Am 27. Februar hat Dan Ganove sein Album „Sexunfall“ veröffentlicht und nennt sich im gleichen Atemzug den „Allerletzten Punk“. Das ist entweder kokette Selbstironie oder eine erschreckend präzise Standortbestimmung. Das Intro plätschert zunächst harmlos vor sich hin, als wolle es sagen: „Beruhigt euch, es wird nicht so schlimm“. Kurz darauf biegt das Ganze mit „Vielen Dank“ in eine Country angehauchte Nummer ab, in der sich Dan Ganove selbst durch den Kakao zieht, sein angeblich nicht vorhandenes Talent besingt und dabei demonstriert, dass Selbstabwertung die charmanteste Form der Selbstvermarktung sein kann.
Dan Ganove zwischen Selbstironie und Selbstüberschätzung
Man lernt früh, dass hier niemand das Maß aller Dinge sein will. Laut Lyrics besitzt der Protagonist allerdings gewisse anatomische Vorzüge. Das sind nicht meine Worte, sondern seine. Wer sich auf dieses Album einlässt, sollte also wissen, dass der Fokus nicht ausschließlich auf feinsinniger Gesellschaftsanalyse liegt. Ein Augenzwinkern ist Pflichtprogramm.
Musikalisch fühlt man sich stellenweise an Die Ärzte erinnert, allerdings in einer Version, die nach zwei durchfeierten Nächten aufgenommen wurde. Nicht ganz Ballermann, aber auch nicht weit entfernt vom flachen Ufer. Und doch wäre es unfair, das vorschnell abzuwerten. Die Songs gehen ins Ohr, kleben sich dort fest und weigern sich, intellektuell geprüft zu werden. Vielleicht hätte Sigmund Freud seine Freude an der permanenten Fixierung auf bestimmte Körperregionen gehabt. Wir anderen begnügen uns vielleicht besser mit einem Schulterzucken.
Dan Ganove: Punk mit angezogener Handbremse
Dass Dan Ganove durchaus weiß, wie Punk klingen kann, zeigt sich in Stücken wie „Eiszeit“. Hier wird das Schlagzeug schneller, die Gitarren bissiger und ein Hauch von Gesellschaftskritik weht durch den Raum. Für einen Moment glaubt man, jetzt käme der große Wurf. Doch Dan Ganove bleibt sich treu und biegt lieber wieder in Richtung gute Laune ab. Vielleicht ist das sogar konsequent. In einer Zeit, in der Oberflächlichkeit längst zum Lebensgefühl erhoben wurde, wirkt Tiefgang fast schon verdächtig. Auch wenn man fairerweise erwähnen muss, dass der Abschlusstrack „The Clash“ eine Hommage an seine verstorbene Mutter ist. Ein Moment, der plötzlich Ernsthaftigkeit in ein Album trägt, das sich zuvor lieber hinter Grinsen und Gitarren versteckt.
Bier statt Bedeutung
Ein Song macht aber noch kein Album. Unterm Strich funktioniert das Ganze nach ein paar Bier vermutlich am besten. Es ist Musik zum Mitgrölen, nicht zum Grübeln. Die Produktion ist sauber und solide, der Gesang angenehm unperfekt. Niemand will ständig klinisch saubere Alben hören, die so glatt sind, dass man sich darin spiegeln kann. Dan Ganove liefert stattdessen raues Entertainment mit kalkulierter Schlampigkeit.
Braucht man sowas wie „Sexunfall“ aber wirklich? Diese Frage ist beinahe philosophisch. Was braucht man überhaupt? Vielleicht sind es genau solche Alben, die ehrlicher sind als die großen Werke mit erhobenem Zeigefinger. „Sexunfall“ will keinen Preis für tiefgründige Lyrik gewinnen. Es will Spaß machen, irritieren, provozieren und im Bierzelt bestehen. Und genau dort gehört es vermutlich auch hin.
Mehr zu Dan Ganove findet ihr in den Socials:
Mia Lada-Klein
Mia ist Redakteurin beim Paranoyd Magazin. Als absolute Spezialistin für Interviews und Reviews verbindet sie ihr Literaturstudium mit ihrer Leidenschaft für das geschriebene Wort. Mia blickt auf eine langjährige Zusammenarbeit mit diversen Magazinen zurück und ist ein wahrer Interview-Profi, der fundiertes Fachwissen mit authentischen Einblicken in die Musikszene vereint.
