Amon Amarth stechen mit „The Allfather Awakens“ zum 13. Mal in See

Amon Amarth im Scheinwerferlicht beim Konzert beim Konzert in See – Credit: Tilo Sief

Mit „The Allfather Awakens“ setzten Amon Amarth am 2. Oktober 2026 ihre mittlerweile mehr als drei Jahrzehnte andauernde Reise fort. Das 13. Studioalbum der Schweden umfasst zehn Songs und verbindet erneut ihren unverkennbaren melodischen Death-Metal mit nordischer Mythologie, mächtigen Hymnen und der tiefen Stimme von Johan Hegg als Geschichtenerzähler längst vergangener Zeiten.

Im Mittelpunkt steht einmal mehr Odin, der Allvater, ohne dass daraus ein klassisches Konzeptalbum entsteht. Vielmehr erzählen Amon Amarth unterschiedliche Geschichten zwischen Mythologie, Schlachten und Opferbereitschaft.

Bleibt die Frage, ob es den Schweden auch 2026 gelingt, aus ihren bekannten Zutaten Songs zu schmieden, die hängen bleiben und auf der kommenden Tour tausende Fäuste nach oben treiben.

Die Mannschaft ist an Bord, die Segel sind gesetzt – Zeit für die 13. Fahrt von Amon Amarth.

Gjallarhorn

Mit einem kurzen Wikingergruß werden die Segel gesetzt, ehe das Schiff Fahrt aufnimmt und in die raue See sticht. Viel Zeit zur Orientierung lassen uns Amon Amarth dabei nicht: „Gjallarhorn“ nimmt unmittelbar Kurs auf eine waschechte Death-Metal-Hymne.

Wuchtige Gitarren, treibende Rhythmen und die unverkennbare Stimme von Johan Hegg treffen auf ein kraftvolles Midtempo, das sich überraschend schnell im Ohr festsetzt. Amon Amarth bewegen sich dabei zwar in gewohntem Fahrwasser, liefern aber genau jene Mischung aus Härte, Rhythmus und epischer Größe, für die die Schweden stehen.

Ein starker Opener für „The Allfather Awakens“ – und gleichzeitig ein Song, der wie geschaffen dafür scheint, auch die anstehende Tour Abend für Abend zu eröffnen.

Eight Legs of Thunder

Die ersten Sekunden von „Eight Legs of Thunder“ wecken unweigerlich Erinnerungen an den Amon-Amarth-Klassiker „Victorious March“, doch lange hält sich der neue Song nicht mit der Vergangenheit auf. Schnell entwickelt er seine eigene Handschrift und wächst zu einer fetten, melodischen Hymne heran, die für Amon-Amarth-Verhältnisse beinahe radiotauglich daherkommt.

Johan Hegg gibt einmal mehr den Geschichtenerzähler und fügt sich mit seinen mächtigen Growls perfekt zwischen die melodischen und rhythmischen Gitarren sowie die druckvollen Drums ein. Der Song besitzt Härte, bleibt dabei aber jederzeit eingängig und enorm griffig. So muss Metal im Jahr 2026 klingen. Mittendrin setzen Amon Amarth mit einem rund 50 Sekunden langen, epischen Gitarrensolo noch das Sahnehäubchen obendrauf.

Kvasir’s Blood

Bei „Kvasir’s Blood“ wird einem bewusst, wie einfach ein richtig guter Metal-Song auf dem Papier eigentlich sein kann. Das Rezept: stampfende, harte Drums, tiefe Gitarren, eine Geschichte aus Johan Heggs mächtigen Growls, eine kurze Bridge und ein Refrain, der sofort im Ohr hängen bleibt.

Dann? Einfach noch einmal. Ein Gitarrensolo dazu, ein drückender Midtempo-Part und zum Abschluss noch einmal der Refrain. Fertig ist die nächste Hymne. So einfach kann guter Metal sein – und gleichzeitig so verdammt schwer, wenn man dieses vermeintlich simple Rezept mit einer solchen Perfektion beherrschen will wie Amon Amarth.

We Rule the Waves

Mit dem bereits 2025 veröffentlichten „We Rule the Waves“ nimmt unser Langschiff endgültig Fahrt auf. Und kaum ein Song könnte besser zu unserer bisherigen Reise passen, denn hier liefern Amon Amarth praktisch die Wikinger-Hymne schlechthin.

Inhaltlich führt uns die Reise weit über die bekannten Küsten hinaus. Die Nordmänner folgen dem Wasser, entdecken neue Länder und tragen ihren unbändigen Freiheitsdrang über Meere und Flüsse in die Ferne. Das Schiff wird dabei zum Sinnbild für Abenteuerlust, Zusammenhalt und den Willen, sich niemandem zu unterwerfen.

Musikalisch verpacken Amon Amarth diese Geschichte in eine wuchtige und enorm eingängige Hymne, deren Refrain geradezu danach verlangt, von einer ganzen Halle mitgebrüllt zu werden. Unser Schiff hat den sicheren Hafen längst verlassen – jetzt gehören ihm die Wellen.

Upphaf

Mit „Upphaf“ wagen Amon Amarth etwas Neues und präsentieren erstmals in ihrer Bandgeschichte einen reinen Akustik-Song. Nach der bisherigen Wucht des Albums wirkt das Stück allerdings weniger wie ein eigenständiger Song als vielmehr wie ein atmosphärisches Zwischenspiel.

Vor dem inneren Auge entsteht das Bild einer dunklen Stube irgendwo im hohen Norden. Das Feuer knistert im Ofen, die Kinder haben sich versammelt und Johan Hegg erzählt mit seiner tiefen Stimme einmal mehr die alten Geschichten des Allvaters.

Das Experiment ist spannend, aber an der akustischen Seemannskunst dürfen Amon Amarth gerne noch ein wenig feilen.

Die with a War Cry

Mit „Die with a War Cry“ kehren Amon Amarth nach dem akustischen Zwischenspiel zurück ins vertraute Fahrwasser. Ein tief stampfender Rhythmus, mächtige Growls und Midtempo in Reinform bestimmen das sechste Stück.

Ein Glanzstück des Albums ist der Song zwar nicht, dafür aber ein grundsolider Brecher, der hörbar für die Bühne geschrieben wurde. Der Rhythmus fordert Bewegung, der Refrain Beteiligung – vor dem inneren Auge sieht man bereits die Menge, die Fäuste im Takt Richtung Himmel reckt.

Kein großer Überraschungsangriff, aber einer, der live vermutlich genau dort trifft, wo er soll.

Amon Amarth Allfather - Credit SylwiaMakris and Christian Martin Weiss
Amon Amarth Allfather – Credit SylwiaMakris and Christian Martin Weiss

Raven God

Aus der Ferne nähert sich ein lang gezogenes Gitarrenintro und kündigt mit „Raven God“ den nächsten Nackenbrecher an. Was anschließend folgt, vereint auf 4:31 Minuten nahezu alle Elemente, die Amon Amarth auf diesem Album bislang aufgefahren haben.

Stampfende Rhythmen, mächtige Growls, melodische Gitarren und die typische epische Wucht verschmelzen zum Prototyp eines Amon-Amarth-Songs. Neu erfunden wird hier wenig – dafür wirkt „Raven God“ beinahe wie ein Marsch durch die gesamte Geschichte der Schweden, bei dem bekannte Trademarks noch einmal gebündelt und kraftvoll neu aufgelegt werden.

Wenn man jemandem in gut vier Minuten erklären müsste, wie Amon Amarth klingen, wäre „Raven God“ eine ziemlich passende Antwort.

The Allfather Awakes

Zum Titeltrack nimmt unsere Galeere plötzlich richtig Fahrt auf. Wenn der Allvater erwacht, muss offenbar schneller gerudert werden als je zuvor: Der Rhythmus treibt unerbittlich nach vorne und vor dem inneren Auge steht Johan Hegg am Bug, der seine Mannschaft anpeitscht. Und Odin? Der fährt natürlich stets mit.

„The Allfather Awakes“ besitzt genau jene bildgewaltige Qualität, die Amon Amarth besonders gut beherrschen. Neben „Eight Legs of Thunder“ gehört der Titeltrack zu den stärksten Momenten des Albums, wenn es darum geht, den Hörer nicht einfach nur einen Song hören zu lassen, sondern ihn mitten in einen Film zu ziehen.

Die Ruder schlagen im Takt, die Galeere pflügt durch die See – und Amon Amarth liefern den passenden Soundtrack dazu.

Oden’s Hunt

Mit „Oden’s Hunt“ wird das bisherige Klangbild des Albums ziemlich unsanft über Bord geworfen. Statt großer Melodien oder epischer Inszenierung gibt es vor allem eine Richtung: nach vorne.

Der Song folgt dabei einer erstaunlich geradlinigen Struktur und entwickelt sich zum kompromisslosen Nackenbrecher für jeden Propeller-Banger vor der Bühne. Hier wird nicht lange erzählt oder aufgebaut – hier wird der Kopf kreisen gelassen, bis im schlimmsten Fall der eine oder andere Nackenwirbel die Formation verlässt.

Keine große Überraschung, keine Umwege – einfach Vollgas.

Ascending Like an Eagle

Schon der Blick auf die Tracklist lässt bei 6:45 Minuten Spielzeit erahnen, dass Amon Amarth ihr Album nicht einfach auslaufen lassen wollen. Ein langes, melodisches Intro öffnet die Tore zur großen Endschlacht, in die sich die Schweden anschließend mit aller Macht werfen.

„Ascending Like an Eagle“ wächst schnell zu jenem monumentalen Finale heran, das man an dieser Stelle erwartet. Zur Mitte hin verliert der Song allerdings etwas an Dynamik und vermittelt zeitweise den Eindruck, als würde das Ende künstlich in die Länge gezogen. Seinen Zweck erfüllt das Stück dennoch: als hymnischer und epischer Endkampf auf der großen Bühne.

Die Schlacht ist geschlagen, die Segel werden ein letztes Mal gesetzt – und nach einer langen Fahrt über raue See beginnt für unsere Mannschaft der Weg zurück nach Hause.

Fazit

„The Allfather Awakens“ erfindet weder Amon Amarth noch den Viking Metal neu. Stattdessen liefern die Schweden ein gutes, solides Album ohne großen Schnickschnack oder unnötige Experimente. Amon Amarth machen schlicht das, was sie seit Jahrzehnten besonders gut können: mächtige Riffs, stampfende Rhythmen, eingängige Hymnen und Johan Hegg als unverwechselbaren Geschichtenerzähler.

Mit „Upphaf“ wagt die Band zwar erstmals den Schritt zu einem reinen Akustik-Song, wirklich verlassen wird das vertraute Fahrwasser ansonsten jedoch kaum. Das muss aber auch nicht zwingend ein Nachteil sein. „Eight Legs of Thunder“ und „The Allfather Awakes“ gehören zu den klaren Höhepunkten und zeigen, wie bildgewaltig und mitreißend Amon Amarth auch 2026 noch klingen können.

Mit Blick auf die große Tour im Herbst dürfte ohnehin schnell deutlich werden, wofür einige dieser Songs geschaffen wurden. Auf „The Allfather Awakens“ finden sich gleich mehrere Stücke, bei denen man bereits beim ersten Hören gereckte Fäuste, kreisende Köpfe und große Arenen vor Augen hat.

Kein neu erfundenes Meisterwerk – aber ein verdammt solides Amon-Amarth-Album, das genau weiß, was es sein will.

Amon-Amarth - The Allfather Awakens Albumcover
Amon-Amarth – The Allfather Awakens
  1. Gjallarhorn
  2. Eight Legs of Thunder
  3. Kvasir’s Blood
  4. We Rule the Waves
  5. Upphaf
  6. Die with a War Cry
  7. Raven God
  8. The Allfather Awakes
  9. Oden’s Hunt
  10. Ascending Like an Eagle
Veröffentlichung: 02. Oktober 2026
Label: Metal Blade
Genre: Melodic Death Metal
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Tilo Sief

Tilo ist Fotograf & Redakteur beim Paranoyd Magazin. Dokumentiert Konzerte & Festivals in NRW, BeNeLux & Ruhrgebiet mit Leidenschaft & Präzision. Er bringt eine Menge Erfahrung mit und kennt sich bestens in der Szene aus.

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