anschließend wieder zurück zur Hook. Natürlich gehört dieses Wechselspiel zum Sound der Band. Aber es wird vorhersehbarer.
Electric Callboy haben ihre Songformel so perfektioniert, dass manche Wendung bereits erkennbar ist, bevor sie überhaupt passiert. Der elektronische Aufbau kündigt den nächsten Metal-Part an. Der poppige Refrain lässt vermuten, dass anschließend wieder die Shouts einsetzen. Und wenn die Gitarren entsprechend vorbereitet werden, ist der nächste harte Part nur noch eine Frage der Zeit.
Das funktioniert nach wie vor. Nur überrascht es nicht mehr immer.
Gerade bei einer Band, deren ursprünglicher Reiz auch darin bestand, vollkommen unerwartete Kombinationen zusammenzuwerfen, fällt das auf. Die Zutaten wechseln. Das Rezept bleibt erstaunlich konstant.
„The Way You Are“ macht genau das richtig
Eine der Nummern, die innerhalb von TANZNEID für etwas mehr Abwechslung sorgen, ist „The Way You Are“.
Der Song startet mit klaren Boyband-Anleihen und eingängigen Pop-Melodien, bevor er in die für Electric Callboy typischen härteren Passagen übergeht. Dieses Spiel mit starken Kontrasten ist für die Band zwar längst nicht neu, funktioniert hier aber erneut sehr gut.
Schon „Hurrikan“ auf TEKKNO zeigte, wie souverän Electric Callboy zwischen unterschiedlichen musikalischen Welten wechseln können. Auch „The Way You Are“ greift dieses Prinzip wieder auf, ohne den Song einfach wie eine Kopie wirken zu lassen.
Nico Sallach bekommt viel Raum für die melodische Seite, während Kevin Ratajczak mit seinen Shouts den nötigen Gegenpol setzt. Gerade dieses Zusammenspiel macht „The Way You Are“ zu einem der unterhaltsameren Momente auf TANZNEID.
Das Konzept ist also vertraut, zeigt aber erneut, wie gut Electric Callboy mit genau diesen Gegensätzen arbeiten können.
„Heartclub“ ist textlich spannender als musikalisch
„Heartclub“ gehört zu den beiden Songs, die bis zur Veröffentlichung nicht bereits als Single bekannt waren. Inhaltlich beschäftigt sich die Nummer mit der perfekt inszenierten Welt von Social Media.
Likes, Herzen und Reichweite werden zum Maßstab für den eigenen Wert. Nach außen wird die möglichst perfekte Version des eigenen Lebens präsentiert, während alles, was nicht in dieses Bild passt, verschwindet.
Die Aussage „I was born enough“ bringt den Gedanken ziemlich direkt auf den Punkt.
Interessant ist das gerade bei Electric Callboy. Schließlich gehört die Band selbst zu den Künstlern, die Social Media ausgesprochen erfolgreich für den eigenen Aufstieg genutzt haben. Hier kritisiert also niemand ein fremdes System von außen. Die Band bewegt sich selbst mitten darin.
Musikalisch bleibt „Heartclub“ dagegen stärker in vertrauten Bahnen. Die härteren Passagen funktionieren, der Refrain bleibt hängen, aber wirklich neue Räume erschließt der Song nicht.

„The Savior“ zeigt eine andere Seite
Deutlich interessanter ist „The Savior“. Hier nehmen sich Electric Callboy etwas mehr Freiheit und verbinden ihren bekannten Sound mit 80s-Pop und Synthwave. Dazu kommen Anleihen aus Classic- und Stadionrock.
Vor allem die Bridge fällt auf, weil sie sich deutlich weiter von der üblichen Electric-Callboy-Struktur entfernt. Auch die Drums wirken hier anders als bei vielen der härteren Nummern. „The Savior“ wird dadurch nicht automatisch zum besten Song des Albums. Aber genau solche Momente machen TANZNEID interessant.
Auch „Revery“ funktioniert in diesem Zusammenhang. Es sind keine radikalen Stilwechsel, aber kleine Verschiebungen, die zeigen, dass der Sound der Band noch längst nicht ausgereizt sein muss.
Das Problem: Es gibt davon einfach zu wenige.
Viel Abwechslung – aber trotzdem ein ähnliches Muster
Das ist wahrscheinlich der größte Widerspruch von TANZNEID.
Auf dem Papier bietet das Album eine Menge Abwechslung. Metalcore, Techno, Eurodance, Pop, Punkrock, Synthwave und verschiedene elektronische Einflüsse finden ihren Platz. Dazu kommen Kollaborationen mit Künstlern aus völlig unterschiedlichen Bereichen.
Trotzdem fühlt sich das Album über längere Strecken weniger abwechslungsreich an, als diese Zutaten vermuten lassen. Der Grund liegt in den Songstrukturen. Immer wieder werden ähnliche Spannungsbögen aufgebaut. Der elektronische oder poppige Teil bereitet den härteren Abschnitt vor, die Stimmen übernehmen abwechselnd ihre bekannten Rollen und die großen Refrains sorgen für die erwarteten Hooks.
Man muss Electric Callboy nicht dafür kritisieren, dass sie nach Electric Callboy klingen. Das wäre ungefähr so sinnvoll, wie einer Punkband vorzuwerfen, dass sie Punk spielt.
Aber die Band hat mittlerweile so viele Möglichkeiten, dass man sich mehr Mut zum Experiment wünschen würde.
Gerade weil Nico Sallach und Kevin Ratajczak stimmlich so unterschiedliche Möglichkeiten besitzen. Gerade weil die Produktion jede Menge Spielraum bietet. Und gerade weil Electric Callboy inzwischen auf einem Niveau angekommen sind, auf dem sie sich solche Experimente problemlos leisten könnten.
Ein Album, das wir eigentlich längst kennen
Hinzu kommt, dass TANZNEID zum Erscheinungstermin für viele Fans gar kein vollständig neues Album mehr ist.
Mit einem großen Teil der Platte waren die Fans bereits vor der Veröffentlichung vertraut. Die entsprechenden Songs wurden über Monate mit Singles und Videos präsentiert. Dadurch fehlt beim ersten kompletten Durchlauf ein Teil des Entdeckungsmoments.
Die beiden bis dahin unbekannten Songs „Heartclub“ und „The Savior“ stehen deshalb fast automatisch unter besonderer Beobachtung. Und ausgerechnet sie zeigen, dass Electric Callboy durchaus noch andere Facetten ihres Sounds ausloten können. Das macht die bereits bekannte Hälfte des Albums nicht schlechter. Es macht aber deutlicher, wie wenig Überraschung am Ende noch übrig bleibt.
Die Remixe öffnen weitere Türen
Die vier Remixe am Ende des Albums funktionieren noch einmal nach einer anderen Logik. Hier zeigen Electric Callboy, wie weit ihr musikalischer Kosmos inzwischen reicht.
Mit unterschiedlichen elektronischen Künstlern wird das Material aus seinem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst und in andere Richtungen verschoben.
Das passt zu einer Band, die längst nicht mehr nur im klassischen Rock- und Metalbereich unterwegs ist. Electric Callboy können inzwischen zwischen Metal-Festivals, großen Hallen und elektronisch geprägten Veranstaltungen wechseln. Diese Offenheit ist eine ihrer größten Stärken.
Und sie macht gleichzeitig noch deutlicher, wie schade es ist, dass TANZNEID innerhalb der eigentlichen Songs nicht häufiger mutiger wird.

Fazit: Handwerklich stark, aber zu sicher
TANZNEID ist handwerklich stark. Die Produktion sitzt, die Mischung aus Metal und elektronischer Musik funktioniert und Electric Callboy wissen inzwischen genau, wie sie ihre beiden Sänger, Gitarren, Synthesizer und Beats einsetzen müssen.
„RATATATA“ zeigt besonders deutlich, wie selbstverständlich Electric Callboy inzwischen unterschiedliche musikalische Welten miteinander verbinden. „Let The Good Times Roll“ funktioniert als Punkrock-Ausflug, „The Way You Are“ spielt mit der eigenen Absurdität und „The Savior“ zeigt, dass auch abseits der bekannten Formel interessante Möglichkeiten liegen.
Aber genau diese Möglichkeiten hätte ich mir häufiger gewünscht.
Electric Callboy sind inzwischen so gut darin, ihren eigenen Sound zu reproduzieren, dass die Überraschung zunehmend fehlt. Nicht jeder Song klingt gleich. Die Einflüsse verändern sich, die Klangfarben wechseln und auch die musikalischen Kooperationen sorgen für unterschiedliche Akzente. Trotzdem ähneln sich die dramaturgischen Abläufe an mehreren Stellen.
Man ahnt den Wechsel. Man erwartet den harten Part. Man weiß ungefähr, wann die Shouts einsetzen. Und bei manchen Songs lässt sich der große Refrain schon erahnen, bevor er tatsächlich kommt. Das ist bei einer Band, deren Reiz auch darin bestand, Grenzen zwischen völlig unterschiedlichen Genres einzureißen, ein bemerkenswerter Punkt.
TANZNEID zeigt deshalb zwei Seiten von Electric Callboy. Einerseits eine Band, die ihren Sound perfektioniert hat und damit inzwischen international funktioniert. Andererseits eine Band, die Gefahr läuft, an genau dieser Perfektion festzuhalten.
Ich hätte mir weniger Sicherheit und mehr Risiko gewünscht. Denn Electric Callboy müssen inzwischen nicht mehr beweisen, dass ihre Formel funktioniert. Sie könnten es sich inzwischen leisten, ihre eigene Formel häufiger bewusst aufzubrechen.
Tracklist – Electric Callboy „TANZNEID“
TANZNEID
RATATATA
Hypercharged (Damian Menu Theme) – Electric Callboy & Brawl Stars
Let The Good Times Roll (feat. Dexter Holland)
Elevator Operator
Heartclub
The Way You Are
Still Waiting (feat. Frank Zummo)
The Savior
Revery
We Got The Moves (Sullivan King Remix)
Tanzneid (Paolo Ferrara Remix)
Hypercharged (Paul Elstak Remix)
Revery (Sullivan King Remix)
Marc Blessing
Marc ist Webmaster, Chefredakteur und Fotograf des Paranoyd Magazins. Als Spezialist für Rock und Metal News sowie Hausfotograf des LKA Longhorns verbindet er Szenekenntnis mit technischem Know-how. Er liefert authentische Konzertberichte, professionellen Content und prägt seit Beginn Qualität, Glaubwürdigkeit und digitale Stärke des Paranoyd Magazins.
