Wenn eine Band ihren Sound als „Modern Metal“ definiert, schwingt darin oft eine gehörige Portion Experimentierfreudigkeit mit. Im Falle von Drawn By Evil bedeutet das konkret: Eine massive Wand aus Heavy-Metal-Tradition, gepaart mit der unbändigen Energie von Thrash-, und Groove Elementen. Die Formation aus Saarbrücken hat sich in der Szene längst einen Namen für ihre kompromisslose Härte gemacht, doch mit ihrem neuesten Werk „Shores“, das am 05. Februar 2026 das Licht der Welt erblickte, setzen sie zum nächsten großen Sprung an. Nachdem bereits vier Vorabsingles die Erwartungshaltung in die Höhe getrieben haben, stellt sich nun die Frage, ob das Album das Versprechen dieser ersten Ausrufezeichen auf voller Distanz einlösen kann.
Zwischen emotionalem Abgrund und politischer Wacht
Drawn by Evil liefern mit ihrem neuen Album ein Werk ab, das gleichermaßen als Spiegel der Seele wie auch als Echo der aktuellen Weltlage fungiert. Inhaltlich ziehen die Musiker keine Handschuhe an: Im Zentrum steht ein tiefgreifender innerer Konflikt, der sich durch das gesamte Songwriting zieht. Die Band thematisiert schonungslos die Lähmung durch Anxiety, die Schwere der Depression und die gefährliche Nähe zum Suizid. Besonders eindringlich gelingt dies dort, wo die psychische Belastung nicht nur als persönliches Schicksal, sondern als schleichendes Gift im Familien- und Freundeskreis beschrieben wird – ein mutiger Blick auf die innere Leere und die oft unsichtbaren täglichen Kämpfe.
Doch das Album verharrt nicht in der reinen Isolation. Dem steigenden globalen Rechtsruck und einer scharfen Kritik an moderner Religion setzen Drawn by Evil die Kraft der Gemeinschaft entgegen. Während die Texte die Hoffnungslosigkeit greifbar machen, fungieren Freundschaft und bedingungslose Loyalität als entscheidende Wegweiser aus der Dunkelheit. Es ist ein Prozess der schmerzhaften Selbstfindung, an dessen Ende nicht die Resignation steht, sondern das Definieren neuer Ziele. Damit gelingt Drawn by Evil der Spagat zwischen bitterer Realität und einem unerschütterlichen Funken Hoffnung, der den Hörer dazu animiert, trotz aller Konflikte neue Wege zu beschreiten.

Tine Blessing
Tine ist die Inhaberin und Chefredakteurin des Paranoyd Magazins. Als Herz und Kopf des Magazins hält sie alle Fäden zusammen, schreibt leidenschaftliche Reviews und berichtet über aktuelle Szene-News. Zudem ist sie als Konzertfotografin schwerpunktmäßig im Raum Stuttgart aktiv.
